In Doha ehrte die FIA kürzlich ihre Weltmeister. Wie schon im Vorjahr fuhren die Franzosen Sébastien Ogier und Julien Ingrassia für Volkswagen zum Titel. Womit der VW Polo R WRC als Doppelweltmeister mit dem legendären Audi Quattro gleichzog. Doch anders als in den 1980er bekommt das kaum jemand mit. Denn damals hockte die Nation fasziniert vor den Fernsehschirmen, um Ausnahmekünstler wie Walter Röhrl oder Hannu Mikkola über die Pisten driften zu sehen.

Doch das ist längst Vergangenheit. Im kommenden Monat ist es schon 35 Jahre her, dass der Lange aus Regensburg erstmals bei der Rallye Monte Carlo siegte. Für die U30-Fraktion unter unsern Lesern muss man an dieser Stelle vielleicht erklären, dass die Rallye Monte Carlo einmal so etwas wie die Königin des Motorsports war. Früher, als der Rallyesport noch eine echte Ausdauersportart war, wurde jeden Januar rund um das kleine Fürstentum der König der Autofahrer gekrönt.

Die Suche begann mit einer Sternfahrt. Deutsche Teilnehmer gingen meist von Bad Homburg aus auf die Reise. Ihre Wettbewerber starteten in Amsterdam, London, Kopenhagen, Rom, Turin oder Barcelona. Selbst auf dem Höhepunkt des kalten Kriegs konnte man in den 1970er oder 1980er-Jahren von Warschau aus in das Abenteuer der Rallye Monte Carlo starten. Auf eigener Achse ging es so, gewissermaßen als Ouvertüre, an die Côte d’Azur. Kaum war das Ziel der Sternfahrt erreicht, standen drei mit zahlreichen Wertungsprüfungen gespickte Etappen auf dem Programm.

Vereinfacht betrachtet, wurde bei der Mutter aller Rallyes einfach Tag und Nacht gefahren. Die Strecke führte durch die Seealpen des französischen Hinterlandes sowie die Riviera entlang. Durch Monaco führten nur Verbindungsetappen. Bevor Walter Röhrl und Christian Geistdörfer 1980 am Hafen von Monte Carlo ihren Sieg feiern durften, hatten sie mit ihrem FIAT 131 Abarth eine Strecke von 3865 Kilometern absolviert und 30 Wertungsprüfungen mit 601 Wertungskilometern bestritten – ohne die Sternfahrt.

Die „Nacht der langen Messer“

Vor 30 Jahren kämpften die Rallye-Piloten also gut 10 Stunden um jede Sekunde. Wobei der enge Zeitplan auch auf den Verbindungsetappen kaum ein Ausruhen ermöglichte. Absoluter Höhepunkt war die berühmt-berüchtigte Etappe über den „Col de Turini“. Dessen Überquerung tief in der Nacht faszinierte Piloten und Fans. Die immer zahlreich anwesenden Fans sorgten entlang der kurvenreichen Strecke sorgten immer wieder für zusätzliche Spannung. Mit ihren traditionellen Schneeballschlachten sorgten sie bei den Fahrern immer auch für ein gewisses Unbehagen. Denn mit dem Schnee machten sie das schnelle Asphaltband noch etwas tückischer.

Eine Vorstellung von den Zuständen vermittelt ein Video, das dokumentiert, wie jüngst Stig Blomqvist noch einmal den „Col de Turini“ mit seinem Audi Sport Quattro S1 in Angriff nahm. Heutige Rallyes sind immer noch eine Herausforderung. Doch angesichts der Zustande vor 35 Jahren wirken sie fast wie ein lustiger Kindergeburtstag. Heutige WM-Rallyes haben maximal ein Drittel der Länge einer traditionellen Rallye Monte Carlo. Es ist wohl auch nicht mehr vorstellbar, dass die High-Tech-Boliden der WRC vor dem Start des Wettbewerbs auf eigener Achse von Kopenhagen nach Monte Carlo rollen.

Zumindest bei RTL würden es die Verantwortlichen einer TV-Station sicherlich begrüßen, wenn die im eigenen Programm tagelang als Asphalthighlight angekündigte Wertungsprüfung „nur“ durch das Zutun einiger Fans plötzlich zu einer Schneeparty wird. Die Veranstalter der Rallye Monte Carlo haben sich ab 2009 immerhin für drei Jahren dem Diktat des WM-Reglements entzogen. Im Rahmen der „Intercontinental Rally Challenge“ könnten sie einige Besonderheiten ihrer Rallye bewahren.

Seit 2012 gehört die Monte wieder zum WM-Programm. Doch vom Ganz vergangener Tage ist die Rallye weit entfernt, ist längst keine strahlende Königin mehr. Will man sich für ein Bild unbedingt der Titel des Adels bedienen, so ist die Rallye Monte Carlo heute wohl allenfalls eine freche Komtess, die im Januar ihren Prinzen sucht, dabei aber aufpassen muss, nicht zur alten Jungfer zu verkommen.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Die FIA zeichnete in Doha Volkswagen für den Gewinn der Rallye-WM aus. (Foto: Volkswagen)

Die FIA zeichnete in Doha Volkswagen für den Gewinn der Rallye-WM aus. (Foto: Volkswagen)

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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