Wenn ich an die Autos zurückdenke, die in meiner Grundschulzeit entstanden, komme ich heute noch ins Schwärmen. Ob sich heutige Kinder in 40 Jahren auch noch für die heutigen Autos begeistern? Ich habe da so meine Zweifel.

Denn die Autos der 1970er-Jahre verströmten mehr von dem, was wir heute Sex-Appeal nennen. Zugegeben „Sex-Appeal“ war eine Vokabel, die ich vor 45 Jahren noch nicht verstand. Trotzdem nahm meine Leidenschaft für rollendes Blech im heißen August 1975 deutlich an Fahrt auf. Denn in diesem Sommer startete ich in den Ernst des Lebens. Mit etwas Grauen denke ich daran zurück, dass ich an meinem ersten Schultag eine kurze Strickhose trug. Die Kleidungs-Mode damals war schrecklich. Doch lassen wir das.

Ich begriff schnell, dass sich Bildung lohnt. Denn dank meiner langsam reifenden Lesefertigkeit erhielten die Bleiwüsten in Autozeitschriften endlich einen Sinn. Das half mir, mein auch damals schon ausgeprägtes Interesse an Autos auszuweiten. Wie die heutige Jugend ihre Zeit mit Netflix und Chat-Nachrichten verbringt, vertiefte ich mich in Autozeitschriften. Das verstanden in meinem Umfeld nicht alle. Mein Vater wetterte regelmäßig darüber, wenn ich mich mal wieder ausführlich mit dem beschäftigte, was in seinen Augen Klo-Lektüre war.

Jede Jugend ist anders!

Ich las regelmäßig „Gute Fahrt“, „ADAC Motorwelt“ sowie „auto motor und sport“. Wobei ich wahrscheinlich damals der einzige Sechsjährige war, der „auto motor und sport“ im „Abonnement“ bezog. Meine Oma bestellte die Zeitschrift auf den Namen meines Opas, um das ungelesene Heft für mich zur Seite zu legen. Denn der Name auf dem Adressaufkleber entsprach ja auch meinem. Zum Dank mähte ich als schon Grundschüler regelmäßig bei meinen Großeltern den Rasen und half beim Putzen des Schwimmbads.

Zu meinem großen Glück wohnten meine Großeltern fast direkt neben meiner Schule. Ich holte alle zwei Wochen mittwochs die neue Ausgabe ab, um sie auf dem Heimweg im Gehen zu lesen. Dabei war es sicher ein Vorteil, in der Provinz aufzuwachsen. Denn dort war vor 45 Jahren der Verkehr noch nicht so dicht wie heute. So war das Lesen im Gehen damals dort gefahrlos möglich, zumal ich auf dem Heimweg nur eine Straße überqueren musste. Eine Straße, die in unser Gemeinde damals noch nicht einmal durchgängig asphaltiert war. Kaum zu glauben, dass das nur 45 Jahre her ist.

Scheinbar prägte mich diese Zeit!

Schon in mein erstes Schuljahr fiel die Premiere einiger Klassiker. Denn damals debütierten Autos wie der BMW 6er (Baureihe E24) oder die Baureihe W123 von Mercedes-Benz. Beim heutigen Mercedes-Programm wirkt es etwas befremdlich, aber der W123 war für „auto motor und sport“ damals „der kleine Mercedes“. Auch der Porsche 924 oder der erste Ford Fiesta kam 1975/76 auf den Markt. Die Autozeitschriften begleiteten all dies ausführlich. Ich verschlang jede Zeile und kenne auch heute teilweise noch Details, die die Kollegen damals über die neuen Autos schrieben.

Bis heute verbinde ich die damaligen Premieren deshalb mit ihren Designern. Den wunderbaren 6er von BMW schuf Paul Bracq, bevor der Franzose zu Peugeot wechselte. Harm Lagaay, damals nicht einmal 30 Jahre alt, kleidete den Porsche 924 ein. Bruno Sacco verantwortete mit dem W 123 bei Mercedes die Gestaltung eines Autos, das heute als das Beste seiner Zeit gilt. Tom Tjaarda schuf bei Ford den Kleinwagen, dessen Codename in der Entwicklung „Bobcat“ (Rotluchs) lautete. Allein die Designer-Namen zeigen, dass die Autoindustrie vor vier Jahrzehnten eine völlig andere war.

Denn wissen Sie, wer heute bei Mercedes das Design der A-Klasse verantwortet? Kennen Sie den Namen des Schöpfers des A5 Coupés bei Audi? Selbst ein echter Car-Guy schüttelt die Antworten auf diese Fragen nicht sofort aus dem Ärmel. Vielleicht sind auch deshalb viele neue Autos heute so farblos. Ohne eine Person, die sich mit dem Auto verbinden lässt, fehlt dem Produkt Persönlichkeit. Und deshalb fürchte ich, dass in Zukunft wohl niemand mehr mit Begeisterung an die Autos des Jahrgangs 2020 wie die vor ein paar Tagen vorgestellte neue S-Klasse von Mercedes-Benz zurückdenkt!

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