Giorgetto Giugiaro und die Nudel

Anfang der 1980er-Jahre erfand Giorgetto Giugiaro, der Vater des Golfs nicht nur Autos neu. Der Italiener entwarf auch Pasta. Im Auftrag eines Nudelherstellers entstand eine Designer-Nudel.

27. Juli 2025 3 Minuten Lesezeit
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Nudel aus dem Computer
Eine Nudel aus dem Computer: Die „Marille“ entwarf der bekannte Autodesigner Giorgetto Giugiaro (Foto: Italdesign)

Wenn Designer über den Tellerrand hinausschauen, ist dies manchmal wörtlich zu nehmen. Interessant ist beispielsweise die Geschichte von Giorgetto Giugiaro, also dem Autodesigner, der dem VW Golf die Form gab, die VW aus der Käfer-Starre führte. Und der anschließend den DeLorean DMC-12 einkleidete. Der amerikanische Sportwagen scheiterte zwar wirtschaftlich völlig, legte anschließend – wohl auch deshalb – im Kino eine Zeitreise direkt ins Popkultur-Oberhaus hin. Doch nur wenige wissen: Giugiaro entwarf nicht nur Autos, sondern auch eine Nudel.

Von der Karosserie in den Kochtopf!

Anfang der 1980er waren Schulterpolster in Mode. Der frisch von Giugiaro gezeichnete Fiat Uno rollte gerade auf die Straßen. Der Designer war offen für neue Wege, nutzte branchenfremde Aufträge, um sein Studio Italdesign weiter zu profilieren. Und so entwarf der Stardesigner im Auftrag des italienischen Pasta-Herstellers Voiello, der Edeltochter von Barilla 1983 eine neue Nudel. Das Projekt war kein launiger PR-Stunt, sondern ein ernst gemeinter Innovationsversuch. Was passiert, wenn das Know-how aus der industriellen Formgestaltung beim Nationalgericht Italiens Anwendung findet?

Computerzeichnung der Marille-Nudel

Die Nudel von Italdesign entstand am Computer, wie diese CAD-Zeichnung dokumentiert. (Foto: Italdesign)

Heraus kam die „Marille“. Die spiralförmige, innen hohle Pasta erinnerte entfernt an eine Kreuzung aus Makkaroni und Fusilli. Wobei der Name „Marille“ nichts mit der Aprikosen-Frucht zu tun hatte. Er war eine Neuschöpfung und beschrieb ein Designobjekt mit Charakter. Entwickelt wurde die Nudel nicht etwa auf einer Serviette beim Espresso, sondern mit der CAD-Software, die Giorgetto Giugiaro und sein Team auch für ihre Autostudien nutzten. Das war revolutionär, denn hier gab es eine Pasta aus dem Computer, lange bevor 3D-Drucker in Küchen standen.

Was die Marille besonders machte?

Giugiaro entwarf die Marille mit einem klaren Ziel: Funktion durch Form. Die Nudel sollte:

Der Designer verstand seine Pasta als echtes Esswerkzeug. nicht nur zum Schmecken, sondern auch zum Fühlen. Das war ein Konzept, das sonst eher aus dem Interieur-Design bekannt ist. Die damaligen Medien reagierten begeistert auf die Marille. Sie war kein stilles Nischenprodukt. Newsweek berichtete, ELLE schwärmte: Die Kombination aus italienischer Esskultur und Hightech-Design faszinierte offensichtlich. Dazu kam die Story, dass ein gefeierter Autodesigner mit technischer Akribie eine Nudel gestaltet.

Trotz PR und Prominenz setzte sich die Marille nicht durch. Warum?

Eine kurze Zeit galt die Marille als „Nudel der Zukunft“, war Muster eines „ästhetischen Essens“. Doch hatte sie nicht das Zeug zum Dauerbrenner. Denn die Herstellung war aufwendiger und teurer als bei klassischen Pastaformen. Und die Käufer zeigten sich konservativer als gedacht. In den Supermarktregalen war die Marille allenfalls eine Kuriosität zwischen Penne und Spaghetti. Sie war ein Hingucker, aber selbst kein Verkaufsschlager. Heute ist sie nur noch Teil von Designausstellungen oder Food-Historien.

Bericht in der Newsweek

Auch die amerikanische Newsweek nahm sich 1983 der Nudel des Autodesigners an. (Foto: Italdesign)

Offensichtlich war die Welt 1983 noch nicht bereit für so viel Innovation auf dem Teller. Vermutlich ist Pasta einfach eines jener Dinge, die man nicht verbessern kann, ohne das Gefühl von „La Mamma“ zu verlieren. Trotzdem bleibt die Marille ein wunderbar schräges Kapitel der Designgeschichte. Sie bewegt sich irgendwo zwischen Cucina Italiana und CAD-Zeichnung. Und nebenbei bewies Giorgetto Giugiaro mit seiner Marille, dass guter Geschmack nicht immer eine Frage des Motors ist.

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