Vor fast zwei Jahren schrieb ich hier darüber, dass das Elektroauto mal wieder im Trend liegen würde. In der Tat bieten alle namhaften Autohersteller inzwischen Hybridfahrzeuge an. Immer mehr Hersteller stellen auch rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge vor. Es scheint, als ob die Abkehr vom Verbrennungsmotor diesmal nicht aufzuhalten ist. Zumal heutige Elektroautos konsequent als Elektroauto entwickelt werden.

Das war bisher oft anders. Denn bis in die 1990er Jahre wurden Elektrofahrzeuge – zumindest bei den großen Herstellern – oft nachträglich von „normalen“ Autos abgeleitet. Böse Zungen sagen, das war dann „Schwabbel mit Speck“ oder „Nichts Halbes und nichts Ganzes“. Typische Vertreter dieser Zeit waren Exemplare der 1989 vorgestellte Golf CityStromer oder der 1993 vorgestellte Citroën AX Electrique. Anders als der 1972 zur Olympiade vorstellte elektrische BWW 1602 waren sie keine Einzelstücke mehr.

Golf CityStromer – Erprobungsträger für Stadtwerke

Bei VW gab es bereits ab 1976 einen elektrifizierten Golf als Versuchsträger. Rund zehn Jahre testen die Entwickler unterschiedliche Batterie- und Motortypen. Dann fällt die Entscheidung, den Golf CityStromer auf Basis der zweiten Golf-Generation zu entwickeln. Ab 1989 wird das Fahrzeug regulär angeboten. Der Golf CityStromer ist mit einem 18,5 kW starken Gleichstrommotor ausgerüstet. 96 Volt beträgt die Betriebsspannung.

Antriebstechnik im Golf CityStromer
Antriebstechnik im Golf CityStromer (Foto: VW)

Den für den Vortrieb notwenigen Strom speichern 16 Blei-Gel-Batterien, die unter dem Kofferraumboden eingebaut sind. Ihre Kapazität beträgt 120 Amperestunden. Dies ermöglicht eine Reichweite von rund 50 Kilometern. Bei Bedarf beschleunigt der Golf CityStromer in 13 Sekunden auf 50 km/h und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. Aufgeladen wird der Golf CityStromer an einer normalen 220-Volt-Steckdose. Am „Kühlergrill“ befindet sich eine Klappe, hinter der sich ein herausziehbares Stromkabel verbirgt.

Damit der zur Verfügung stehende Strom ausschließlich für den Antrieb genutzt wird, werden Nebenaggregate im Golf CityStromer aus anderen Quellen versorgt. So ist zum Beispiel eine mit Dieselkraftstoff betriebene Heizung an Bord, um auch im Winter im Innenraum für angenehme Temperaturen sorgen zu können.

Große Verbreitung findet der Golf CityStromer trotz dieser Komfortoption nicht. Dazu trägt auch bei, dass im Wesentlichen nur regionale Energieversorger den Golf CityStromer erwerben können. Ein Verkauf an Privatleute findet offiziell nicht statt. Zusammen mit dem Nachfolger im Kleid des Golf III entstehen bis 1996 circa 120 Golf CityStromer.

Citroën AX Electrique – Kleinwagen mit Elektroantrieb

Auch der Citroën AX Electrique wurde von einem „normalen“ Serienfahrzeug abgeleitet. Sieben Jahre nach Einführung des AX gab es bei Citroën im Dezember 1993 auch den 100 Prozent elektrisch angetriebenen AX. Ähnlich wie beim Golf waren auch beim AX Electrique die Lenkung, das Bremssystem und sowie alle anderen Funktionen mit Ausnahme des Antriebs und der Heizung vom Standard-AX abgeleitet.

Der Citroën AX Electrique von 1993 (Foto: Citroën)
Der Citroën AX Electrique, ein typisches Elektroauto von 1993 (Foto: Citroën)

Für kalte Tage verfügt auch der Citroën AX Electrique über eine Kraftstoff betriebene Zusatzheizung. Den Antrieb übernimmt im elektrifizierten Franzosen ein 20 kW starker Gleichstrommotor, der aus Nickel-Cadmium-Batterien mit Strom versorgt wird. Die Reichweite des Kleinwagens liegt bei circa 80 Kilometern.

Neben dem Verbrennungsmotor ist im AX Electrique auch das herkömmliche Schaltgetriebe entfallen. Der Elektromotor treibt direkt die Räder an. Das macht das Fahren mit einem Automatikfahrzeug vergleichbar. Zudem steht dadurch eine Motorbremse zur Verfügung, die bei „Gaswegnahme“ zur Energie-Rückgewinnung genutzt wird. Dies wird von einer Elektronik gesteuert. Sie begrenzt zur Maximierung der Reichweite auch die Fahrzeugleistung, wenn die Energie zur Neige ging.

Bis zum Produktionsende 1996 werden immerhin insgesamt 374 Exemplare des Citroën AX Electrique produziert. Im Vergleich mit aktuellen Elektrofahrzeugen sehen die Elektrofahrzeuge der 1990er-Jahre irgendwie richtig alt aus. Offensichtlich fehlte vor 20 Jahren noch der Mut, andere Wege zu gehen. Aktuelle Elektrofahrzeuge wie der Renault Twizy oder der BMW i3, um nur zwei Gegenwartsvertreter zu nennen, werden konsequent als Elektroauto geplant.

Wo von Anfang an klar ist, dass es keinen großen Verbrennungsmotor in dem Fahrzeug geben wird, ist eine andere „Komposition“ möglich. Dadurch verändern sich unsere Autos und unsere Mobilität. Schon unsere heutige kurze Zeitreise in die 1990er-Jahre zeigt, mit welcher Geschwindigkeit das zurzeit passiert. Scheint so, als wir tatsächlich spannende Zeiten erleben.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Citroën AX Electrique an einer Ladestation in La Rochelle (Foto: Citroën)

Citroën AX Electrique an einer Ladestation in La Rochelle (Foto: Citroën)

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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