Test: Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 (2018) – Prêt-à-porter Italiennes

Mit der neuen Giulia besinnt sich Alfa Romeo auf seine klassischen Tugenden. Denn mit der Alfa Romeo Giulia stellt der Autobauer endlich wieder eine klassische Sportlimousine auf die Räder. Damit endet für die Fans eine 30 Jahre lange Wartezeit. Wir haben mit dem Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 geprüft, ob sich das Warten lohnte.

Daten zum Testwagen:

  • Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet Veloce AT8 Q4 (2018)
  • 46.800 Euro (Grundpreis der getesteten Motor- und Getriebevariante 10/2018)
  • 4-Zylinder-Diesel-Ottomotor
  • Emissionsklasse Euro 6
  • 8-Gang-Automatikgetriebe
  • 2.143 ccm Hubraum
  • 210 PS bei 3.750 1/min maximale Leistung
  • 470 Nm bei 1.750 1/min maximales Drehmoment
  • 235 km/h Höchstgeschwindigkeit
  • Beschleunigung 0 auf 100 km/h in 6,4 Sekunden
  • Gesamtwertung 9,6 Punkte

Alfa Romeo gehörte bis in die 1980er-Jahre zu den Lieblingsmarken ambitionierter Sportfahrer. Doch genauso legendär war der schlechte Ruf des ehemaligen Staatsunternehmens. Besonders die Qualität der aus politischen Gründen im Süden Italiens gebauten Alfasud war unterirdisch. Kein Wunder, dass das Unternehmen mit ihnen immer tiefer in die Krise fuhr. Seit 1986 gehört die Marke zum Reich von Fiat.

In den ersten 20 Jahren nach dieser Übernahme war für echte Alfisti hart. In ihren Augen galt der Mitte 1985 zum 75-jährigen Jubiläum des Unternehmens vorgestellte Alfa 75 der „letzte echte Alfa Romeo“. Denn beim als Nachfolger der legendären Giulietta eingeführten Modell setzte Alfa Romeo letztmals auf einen Frontmotor und Heckantrieb. Alle nach dem Alfa 75 vorgestellten Modelle verfügten über einen markenuntypischen Frontantrieb.

Die Alfa Romeo Giulia gibt es nur als Limousine.
Die Alfa Romeo Giulia gibt es nur als Limousine. Auf das Angebot eines Kombis verzichtet Alfa Romeo.

Doch als Sergio Marchionne bei Fiat die Regie übernahm, durfte die Marke Alfa Romeo ein Comeback feiern. Marchionne verkleinerte zunächst die Modellpalette. Der Manager stellte die Modelle Alfa GT, 159 (inklusive des Kombis Sportwagon), Brera und Spider ein. Fans sahen darin schon den Schwanengesang der Marke. Doch dann holte 2007 der Sportwagen Alfa Romeo 8C Competizione die Marke ins Bewusstsein der Autofans zurück.

Comeback der alten Tugenden!

Die Strategie ging auf. Schon die kompakte Giulietta verkaufte sich deutlich besser als der Vorgänger. Der kleine Sportwagen Alfa Romeo 4C fachte das Interesse ab 2013 weiter an. Ein Jahr später kündigten Marchionne und Alfa Romeo Chef Harald J. Wester eine Modelloffensive von Alfa Romeo an. 2015 präsentierte Alfa Romeo im wieder eröffneten Marken-Museum im italienischen Arese die Limousine Alfa Romeo Giulia.

Mit der Giulia gelang Alfa Romeo endgültig den Neustart. Nach fast einen Vierteljahrhundert Pause kehren mit der Giulia längseingebaute Frontmotoren und Heckantrieb in eine Limousine von Alfa Romeo zurück. Zudem verzichtet Alfa Romeo bisher auf einen Kombi. Sollen Vertreter, Maler oder Gebäudereiniger doch weiter Audi, BMW oder Mercedes fahren.

Motor der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4
Die Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 treibt ein 2,2 Liter großer Diesel an.

Alfa Romeo bietet ihnen keine Heimat mehr. Weniger ist mehr! Ein dynamisches Stufenheck gilt inzwischen als probates Mittel, um Sportfahrer, die auch mal vier Sitzplätze benötigen, anzusprechen. Kein Wunder, dass der Jaguar XE sowie der Kia Stinger, den wir in Kürze ausprobieren, ähnlich positioniert sind. Doch gerade im Vergleich mit diesen Wettbewerbern punktet die Giulia mit aufregender Sinnlichkeit.

Auch die Platzhirsche der Klasse aus München, Ingolstadt oder Stuttgart fallen hinsichtlich der Gestaltung hinter dem Alfa Romeo zurück. Sie wirken neben der Giulia wie Konfektionsware aus Ostwestfalen neben Prêt-à-porter Mode aus dem Mailänder „Quadrilatero d’oro della moda“. Verantwortlich für die Gestaltung war Lorenzo Ramaciotti. Der Designer aus Modena entwarf zuvor bei Pininfarina als Designchef die Sportwagen Ferrari 456 GT, 550 Maranello und Enzo.

Mit welcher Alfa Romeo Giulia waren wir unterwegs?

Für den Test stellte uns die Presseabteilung von Alfa Romeo eine Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 zur Verfügung. Den Antrieb dieser Giulia übernimmt ein Diesel. Das 2,2 Liter große Triebwerk kennen aufmerksame Leser unseres Blogs bereits aus dem Jeep Cherokee. In der Limousine stehen dank einer geänderten Auspuffanlage mit 210 PS jedoch zehn Pferdestärken mehr zur Verfügung als dem Geländewagen.

Beim Drehmoment übertrifft die Limousine den Geländegänger sogar um 70 Newtonmeter. Bei 1.750 Umdrehungen pro Minute stemmt der Vierzylinder satte 470 Newtonmeter auf die Kurbelwelle. Sie fließen über ein 8-Gang-Automatikgetriebe in den Antriebsstrang. Ein Antriebsstrang, der alle vier Räder nutzt, um die Kraft des Motors auf die Straße zu bringen. Das Kürzel Q4 im Namen dieser Giulia steht für dieses Feature.

Front der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4
Die Front der Front der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 nimmt ebenfalls klassische Tugenden der Marke Alfa Romeo auf. Das Giulia trägt ihr Kennzeichen links.

Der kräftige Vierzylinder beschleunigt die Giulia bei Bedarf in 6,4 Sekunden aus dem Stand auf ein Tempo von 100 Kilometern pro Stunde. Wer den Fuß auf dem Gas lässt, erlebt, wie der Alfa Romeo zügig weiter beschleunigt. Erst jenseits der Marke von 220 Kilometern pro Stunde verliert der Vortrieb der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 etwas an Dynamik. Trotzdem nimmt das Tempo weiter zu, bis sich bei 235 Kilometern pro Stunden Antriebskraft und Widerstand ausgleichen.

Der Charme des Tempos relativiert sich schnell!

Zumal bei hohem Tempo die aus Alu gefertigte Motorhaube des Alfa Romeo erstaunlich flattert. Ein Detail, das bei den ersten Probefahrten irritiert und nicht zum ansonsten hochwertigen Eindruck paßt, den die Limousine vermittelt. Doch in der Regel ist der Verkehrsfluss heute viel zu dicht, um die Giulia auszufahren. Denn in der Regel ist der Verkehrsfluss heute viel zu dicht, um mit so hoher Geschwindigkeit zu reisen.

Schriftzug Q4 an der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4
Der Schriftzug Q4 steht für den Allrad-Antrieb der Giulia.

Das lässt sich leicht verschmerzen, denn pures Tempobolzen passt gar nicht zur attraktiven Giulia. So richtig in Fahrt kommt die rassige Italienerin auf kurvigen Landstraßen. Hier ist die Giulia in ihrem Element.Die neutrale Abstimmung des Fahrwerks ermöglicht teilweise beeindruckende Kurvengeschwindigkeiten. Den Slalom-Parcours, den wir zum Test aufstellen, durcheilt der Alfa Romeo mit beeindruckender Leichtigkeit.

Die Landstraße ist das Revier der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4

Dabei lässt die Giulia vergessen, dass mit zwei Personen an Bord und dem kurz zuvor vollständig aufgefüllten Tank mehr als 1,7 Tonnen durch Parcours wedeln. Beim Tanz durch die Pylonen gefällt die leichtgängige und präzise Lenkung. Den positiven Fahreindruck verstärkt die fast schon aggressive Gasnahme des Selbstzünders. Besonders im Dynamik-Modus setzt der Diesel die Befehle des Gaspedals mit erstaunlicher Spontanität um.

In Verbindung mit der harten Abstimmung des Fahrwerks unterstreicht dies den Charakter der Sportlimousine. Wobei die Härte des Fahrwerks sicherlich nicht jedermanns Fall ist. Aber zum sportlichen Anspruch der Giulia paßt diese Abstimmung. Auch wenn sie dazu führt, dass selbst auf vermeintlich ebenen Autobahnetappen immer etwas Bewegung im Aufbau ist. Und auf welligen Landstraßen bisweilen eine ausgeprägte Stuckerneigung zutage tritt.

Alles zusammen festigt das Bild von der feurigen Italienerin!

Zur Erinnerung unterstreicht die Giulia ihren Charakter mit dem ungewöhnlich rauen Lauf ihres Selbstzünders. Gefallen hat uns die Abstimmung der Achtgang-Automatik. Sie stammt im Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 vom Zulieferer ZF und schaltet angenehm schnell. Das passt hervorragend zum kräftigen Vierzylinder, der in unserem Test durchschnittlich gut 6,7 Liter Diesel auf 100 Kilometer konsumiert.

Der Tacho der Giulia reicht optimistisch bis 260.
Der Tacho der Giulia reicht optimistisch bis 260.

Mit Verbindung mit dem 52 Liter großen Tank ist also einer Reichweite von etwas mehr als 770 Kilometern drin. Wer will, der kann die Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 sicherlich auch sparsamer bewegen. Denn als wir auf eine besonders sparsame Fahrweise achten, sinkt der Verbrauch unter die Marke von sechs Litern. Doch eigentlich geht das Energiesparen am Sinn der Giulia vorbei. Denn der liegt darin, das Potenzial der Sportlimousine zu nutzen.

Auch der Innenraum der Giulia gefällt!

Damit spricht die Alfa Romeo Giulia Sportfahrer an. Womit ich zur Zielgruppe gehöre. Und tatsächlich, diesmal könnte Alfa Romeo tatsächlich mein Herz erweichen. Anfang der 1990er-Jahre gelang der italienischen Marke dies nicht. Damals bot der örtliche VW-Händler einen zwei Jahre alten Alfa Romeo 75 an. Ich fuhr ihn Probe und entschied mich gegen einen Kauf.

Denn mit meinem zwei Meter langen Körper fand ich damals einfach keine passende Sitzposition. Zudem war das Cockpit noch ein Armaturenbrett und glänzte mit viel Hartplastik. Sicherlich, in den Neunzigern war das der Standard. Doch der Alfa Romeo 75 fiel damals hinter dem Standard der Klasse zurück. Das ist heute völlig anders. Die chicen Sportsitze und die Position der verstellbaren Lenksäule ermöglichen es auch mir, eine gute Sitzposition zu finden.


Hinten wird der Platz knapp

Allerdings fehlt mir an der Fahrertür etwas Platz für den Ellenbogen. Offensichtlich haben die Ingenieure die Sitze etwas weiter außen positioniert, um den Platzeindruck im Innenraum zu maximieren. Gut gefällt mir auch das klar auf den Fahrerplatz ausgerichtete Cockpit. Dank dieser sind alle Anzeigeinstrumente gut sichtbar und liegen die Bedienelemente im Griffbereich. Das gilt auch für den Dreh-Drück-Steller auf der Mittelkonsole.

Lenkrad der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4
Das Lenkrad der Alfa Romeo Giulia liegt gut in der Hand. Cool ist der Start-Stop-Knopf, den Alfa Romeo wie bei einem Rennwagen am Lenkrad angebracht hat.

Einziger Negativpunkt im Innenraum ist, dass die gefällige flache Dachlinie den Passagieren auf der Rückbank die Kopffreiheit nimmt. Zudem schränkt die breite C-Säule die Übersichtlichkeit nach hinten ein. Trotzdem liegt der Alfa Romeo im Innenraum auf dem Niveau der etablierten Wettbewerber aus Deutschland. Den Jaguar XE lässt Alfa Romeo in dieser Disziplin nach meinen Geschmack hinter sich. Es wird spannend, wie Jaguar den XE im kommenden Jahr aufwertet.

Fazit zum Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4:

Mit der neuen Giulia kehrt Alfa Romeo zu den Tugenden zurück, mit der die Marke bis in die 1970er-Jahre ihre Fans begeisterte. Die Rückkehr funktioniert auch dank des 2,2 Liter großen Diesels, der unseren Testwagen antrieb, hervorragend. Nebenbei glänzt die Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 mit einer chicen Karosserie und einem funktionalen Innenraum. Das macht das Fazit einfach. Denn mehr Prêt-à-porter als bei der italienischen Sportlimousine gibt es in der Mittelklasse sonst nirgends.

Weitere Bilder der Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Alfa Romeo Giulia 2.2 Multijet AT8 Q4 – Prêt-à-porter Italiennes

Foto: Karla Schwede

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Ein Beitrag von:

Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!

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