Der Kia Stinger GT 3.3 mit dem 366 PS starken V6-Motor gehört zu den Autos, die bei ihrer Vorstellung überraschten. Denn niemand erwartete beim Debüt von Kia so eine Sportlimousine. Wir waren mit dem in Frankfurt gestalteten Koreaner auf ausführlicher Probefahrt. Dabei prüften wir, was der Kia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD kann.

Kia bietet seit 1993 Autos in Deutschland an. Am Anfang standen Fahrzeuge wie der Kleinwagen Pride oder der SUV Sportage. Doch schon ab 1996 bot der koreanische Autobauer mit dem Clarus auch eine Mittelklasse-Limousine an. Die Fahrzeuge, die Kia bisher anbot, einte vor allem ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Bewunderung für die Wahl eines Kia gab es in der Vergangenheit nur von sparsamen Menschen.

Inzwischen entwickelt und baut Kia einen Teil seiner in Deutschland angebotenen Fahrzeuge in Europa. Bei der Ceed-Baureihe weist sogar der Name daraufhin. Doch ein Kompakter eignet sich nur bedingt, um Bekanntheit und Beliebtheit zu fördern. Deshalb ließ Kia seinen europäischen Entwicklern freie Hand. Sie durften ein Auto entwickeln, das das Image des Autobauers beflügelt.

Unterwegs mit dem Kia Stinger GT 3.3 TDI AWD (2019)
Unterwegs mit dem Kia Stinger GT 3.3 TDI AWD (2019) – Foto: Karla Schwede

Das Comeback der Sportlimousinen!

In Europa haben sportliche Limousinen eine lange Tradition. Alfa Romeo, BMW, Jaguar und früher auch Lancia verknüpfen seit Jahrzehnten die Möglichkeit vier Personen zu bewegen mit ausgeprägter Sportlichkeit. In den letzten 15 Jahren setzen die Hersteller meist auf SUV. Limousinen mit längs eingebauten Frontmotoren und Heckantrieb fielen oft den Controllern zum Opfer. Doch inzwischen kehrt sich der Trend um. Denn seit ein paar Jahren gibt es wieder sehr sportliche Mittelklasse-Limousinen des klassischen Zuschnitts.

Jaguar tritt seit 2015 in der Mittelklasse mit dem sportlichen Jaguar XE an. Ein Jahr später folgte die FIAT-Tochter Alfa Romeo. Ihre neue Giulia ist eine überzeugende zeitgemäße Interpretation des Themas Sportlimousine, wie unser Test Ende 2018 bewies. Während die Briten und die Italiener ihre eigene Geschichte fortschreiben, tritt Kia erstmals mit einem Fahrzeug in diesem Genre an. Wobei der koreanische Autobauer diesen Schritt gut vorbereitete.

Denn bereits auf der IAA 2011 zeigte Kia mit dem Konzeptfahrzeug GT Concept den ersten Vorboten. Die Reaktionen waren von Anfang an positiv. Daher entwickelten die Designer und Techniker das Konzept weiter. Sechs Jahre nach der Vorstellung der Studie debütierte das Serienmodell als Kia Stinger auf der NAIAS in Detroit. Seit dem Herbst 2017 ist der die Limousine auch in Deutschland auf dem Markt. Das Flaggschiff der Baureihe ist der Stinger GT 3.3 T-GDi mit V6-Benzinmotor.

336 PS Leistung und 510 Newtonmeter Drehmoment sind ein Statement

Dem Motor hauchen zwei Turbolader eine Leistung von 366 PS ein. Daneben sorgen die Atemhilfen für ein maximales Drehmoment von 510 Newtonmetern. Wobei beeindruckt, dass der längs eingebaute Frontmotor seine maximale Kraft konstant im Bereich von 1.300 bis 4.500 Umdrehungen pro Minute abgibt. Kein Wunder, dass Kia den stärksten Motor der Baureihe ausschließlich mit Allradantrieb anbietet. Wobei der Kia allerdings nur im Notfall auf vier angetriebene Räder zurückgreift.

Denn im Alltag fährt sich der Stinger wie ein klassischer Hecktriebler. Trotz des potenten Antriebs verzichtet Kia im Normalfall darauf, die Vorderräder mit Antriebsaufgaben zu betrauen. Erst wenn Rad-Sensoren an den Hinterrädern Schlupf registrieren, koppelt der Computer die Vorderachse an. Damit unterscheidet sich die koreanische Limousine beispielsweise von aktuellen Audi-Modellen, die zunächst mit Vorderradantrieb laufen und bei Bedarf den Antrieb der Hinterachse ankoppeln.

Der Mut, den Stinger „hecklastig“ auszulegen, unterstreicht den sportlichen Anspruch. Denn zur klassischen europäischen Sportlimousine gehörte immer der Kraftüberschuss am Heck. Kia ist sich dessen offenbar bewusst. Denn bei der letzten Modellpflege verbesserten die Entwickler ihr Konzept nochmals. Deshalb verfügt der Kia Stinger GT seit dem vergangenen Herbst an der Hinterachse zusätzlich über ein mechanisches Sperrdifferenzial.

Lenkrad des Display des Kia Stinger GT 3.3 TDI AWD (2019)
Lenkrad des Display des Kia Stinger GT 3.3 TDI AWD (2019) – Foto: Karla Schwede

Das leichte Heck des Stinger GT macht Spaß!

Natürlich reizt es den Sportfahrer in mir, das genau auszuprobieren. Karla fand für den Fototermin eine einsame Landstraße. Sie schlängelt sich durch das Sauerland, ist teilweise uneben und trotzdem gut einsehbar. Dort kann ich gefahrlos dem Kurvenverhalten des Kia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD auf den Zahn fühlen. Ich wähle den Dynamik-Modus und starte die Testfahrt. Bereits in der ersten Kurve weiß ich, Kia verspricht nicht zu viel.

Tatsächlich unterstützt der Stinger das Einlenken mit einem leichten Heck. Wobei das kein Grund zur Angst ist. Denn hier verkehrt sich Gutes nicht ins Übermaß. Die Fuhre bleibt immer gut kontrollierbar. Mit einem sensiblen Gasfuß und kundiger lässt sich der Kia Stinger GT mit einem kontrollierten Drift durch die Kurven treiben. Hier auf der Landstraße verzichte ich auf zu große Anstellwinkel. Denn Driften hat im Alltag nichts zu suchen. Aber gut zu wissen, dass es geht.

Der V6-Motor lässt den Kia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD strahlen!

Angenehm ist, wie gut der Sechszylinder am Gas hängt. Allerdings fällt auf, dass die Entwickler beim Gaspedal eine progressive Abstimmung wählten. Auf den ersten Millimetern hält sich die Leistungsentfaltung merklich zurück, um dann mächtig und gewaltig zuzulegen. Was der Direkteinspritzer mit einem fast schon zornigen Brüllen unterlegt. Wobei die Kraftentfaltung mit dem Gebrüll mithält. Der Stinger ist kein Blender.

Für den Sprint aus dem Stand auf 100 Kilometer pro Stunde benötigt der Stinger 5,5 Sekunden. Interessant ist, dass der Kia-Motor bei der Umstellung auf Euro 6d-TEMP etwas von seiner Sprintfähigkeit einbüßte. Denn die älteren „nur“ nach Euro 6 zertifizierten Stinger schafften diese Sprintübung noch in 4,9 Sekunden. Die Umstellung des Motors auf die aktuelle Abgasnorm „raubte“ dem Stinger hier also 0,6 Sekunden. Doch das merkt Otto-Normalfahrer nur, wenn er seine Sprintübungen mit der Stoppuhr begleitet.

Display des serienmäßigen Navigationssystems im Kia Stinger GT 3.3 TDI AWD (2019) – Foto: Karla Schwede

Am Lenkrad verfliegen auch 5,5 Sekunden ausgesprochen zügig. Wobei auf schlechten Straßen schon mal die Hinterräder die Haftung verlieren. Hier bewährt sich das mechanische Sperrdifferenzial. Denn ohne dies Hilfsmittel ginge jetzt alle Kraft ans durchdrehende Hinterrad. Das würde den Vortrieb bremsen. Schließlich konnte das durchdrehende Rad bereits zuvor die Kraft nicht mehr übertragen. Das gesperrte Differenzial sorgt dafür, dass beide Räder aktiv bleiben.

Die Preisliste des Stinger GT ist übersichtlich!

Den Anspruch einer Sportlimousine erfüllt der Stinger mit Leichtigkeit. Auch wenn er in Details hinter Wettbewerbern wie einem BMW 440 Grand Coupé oder dem Audi S5 Sportback etwas abfällt. Denn die deutschen Wettbewerber fahren sich noch etwas präziser. Trotzdem kann ich dem Kia beim Fahren nicht viel vorwerfen. Allerdings setzten die etablierten deutschen Anbieter bei der Verarbeitungsqualität einen Standard, den der Kia nicht ganz erreicht.

Insofern sortiert sich der Kia Stinger insgesamt etwas in ihre Windschatten ein. Dort trifft er auf Wettbewerber wie der Jaguar XE, die Alfa Romeo Giulia oder auch den Volvo S60, der in Kürze in einer neuen Generation bei den Händlern steht. Dabei verbindet der Stinger einen herausragenden Motor mit einer guten Ausstattung und einem günstigen Preis. Denn der Grundpreis des Spitzenmodells der Baureihe liegt bei 55.900 Euro. Das ist eine echte Kampfansage. Zumal es kein großer Verzicht ist, den Kia Stinger 3.3 T-GDI AWD GT tatsächlich zum Grundpreis zu ordern.

Denn schon das Grundmodell steht auf 19 Zoll großen Leichtmetallfelgen und verfügt über eine attraktive Nappa-Lederausstattung im Innenraum. Für Sicherheit sorgen zeitgemäße Assistenten. Und im Spitzenmodell der Baureihe sind sogar die Bremsanlage von Brembo und ein adaptives Fahrwerk serienmäßig an Bord. Dazu kommt noch ein Navigations- und Soundsystem mit 15 Lautsprechern von Harman/Kardon. So umfangreich wie beim Kia Stinger ist die Serienausstattung bei keinem seiner Wettbewerber.

Der Stinger bietet serienmäßig, was andere extra berechnen!

Entsprechend wenige Extras gibt es. Außer dem Serien-Orange kosten allerdings alle Farben Aufpreis. Wer will, der kann noch für einen Aufpreis von 690 Euro ein Glasdach ordern. Zudem gibt es für stolze 2.599 Euro eine Sportauspuffanlage. Daneben gibt es noch einige Spielereien wie Türprojektionen oder Alu-Sportpedale. Das war es, denn die Liste der Extras ist kurz. Selber wer alles ordert, was die Preisliste hergibt, der landet am Ende „nur“ bei 59.711,03 Euro.

Auch als Zwei-Meter-Mensch kann ich gut sitzen!

Angenehm auch, wie aufgeräumt der Innenraum wirkt. Zudem ist er zumindest in der vorderen Reihe geräumig. Denn selbst für meinen mehr als Ziel Meter langen Körper finde ich eine angemessene Sitzposition. Das Lenkrad liegt gut in der Hand. Alle Bedienelemente sind gut erreichbar. Bei zügiger Kurvenfahrt bietet mir der Sitz genügend Seitenhalt. Insofern gibt es auch in dieser Hinsicht wenig zu kritisieren. Das ändert sich erst beim Blick auf die Rückbank.

Denn hinter mir ist es eng. Dort kann, wenn ich am Lenkrad sitze, niemand sitzen. Und selbst wenn auf jemand den Stinger steuert, der weniger Raum benötigt, wird es eng. Kia montiert die Vordersitze sehr tief. Da fällt es den Gästen in der zweiten Reihe schwer, die Füße unter den Vordersitzen zu verstauen. Zudem läuft die Karosserie des Stinger relativ schnell flach aus. Das erfordert beim Einsteigen in den Fond einige Verrenkungen.

Fazit zum Kia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD (2019):

Stinger-Kunden stört dieses Detail sicher nicht, sitzen sie doch am Volant. Denn der Stinger ist eine Fahrmaschine für Selbstfahrer. Gleichzeitig ist die Sportlimousine eine Kampfansage an die Konkurrenz. Denn die Ausstattung der Wettbewerber erreicht nur dann das Niveau von Kia, wenn der Kunde einen teilweise saftigen Aufpreis zahlt. Mit dieser Politik der Vollausstattung steht Kia in dieser Klasse ziemlich alleine auf weiter Flur.

Abgesehen davon gilt, wer einen Stinger GT kauft, der empfindet noch Spaß dabei, am Lenkrad zu drehen und in den Grenzbereich vorzudringen. Dies scheint andere offenbar zu provozieren. Denn während des Tests fühlten sich regelmäßig AMG- oder BMW-Limousinen berufen, mir zu zeigen, was ihr Auto kann. Der Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl schrieb einmal „Kleine Geister handeln, große wirken“. In diesem Sinne ist der Kia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD ein Großer.

Bilder zum Kia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD (2019)

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