Von Zeit zu Zeit nehme ich mir hier im Auto-Blog für Auto-Natives ungewöhnliche Rennwagen vor. Denn ich finde Autos mit motorsportlicher Vergangenheit spannend, insbesondere wenn sie der Oldtimer-Fan beim ersten Blick nicht für ein Sportgerät hält. Hättet Ihr zum Beispiel gewusst, dass der AMC Javelin zu seiner Zeit tatsächlich ein erfolgreicher Motorsportler war?

Ich muss gestehen, ich hätte das nicht gewusst. Denn bisher hielt ich das amerikanische Sportcoupé immer für ein pummeliges US-Pony-Car – vom Sporteinsatz etwa soweit entfernt wie ein Brauerei-Pferd. Doch eine Vorankündigung der Silverstone Classics belehrte mich jetzt eines besseren. Denn dort wird Ende Juli ein AMC Javelin nach mehr als 40 Jahren sein Comeback auf der Rennstrecke feiern.

Die Silverstone Classics sind ein großartiges Meeting des historischen Motorsports. Ich war vor sechs Jahren dort. Seitdem bin ich davon überzeugt, dass die Rennveranstaltung auf der Traditionsrennstrecke zum Besten gehört, was der historische Motorsport zu bieten hat. Da hält keine der deutschen Veranstaltungen mit. Denn die Briten pflegen einfach eine andere Rennsportkultur.

AMC Javelin fordert den Mustang heraus

Das Comeback des AMC Javelin, der am Sonntag in der „Historic Touring Car Challenge“ der Silverstone Classics startet, ist ein typisches Beispiel dafür. Mit dem vom 1967 bis 1974 angebotenen Sportcoupe forderte die American Motors Corporation (AMC) Ford und Chevrolet heraus. Wie die Großen wollte auch die kleine AMC sich einen Teil des Markts sichern, den Ford ab 1964 mit seinem Mustang erschlossen hatte.

Der AMC Javelin aus der Tran-Am-Serie 1968.
Der AMC Javelin von George Follmer aus der Tran-Am-Serie 1968. (Foto: Missvain/SarahStierch/CC4.0)

Doch anders als dem Chevrolet Camaro gelang es dem AMC Javelin nicht, dem Mustang nennenswerte Marktabteile abzuluchsen. Dabei unternahm AMC eine Menge, um die Bekanntheit des Javelin zu steigern. Ab 1968 trat in der Trans-Am des SCCA ein Werksteam an. Die Verpflichtung von Piloten wie George Follmer und Peter Revson belegt die Ernsthaftigkeit des Trans-Am-Programms.

Das verstärkte sich noch, als ab 1970 das Team von Roger Penske die Einsätze des Javelin übernahm. Mit Penske kam auch der Erfolg. Denn Penske-Pilot Mark Donohue gewann in der Trans-Am-Saison 1970 drei Saisonläufe und verpasste den Fahrertitel nur um zwei Punkte. Ein Jahr später dominierten Donohue und Penke mit dem AMC Javelin die Trans-Am-Serie.

Mit Penske zum Erfolg

„Captain Nice“ gewann sieben der neun Saisonrennen. Damit sichert sich Donohue überlegen den Titel des Trans-Am Champions. Ein Jahr später wiederholte George Follmer den Titelgewinn. Diese Erfolge blieben auch in Europa nicht unbemerkt. Der Brite David Howes kaufe schon 1971 ein Straßenauto, das ein US-Amerikaner mit nach Großbritannien gebracht hatte. Howes baute seinen AMC Javelin zum Rennwagen um.

David Howes im AMC Javelin 6,4 vor Brian Muir im Wiggins Teape Ford Capri V6 beim Super Sports 200, Silverstone 1972
David Howes im AMC Javelin 6,4 vor Brian Muir im Wiggins Teape Ford Capri V6 beim Super Sports 200, Silverstone 1972 (Foto: MikeHaywardCollection.com für Silverstone Classics)

Das damalige Gruppe-2-Reglement lies zu, dass der Brite einen größeren 6,4-Liter-Motor und ein manuelles Rennsportgetriebe in das Coupé verpflanzte. Zudem baute Howes ein Sportfahrwerk ein und lackierte das ursprünglich gelbe Fahrzeug weiß. Ab 1972 setzte Howes den Rennwagen in der British Saloon Car Championship (BTCC) sowie bei einigen nicht zur Meisterschaft zählenden Tourenwagen-Rennen ein.

Nach einigen Top-Ten-Platzierungen in der BTCC und dem Gewinn von zwei Läufen, die nicht zur Meisterschaft zählten, wurde AMC auf den Briten aufmerksam. Ab 1973 unterstützte der Hersteller den Amateur. Deshalb verpasste Howes seinem Boliden eine blaue Front sowie ein rotes Heck und trat fortan damit in den AMC-Werksfarben an. Der ungewöhnliche Rennwagen fuhr sich schnell in die Herzen der britischen Motorsportfans.

Unter großem Jubel sicherte sich Howes beim Tourenwagen-Rennen im Rahmenprogramm des Großen Preis von Großbritannien 1973 in Silverstone den zweiten Platz. Nur geschlagen von Frank Gardner im Chevrolet Camaro. Als die BTCC ab 1974 den schwächeren Gruppe-1-Fahrzeugen vorbehalten blieb, konnte Howes mit dem AMC Javelin nur noch bei ausgewählten Events antreten.

Comeback bei den Silverstone Classics

Im Sommer 1975 gewann David Howes mit dem Javelin in Silverstone. Anschließend zwang ein schwerer Verkehrsunfall den Rennfahrer zum Karriereende. Howes stellte seinen Javelin in die hintere Ecke seiner Werkstatt. Dort verweilte der Rennwagen fast genau vier Jahrzehnte. Fans im Internet hielten den Wagen für verschollen. Eine Ente, denn Ende 2015 legte Howes den Wagen frei, um ihn zu verkaufen.

Marc Devis (links) and David Howes (rechts) mit dem AMC Javelin
Marc Devis (links) and David Howes (rechts) mit dem restaurierten AMC Javelin (Foto: Silverstone Classics)

Der Belgier Marc Devis kaufte den AMC Javelin und restaurierte den Rennwagen innerhalb von sechs Monaten. Bei den Silverstone Classics wird der ungewöhnliche Rennwagen erstmals seit mehr als 40 Jahren auf die Rennstrecke zurückkehren. In der „Historic Touring Car Challenge“ wird der AMC wie in den 1970er-Jahren gegen die Capri und BMW rennen.

Mal gucken, ob auch Marc Devis, wie einst David Howes, die europäischen Tourenwagen mit dem amerikanischen Wurfspeer in Silverstone besiegen kann.

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