Vom das bereits vorweg klarzustellen: Wer betrügt, muss die Konsequenzen dafür tragen. Betrug ist kein zu tolerierendes Mittel. Trotzdem macht mich der Umgang mit dem VW-Skandal nachdenklich – fast mehr als der Skandal selbst.

Plötzlich sind alle Autoexperten. Die ganze Welt verurteilt einen Konzern, der für 200 Milliarden Umsatz im Jahr steht. Dessen Produkte bisher also weltweit Anklang fanden. Anders lässt sich so ein Umsatz schließlich nicht erreichen. Jetzt soll – innerhalb weniger Tage – alles anders sein. An der Börse verlor Volkswagen in der Spitze mehr als 40 Prozent seines Werts.

Ist das gerechtfertigt? Ich denke nicht!

Natürlich drohen dem Unternehmen aufgrund seines Fehlverhaltens empfindliche Strafen. Bis zu 18 Milliarden US-Dollar stehen im Raum. Dazu kommen möglicherweise Schadenersatzansprüche von Kunden, die sich betrogen fühlen. Oder wahrscheinlich, deren Anwälte ihnen dies erzählen. Denn gerade in den USA ist die sogenannte Produkthaftung ein weites Feld.

Vor einigen Jahren erstritt Stella Liebeck 640.000 US-Dollar. Sie hatte bei McDonald’s einen Kaffee gekauft und diesen beim Autofahren mit den Beinen festgehalten. Beim Fahren zog sie sich vom verschütteten Kaffee Verbrühungen zu. Selbst Schuld, denke ich, denn zwischen die Beine gehört beim Fahren kein Kaffeebecher.

Trotzdem musste McDonald’s in den USA für die Doofheit seiner Kundin zahlen. Seither drucken Unternehmen in den USA auf ihre Kaffeebecher den Hinweis, dass Kaffee heiß ist. Bei Autos für den amerikanischen Markt steht oft „Objects in mirror are closer than they appear“ im Spiegel. Auch das ist das Ergebnis zahlreicher Schadenersatzprozesse. Trotzdem erinnern die Reaktionen auf das sogenannte #Dieselgate an Hysterie und sind in meinen Augen völlig überzogen.

Hysterie beim VW-Skandal #Dieselgate

Das fängt beim möglichen Strafmaß in den USA an. 18 Milliarden sind möglich. Für ein Vergehen, das nicht nur ich für den Auswuchs eines System-Fehlers halte. Denn die Laborversuche, die weltweit bei Verbrauchsmessungen zum Einsatz kommen, führen schon vom System her zu Ergebnissen, die im Alltag nicht reproduzierbar sind. Die Tatsache, dass der Hybrid-Sportwagen BMW i8 einen Normverbrauch von 2,1 Litern für 100 Kilometer hat, offenbart die Fehler im System.

Kein Wunder, dass die Verbrauchsangaben von allen Herstellern mit rund 300 Worten langen Sternchenverweisen erklärt werden. Kaffee ist heiß – lässt grüßen. Denn der individuelle Verbrauch und damit der Schadstoffausstoß des eigenen Fahrzeugs hängt vom persönlichen Fahrverhalten ab. Der Sportfahrer, der sein Auto regelmäßig im Grenzbereich durch die Gegend jagt, verbraucht mehr. Der Energiesparer, der regelmäßig den Schwung seines Fahrzeugs nutzt, ist natürlich sparsamer unterwegs.

Insofern kann der Laborverbrauch prinzipiell nur eine Vergleichsgröße des theoretisch Machbaren sein. Der Vorteil, den Elektrofahrzeuge bei der Messung haben, zeigt, dass die Parameter fast beliebig justierbar sind. Je nachdem, was gerade politisch gewollt ist! Und auch die Tatsache der Zykluserkennung ist keinesfalls neu. Nur hat bisher keinen interessiert.

Ist das Strafmaß politisch motiviert?

Natürlich ist Betrug inakzeptabel. Trotzdem finde ich, dass im Raum stehende Strafmaß zumindest bemerkenswert. Angesichts der Tatsache, dass General Motors im Skandal um defekte Zündschlösser mit einer Strafe von 900 Millionen US-Dollar zahlte, sind die kolportierten 18 Milliarden ein schlechter Witz.

Denn die defekten Zündschlösser in zahlreichen GM-Fahrzeugen kosteten 124 Menschen das Leben. Dazu verletzten sie weitere 275 Menschen zum Teil schwer. GM richtete daher einen Entschädigungsfonds in Höhe von 625 Millionen US-Dollar ein, um die Hinterbliebenen zu entschädigen. Insgesamt geht GM davon aus, dass der Skandal Kosten in Höhe von rund drei Milliarden US-Dollar verursacht.

Denn natürlich belasten – zusätzlich zu Strafe und Schadenersatz – auch die Kosten für die Umrüstung von rund 2,6 Millionen betroffenen Fahrzeugen die GM-Bilanz. Dazu kommt noch ein – schwer zu beziffernder – Vertrauensschaden. Ein Imagegau für einen aufstrebenden Wettbewerber ist sicherlich nicht das Schlechteste, was dem US-Unternehmen GM ein Jahr nach dem Schlüsselgate passieren kann.

Toyota hat das schon hinter sich!

Und dieser Fall sorgt für eine weitere Auffälligkeit. Denn GM kam beim Strafmaß der US-Behörden deutlich günstiger weg, als der japanische Konkurrent Toyota. Dem warfen die US-Behörden klemmende Gaspedale vor. Zeitweilig stand deshalb bei Toyota sogar die Produktion der US-Modelle still. Der Börsenwert von Toyota sank um 22 Prozent. Laut der US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit (National Highway Traffic Safety Administration) waren die klemmenden Gaspedale für rund 200 Unfälle und 34 Tote verantwortlich.

Japans Nummer eins zahlte daher eine Strafe von 1,2 Milliarden US-Dollar. Natürlich sollte ein Menschenleben keinen Preis haben. Aber bei den Strafzahlungen wird deutlich, dass GM pro Toten „nur“ 7,25 Millionen zahlte. Toyota kostete jeder Todesfall rund 35 Millionen US-Dollar. Bei diesen Zahlen entsteht unweigerlich der Eindruck, dass das Strafmaß in den USA nicht frei von Protektionismus ist.

Sind die US-Dieselvorschriften glaubwürdig?

Die USA haben die schärfsten Abgasvorschriften der Welt. Nicht zu vergessen, wir reden dabei von einem Land, indem das sogenannte Fracking Teile des Lands verwüstet hat. Der Dokumentarfilm „Gasland“ zeigt die Folgen eindrucksvoll. Doch diese Umweltzerstörung nehmen die USA in Kauf, um in der eigenen wirtschaftlichen Krise die Abhängigkeit von Ölimporten zu reduzieren.

Auch wir profitieren zurzeit an der Tankstelle mit „günstigen“ Benzinpreisen indirekt von Fracking. Schließlich haben die klassischen Ölproduzenten ihre Produktion hochgefahren, um die Weltmarktpreise zu drücken. Sie wollen das vergleichsweise teuere Fracking damit unwirtschaftlich machen. Vermutlich klappt das sogar, denn der Boom beim Fracking scheint schon überschritten.

Der Umgang mit dem Fracking macht deutlich, dass in den USA die Umwelt hinter wirtschaftlichem Erfolg steht. Ausgerechnet dieses Land sagt dem sparsamen Dieselmotor unter dem Deckmantel der Umweltfreundlichkeit den Kampf an? Glaubwürdigkeit sieht anders aus! Zumal die Verschärfung der Grenzwerte zu einem Zeitpunkt erfolgte, als sich in den USA immer mehr Kunden für sparsame Motoren interessierten.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Denn auch hier ist ein gewisser Protektionismus nicht von der Hand zu weisen. Schließlich profitierte von den Grenzwerten zunächst die amerikanische Autoindustrie. Sie wurde durch die Abgasnormen vor sparsamen Dieselmotoren, deren Entwicklung sie verschlafen hat, geschützt. Mit der Folge, dass Herausforderer VW nach der Verschärfung der Vorschriften einige Zeit beispielsweise gar keine Dieselmotoren in den USA anbot.

Natürlich hat VW bei der Rückkehr der Dieselmotoren in die USA Fehler gemacht. Betrug bei den Messungen ist nicht tolerabel. Aber das Strafmaß und unser Umgang damit sollten die Verhältnismäßigkeit wahren. Schließlich steht VW auch für 600.000 Arbeitsplätze. Zudem ist VW mit seinem weltweiten Erfolg bis heute ein wichtiger Bestandteil unser Volkswirtschaft.

Wir müssen aufpassen, dass wir mit unserer Kritik nicht an den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Wenn ich den Aufschrei von Grünen wie Anton Hofreiter höre, die in der aktuellen Situation nur gegen die Macht der Konzerne wettern, bekomme ich das Kotzen.

Was lernen wir aus den Affären?

Mir zeigen alle Probleme, ob GM, Toyota oder Volkswagen, dass Geiz gar nicht geil ist. Bei GM waren die Probleme mit Zündschlössern beseitigt, die vielleicht fünf Dollar mehr gekostet hätten. Ein größerer Filter, der beim in den USA auffällig gewordenen VW Jetta vermutlich zu einem besseren Ergebnis geführt hätte, kostet auch nur eine Handvoll Dollar.

VW wird – sofern technisch möglich – die elf Millionen betroffenen Fahrzeuge nachrüsten. Schon das dürfte einen Schaden in Milliardenhöhe verursachen. Bei 500 Euro pro Auto (Teile, Werkstatt, Nutzungsausfall) komme ich auf 5,5 Milliarden Euro. Schon das ist ein heftiger Schluck aus der Pulle. Auch wenn Volkswagen im vergangenen Jahr einen Gewinn von 12,7 Milliarden Euro machte.

Trotzdem – oder deswegen – macht mich der Umgang mit der Affäre nachdenklich. Bei den Kommentaren zum Wertverlust an der Börse dominieren Schadenfreude, Vorverurteilungen und Abstrafungen. Kritiker wie Hofreiter fixieren sich überwiegend auf eine inhaltsleere Pauschalkritik an der Macht der Konzerne. Natürlich braucht auch eine globalisierte Welt Regeln. Doch all die Gutmenschen registrieren nicht, dass Länder Kriege auch mit Mitteln wie Strafzahlungen führen.

Hoffnung gibt, dass die Eigentümer schnell reagiert haben. Dazu zählt übrigens mit einem Anteil von 20 Prozent auch das Land Niedersachen. Neuen Verantwortliche müssen jetzt den Tanker VW wieder auf Kurs zu bringen. Mehr war in der Kürze der Zeit gar nicht möglich.

Es ist gut, dass VW sich selbst mit öffentlichen Äußerungen im Moment auf ein Mindestmaß beschränkt. Offensichtlich beschäftigt sich das Unternehmen zunächst mit der Analyse, wie es zu dem Desaster kommen konnte. Anschließend folgt auf dieser Grundlage die Konzeption einer Problemlösung. Das sieht nach einem professionellen Krisenmanagement aus und macht das Unternehmen an der Börse längst wieder zu einem Kauftipp.

3 Comments

  1. Voll der vw-Fanboy du bist, was tun die Dir für solche Gefälligkeitsartikel zahlen? Oder bist Du so blöd den Scheiss ohne Bezahlung zu veröffentlichen weil du deren Autos schönschreiben darfst.

    • Vielen Dank für Ihre Zuschrift. Unsere Artikelauswahl folgt dem Grundsatz der journalistischen Unabhängigkeit. Es gibt daher keinen Zusammenhang zwischen Werbung und Artikelinhalten. Alle Werbeleistungen sind als Anzeige gekennzeichnet.

  2. Ich finde nicht, dass man klemmende Gaspedale oder defekte Zündschlösser mit einem VORSÄTZLICHEN Betrug vergleichen kann. Volkswagen kennt schließlich die Gesetzgebung in den Ländern (oder hätte sie kennen sollen). Ich denke dieses kann man auch nicht mit Arbeitsplätzen oder „Bestandteil der Volkswirtschaft“ rechtfertigen. Ich selbst bin ein riesieger Volkswagen-Fan – aber menschlich von dieser Marke total enttäuscht. Ein Konzern, der an die Weltspitze will, darf sich so etwas nicht erlauben – und auch wir dürfen so etwas nicht mit uns machen lassen. Sicherlich gebe ich Ihnen recht, mit der Ansicht, das dieses Strafmaß politisch motiviert ist – Aber bei dieser Steilvorlage?? Da kann keiner daran vorbeigehen.

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