Am Anfang war da diese Anfrage: „Wollen Sie sich in unser Porsche Driving Experience Winter nicht einmal ansehen, wie unsere Winterfahrtrainings ablaufen?“ Natürlich wollte ich! Denn schon als junger Autofahrer habe ich viele Stunden auf Wiesen und Feldwegen zugebracht, um das Driften zu üben.

Rallye-Legende Walter Röhrl wird der Satz „Fährst Du quer, siehst Du mehr“ zugesprochen. Röhrl sowie die Finnen Hannu Mikkola und Juha Kankkunen waren meine Vorbilder. Ihnen und ihren oft abenteuerlichen Driftwinkeln eiferte ich schon vor rund 30 Jahren bei jeder – passenden und unpassenden – Gelegenheit nach. Mit meinem Großvater als völlig unerschrockenen Lehrmeister auf dem Beifahrersitz perfektionierte ich sofort nach dem Bestehen des Führerscheins die Kunst des Querfahrens.

Als ehemaliger Motorsportler sowie mit der Ausbildung als Kfz-Meister und Fahrlehrer verfügte Opa über die optimalen Voraussetzungen, um mit dem Enkel driften zu gehen. Den notwendigen lockeren Untergrund fanden wir auf einem Bundeswehr-Übungsgelände in der Nähe des Brahmsee. Dort lernte ich, wie ich mein Auto vor der Kurve aufpendelte, um es anzustellen und mit einem beherzten Zug an der Handbremse um die Kurve zu werfen. Für diese Fahrspaß-Maximierung reichten im Sommer 1987 zunächst auch weniger als 100 PS.

Von der Generation Golf zum Porsche 911

Und auch mit den (offiziell) 112 PS des Golf GTI, den ich später als Lehrling fuhr, lockt man heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Dem Zeitgeist folgend stehen in der Porsche Driving Experience Winter wesentlich mehr Leistung und andere Antriebskonzepte zur Verfügung. Denn als Trainingsgerät dienen die aktuellen Ausgaben des Porsche 911 Turbo S sowie des Porsche 911 Carrera S. Während der Turbo S seine Kraft über alle vier Räder auf den Boden bringt, treiben die 420 Pferdestärken des Carrera S in traditioneller Weise die Hinterräder an.

Porsche 911 bei der Rallye Monte Carlo 1965
Herbert Linge und Peter Falk 1965 bei der Rallye Monte Carlo (Foto: Porsche)

Besonders der Heckantrieb erinnert an die lange Rallye-Tradition des Porsche 911. Denn schon 1965 schickte Porsche das Urmodell des 911 mit Herbert Linge und Peter Falk zur Rallye Monte Carlo. Auf Eis und Schnee fuhren Rennfahrer Linge und Entwicklungsingenieur Falk als Fünfte der Gesamtwertung durchs Ziel am Hafen von Monte Carlo. Damit hatte der Porsche 911 seine Feuertaufe im internationalen Motorsport bestanden. Doch das war nur die Ouvertüre.

Der Porsche 911 gewann viermal die Rallye Monte Carlo

Allroundkönner Vic Elford und sein Beifahrer David Stone sicherten sich 1968 erstmals mit dem Porsche 911 den Monte-Sieg. Der spätere Rallye-Weltmeister Björn Waldegård driftete 1969 und 1970 für Porsche bei der Mutter aller Rallyes gleich zweimal zum Sieg. Drei Monte-Erfolge am Stück machten den Porsche 911 endgültig zur Rallye-Ikone. Lange bevor 1978 die Franzosen Jean-Pierre Nicolas und Vincent Laverne für den vorerst letzten Erfolg eines 911 bei einer bedeutenden Winterrallye sorgten.

Wo findet die Porsche Driving Experience Winter statt?

Der 2014 verstorbene Skandinavier Björn Waldegård schlägt eine Brücke zur Porsche Driving Experience Winter. Denn das Trainingsgelände der Winterfahrtrainings von Porsche befindet sich rund 170 Kilometer nördlich des Polarkreises. Porsche nutzt hier das 390.000 Hektar große Gelände des Levi Rally Center. Dort – in der Mitte des finnischen Skigebiets von Levi – herrschen im Februar Temperaturen von mindestens minus zehn Grad Celsius. Das erfreut nicht nur Skifahrer, sondern auch die Freunde des automobilen Quertreibens.

Mit dem Flugzeug geht es zunächst zum Flughafen von Kittilä. Nach knapp zweieinhalb Stunden Flugzeit erreicht der Charterflieger das Ziel in der Weite Lapplands. Kittilä kennen Kunstinteressierte als Geburtsort von Kalervo Palsa. Der Vertreter eines phantastischen Expressionismus wurde mit seinen oft genauso ungezügelten wie morbiden Werken – posthum – bekannt. Schon bei der Landung frage ich mich, ob sich in der Weite der Landschaft eine Antwort für das Wirken des Malers, der sich selbst als Mythos bezeichnete, finden lässt.

Ein Bus bringt unsere Reisegruppe in gut 20 Minuten vom Flughafen zum Hotel. Dieses liegt direkt an den Skipisten von Levi. Dort, wo einmal im Jahr der Ski-Weltcup zu Gast ist, übernachten die Gäste der Porsche Driving Experience Winter. Beim Begrüssungsabend im Hotel gibt es die ersten Einweisungen und einen Überblick zum Programm. Bei den Teilnehmern schwankt die Stimmung der Benzingespräche nahtlos zwischen Respekt vor dem Kommenden und der Begeisterung über zurückliegende automobile Heldentaten hin und her.

Am nächsten Morgen ist es endlich so weit. Mit dem Bus geht es zum Trainingsgelände der Porsche Driving Experience Winter. Die Levi Rally Center liegt in der Weite eines Sumpfgebiets. In der Vergangenheit fanden die Fahrtrainings auf zugefrorenen Seen statt. Mich beruhigt es, dass sich daher jetzt unter mir und dem sportlich bewegten Porsche 911 nicht 60 Meter Wasser befinden. Zudem hat der Sumpf den Vorteil, dass die Anlage länger nutzbar ist. Die Anlage in Levi bietet fast sechs Monate im Jahr eine stabile Winterperformance. Porsche kann so seine Winter-Trainings bis in den März hinein anbieten.

Welche Winterfahrtrainings bietet Porsche an?

Vier unterschiedliche Programme bietet die Porsche Driving Experience Winter in Finnland an. Der Bogen spannt sich vom Einsteigerprogramm Camp4 Precision bis zum Topangebot Ice-ForceS Special für ambitionierte Eis-Piloten. Gemeinsam bieten die aufeinander aufbauenden Angebote jeweils drei Tage Fahrspaß auf Eis und Schnee.

Die Trainings der Porsche Driving Experience Winter im Überblick:

  • Camp4 Precision – Erstteilnehmertraining im Porsche 911 Carrera S auf 1,5 mm Spikereifen
  • Camp4S Performance – Aufbautraining im Porsche 911 Carrera S auf 1,5 mm Spikereifen
  • Ice-Force Master – Aufbautraining im Porsche 911 Turbo mit 4 mm Spikereifen
  • Ice-ForceS Special – Aufbautraining im Porsche 911 Turbo und GT3 mit 4 mm Spikereifen

Wer sich für das vollständige Programm mit seinen vier Stufen entscheidet, kann also gleich für mehrere Winter den Urlaub verplanen. Das notwendige Kleingeld vorausgesetzt. Denn die Teilnahmegebühren liegen zwischen 3.990 (Camp4 Precision) und 6.990 Euro (Ice-ForceS Special). In der Teilnahmegebühr enthalten sind neben vier Übernachtungen im 4-Sterne-Hotel „Levi Panorama“ und dem Rahmenprogramm (Snowmobil-Touren, Renn-Taxifahrten) auch die Miete des passenden Trainingsgeräts.

Mit Nico Hülkenberg im Renn-Taxi

Wie sieht das Training der Porsche Driving Experience Winter aus?

Unsere Teilnehmergruppe besteht aus Print- und Online-Journalisten. Für sie hat Porsche eine spezielle Veranstaltung organisiert, die einen Querschnitt durch das gesamte Programm wiedergibt. Wir testen – mal abgesehen von uns selbst natürlich – Programmpunkte aus allen vier von Porsche angebotenen Trainingsangeboten. Ich habe dabei das Glück, in der Gruppe Ice-Force zu starten. So sitze ich bereits zu Beginn des Tages im neuen Porsche 911 Turbo S – und kann mir ein dickes Grinsen nicht verkneifen.

Denn der Turbo S erweist sich trotz der 580 PS seines 3,8-Liter-6-Zylinder-Biturbo-Boxermotors (auch) auf Eis und Schnee als vergleichsweise einfach zu fahrendes Auto. Eine wichtige Rolle kommt dabei dem serienmäßigen dynamischen Allradantrieb zu. Das „Porsche Traction Management“ (PTM) justiert die Kraftverteilung zwischen den Achsen feinfühlig. Das sorgt – selbst in querdynamischen Grenzbereichen wie bei der Ice-Force – für ein relativ rundes und präzises Fahrverhalten des Sportwagens.

Der Turbo S setzt die mit Gaspedal oder Lenkrad erteilte Befehle willig um – bis die Physik dem Treiben ein Ende setzt. Das macht sich bereits bei den ersten Übungen deutlich bemerkbar. Die Trainer führen uns auf eine Kreisbahn, die die Betreiber der Anlage in den Schnee gezeichnet haben. Dort sollen wir den Turbo anstellen, um – nach Möglichkeit – mehrere Runden im Kreis zu fahren. Das kostet den einen oder anderen etwas Überwindung. Doch mit der Anleitung der Trainer gelingt das zunehmend besser.

Erfolg motiviert

Diese Erfolgserlebnisse motivieren und lassen das Vertrauen ins Auto steigen. Im Eisslalom geht es anschließend darum, das Fahrzeug wechselseitig mit dem Heck tanzen zu lassen. Auch diese Übung geht im Porsche 911 Turbo S vergleichsweise einfach von der Hand. Ich teile mir, wie es bei der Porsche Driving Experience Winter üblich ist, das Auto mit dem Funkjungen Florian. Wir sind uns einig, wie angenehm sich der Turbo durch die Pylonen zirkeln lässt. Und fühlen wir uns reif für die Königsdisziplin unseres Programms.

Die Trainer führen uns auf einen fast drei Kilometer langen Rundkurs. Dieser Kurs bietet im Wechsel schnelle Kurven und enge Ecken. Auf einer Geraden gibt es sogar eine kleine Sprungkuppe. Insgesamt erinnert dieser Handlings-Parcours an die Wertungsprüfung einer Rallye. Und tatsächlich, ähnlich wie bei Rallye-Wettbewerben gilt es, den Turbo S sauber im Drift um die Ecken der Strecke zu bewegen. Nur so lässt sich bei diesen Bedingungen eine schnelle Runde auf das Eis legen.

Jetzt zeigt sich der Porsche endgültig in seinem Element. Mehrfach sehe ich mich gedanklich schon in die Schneewand rauschen. Denn das Hirn meldet, dass die Hinterachse bei dieser Kurvenhatz trotz der aktiven Hinterachslenkung zu sehr an Halt verloren hat, um den Sportwagen erfolgreich ums Eck zu bringen. Doch zuverlässig zieht – fast wie von Zauberhand – die Vorderachse die Fuhre doch in die gewünschte Richtung. Mit dem Porsche 911 Turbo S sind Driftwinkel von fast 90 Grad möglich. Das macht einen Höllenspaß und ist am Ende viel zu schnell vorbei.

Alles auf Anfang – weiter mit Heckantrieb

Nach der Mittagspause wechseln Florian und ich in den Porsche 911 Carrera S. „Nur“ noch 420 PS stehen jetzt zur Verfügung. Aber die Tatsache, dass diese nur über die Hinterachse an die Straße – Pardon auf das Eis – gelangen, erhöht den Schwierigkeitsgrad ungemein. Schon bei der ersten Übung im Carrera lerne ich neue Demut im Umgang mit dem Gaspedal.

Denn hier im Hecktriebler muss der Gasfuss sensibel das Gaspedal betätigen. Wer zu sehr den Haudrauf gibt, der sorgt für ein deutliches Austreiben des Hecks. Und das endet meist unverzüglich in einem Dreher. Und wenn es ganz dumm läuft, dann bremst der Tiefschnee, der hier in Lappland die Pisten wie ein Kiesbett begrenzt, den Vortrieb vollständig.

Jeder Abflug reduziert die Trainingszeit. Der Porsche von Herbert Linge und Peter Falk hatte 1965 für solche Fälle ein Standrohr am Heck montiert. Dort stellte sich der Beifahrer drauf, hielt sich mit den oberhalb des Luftgitters montierten Lederschlaufen fest, um die Traktion zu verbessern. Heute stoppen die Trainer stoppen aus Sicherheitsgründen per Funk den Fahrbetrieb. Erst wenn – wir sind hier schließlich bei Porsche zu Gast – ein Helfer im Porsche Cayenne das abgeflogene Auto samt seiner Besatzung wieder auf die Strecke zurückgezogen hat, geht der Trainingsbetrieb weiter.

Der Rallye-Flip lässt das Auto tanzen

Mit dem Porsche 911 Carrera S steht für Florian und mich nach dem ersten Kennenlernen des Fahrzeugs der Rallye-Flip auf dem Programm. Die Trainer haben uns dazu in ein großes Quadrat geführt. In den vier Linkskurven sollen wir unser Fahrzeug anstellen und im Drift durch die Kurve treiben. Dazu fahren wir die Kurven deutlich innerhalb der Ideallinie an und lenken kurz entgegen der eigentlichen Kurvenrichtung nach rechts.

Ein durchaus kräftiges Bremsmanöver zwingt das Fahrzeug jetzt ins Rutschen. Wenn das gelingt, dann rutscht der Porsche 911 Carrera S jetzt quer zur Fahrrichtung auf die Kurve zu. Es erfordert etwas Übung, die Bremse weiter zu betätigen und nun im Kurvensinne nach links einzulenken. In dem Moment, wo ich die Bremse löse, schwenkt das Heck wie gewünscht aus. Vorausgesetzt, die Geschwindigkeit hat gepasst.

Denn durch das Rutschen bremst sich das Fahrzeug stark ab. Daher ist die anstehende Kurve für einen gelungenen Rallye-Flip eigentlich mit (gefühlt) viel zu hoher Geschwindigkeit anzufahren. Das kostet am Anfang etwas Überwindung. Und steigert meine Achtung vor den Rallye-Piloten der 1960er und 1970er-Jahre nochmals deutlich. Denn bei Rallyes wie der Rallye Monte Carlo balancierten sie ihre Fahrzeuge auch im Drift oft ziemlich eng am Abgrund vorbei.

Fazit zur Porsche Driving Experience Winter

Die drei Tage in Finnland haben meinen automobilen Horizont erweitert. Ich begreife jetzt, warum aus Finnland so viele erfolgreiche Rallye- und Rennfahrer stammen. Die Weite des Landes bietet dem Nachwuchs viele Gelegenheit, um den Umgang mit dem Auto zu trainieren.

Das weiß offensichtlich auch Porsche. Der Sportwagenbauer aus Zuffenhausen bietet deshalb mit den Winterfahrtrainings der Porsche Driving Experience Winter ein Programm an, das optimal auf die Belange seiner Kunden abgestimmt ist. Die Tatsache, dass die Fahrzeuge gestellt werden, lässt die Lehrgangsteilnehmer unnötige Ängste ablegen.

Das Pyramidensystem der Lehrgänge lädt offensichtlich erfolgreich zum Wiederkommen ein. Denn die verbleibenden Lehrgänge im aktuellen Winter sind bereits längst ausgebucht. Doch der Winter 2016/2017 kommt ja schneller als man heute denkt.


Mehr zu den Winterfahrtrainings der Porsche Driving Experience Winter findet Ihr bei Porsche.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Unterwegs bei der Porsche Driving Experience Winter

Foto: Porsche

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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