David Purley und der LEC CRP1 – Der Traum vom eigenen Grand Prix-Wagen
Hinter dem Namen LEC steckt mehr als ein Exot im Grand Prix-Starterfeld der 1970er-Jahre. Pilot und Teameigner David Purley war Fallschirmjäger, Privatfahrer, Retter in höchster Not – und Überlebender eines der brutalsten Unfälle der Grand Prix-Geschichte. Sein LEC CRP1 entstand mit genauso viel Idealismus wie Mut.
Mit McLaren, Ferrari und Williams tragen immerhin drei der elf heute in der Formel 1 aktiven Rennställe noch den Namen des Rennfahrers, der das Team einst gründete. Bis zum letzten Jahr gehörte auch Sauber noch in diese Reihe. Allerdings tritt dieses Team nach dem Verkauf an Audi inzwischen unter dem Namen der VW-Tochter an. Früher gab es in der Formel 1 mit Brabham ein weiteres Team, das von einem Rennfahrer gegründet wurde.
Vom Fallschirmjäger zum Rennfahrer!
Scheinbar ist es eine gute Voraussetzung, um ein Team zu führen, selbst gefahren zu sein. Gleichwohl gelingt es nicht jedem Rennfahrer, sein Team dauerhaft zu etablieren. Einigen, wie Alain Prost, Aguri Suzuki oder etwas später auch dem ehemaligen Minardi-Piloten Adrián Campos, ging irgendwann das Geld aus. Andere scheiterten an den eigenen Ansprüchen. Daneben gab es auch einige tragische Episoden. Zu ihnen zählt die Geschichte des Briten David Purley.
Purley, geboren 1945, war der Sohn des Unternehmers David Purley Senior. Dessen Firma „Longford Engineering Company Refrigeration“ stellte unter dem Markennamen LEC Kühlschränke und Gefriergeräte her. Der Sohn des Hauses diente zunächst als Fallschirmjäger in der britischen Armee. Erst Ende der 1960er-Jahre fand der Junior zum Motorsport, fuhr erste Rennen in der damals neuen Formel Ford. Dort fiel Purley als engagierter und kompromissloser Fahrer auf.
David Purley war zweifelsfrei schnell!
Kein Wunder, dass der Brite schnell in die Formel 3 und Formel 2 aufstieg. Das galt damals als der klassische Weg nach oben, den viele Rennfahrer gingen. Wobei David Purley auf seinem Weg nach oben nie als Wunderkind galt. Gleichwohl erarbeitete sich der Rennfahrer den Ruf eines hart arbeitenden Privatfahrers mit überdurchschnittlichem technischem Verständnis. Purley galt als ernsthafter Enthusiast, war mehr als nur ein typischer Paydriver.
In der Formel 3 gewann Purley von 1970 bis 1972 dreimal hintereinander den „Grand Prix des Frontières“ auf dem schnellen Straßenkurs von Chimay. Beim Formel-3-Rennen in Monaco drehte der Brite 1972 die schnellste Runde – das Rennen gewann der spätere Grand-Prix-Sieger Patrick Depailler. David Purley crashte, kam damit aber weiter als James Hunt. Denn der spätere Weltmeister verpasste 1972 beim F3-Lauf in Monaco die Qualifikation.
Sein Team hieß immer: Lec Refrigeration Racing
Schon in dieser Zeit trat David Purley für das Team „Lec Refrigeration Racing“ an. Das Team setzte Chassis von Brabham (1970 und 1971) oder Ensign (1972) ein. In der Formel 2 trat Purley mit einem March 722 an. Bei einem F2-Rennen 1972 in Oulton Park stand der March von Lec Refrigeration Racing auf dem besten Startplatz. Und das in einem Rennen, das auch kommende Stars wie Niki Lauda und Jody Scheckter und mit John Surtees sogar ein Ex-Weltmeister bestritten. Den EM-Lauf in Pau schloss Purley als Dritter ab, verpasste bei den EM-Rennen in Mallory Park und Albi allerdings die Qualifikation.

Noch im gleichen Jahr trat David Purley mit einem Connew PC1 beim „2nd World Championship Victory Race“ an. In dem Rennen auf der Berg- und Talbahn von Brands Hatch traten Fahrzeuge aus der Formel 1 und der Formel 5000 gemeinsam an. Purley qualifizierte sich auf Platz 29, verzichtete wegen Problemen mit der Elektrik seines Rennwagens jedoch auf einen Start. So zumindest die offizielle Begründung. Der PC1 entstand in der heimischen Garage des 26-jährigen Peter Connew. François Migault tauchte mit dem Connew zweimal im Fahrerlager der Automobil-Weltmeisterschaft auf, nahm 1972 in Österreich sogar an einem Grand Prix teil.
1973 stieg David Purley in die Formel 1 auf!
Für die Saison 1973 legte sich David Purley einen March 731 zu. Doch der von Robin Herd konstruierte Rennwagen mit der markanten Front war ein Flop. Die Werkspiloten Jean-Pierre Jarier, Henri Pescarolo und Roger Williamson blieben punktlos. Erst Hesketh Racing und dessen Technikgenie Harvey Postlethwaite brachten dem Auto das Laufen bei. Ausnahmekönner James Hunt fuhr mit dem Boliden in den Niederlanden und den USA zweimal aufs Podest.
David Purley trat mit dem March bei vier Grand Prix an. Beim Debüt in Monaco stand der Rookie als 24. sogar einen Startplatz vor dem großen Graham Hill im Shadow. Im Rennen fiel der Brite aus. Im heimischen Silverstone qualifizierte sich Purley auf Platz 16, fiel jedoch in der Einführungsrunde nach einem Dreher aus. Auch beim vielleicht größten Skandal der Formel-1-Geschichte, dem Großen Preis der Niederlande 1973 in Zandvoort, war Purley dabei, stieg sogar zum moralischen Helden einer oft zynischen Ära auf.
David Purley versuchte Roger Williamson zu retten!
Im Rennen verlor Roger Williamson die Kontrolle über seinen March. Das Wrack lag kopfüber auf der Strecke – und brannte. Williamson saß noch im Auto. Während der Rest des Feldes an der Unfallstelle vorbeibretterte, stoppte David Purley. Der Brite versuchte vergeblich, aber unter Lebensgefahr, das brennende Auto umzudrehen. Als das nicht gelang, schnappte er sich einen Feuerlöscher und nahm den Kampf mit den Flammen auf. Vergeblich – Roger Williamson starb live im Fernsehen. Später erhielt David Purley für seinen Einsatz die britische George-Medaille.
Anschließend fuhr Purley in Deutschland und Italien noch zwei Grand Prix. 1974 kehrte der Brite als Stammpilot in die Formel-2-Europameisterschaft zurück. Podien in Salzburg und in Enna-Pergusa unterstrichen die Ernsthaftigkeit dieses Projekts. Parallel dazu versuchte sich David Purley beim britischen Grand Prix im Token RJ02 vergeblich fürs Rennen zu qualifizieren. 1975 und 1976 konzentrierte sich der Brite auf die Formel 5000. Mit Erfolg, denn 1976 gewann David Purley überlegen die „Shellsport International Series“. Gleich sechsmal war der Brite in dieser Saison, in der auch Formel-1-Boliden in der Serie antraten, erfolgreich. Purley setzte einen Chevron B30 ein, den der Ford GAA 3,4-Liter-V6 aus dem Ford Capri antrieb.
1977 kehrte David Purley mit seinem LEC CRP1 in die Formel 1 zurück!
In den beiden Jahren, die David Purley in der Formel 5000 antrat, verzichtete der Brite auf weitere Versuche, in der Formel 1 Fuß zu fassen. Doch nach dem Titelgewinn in der Formel 5000 war der „Aufstieg“ in die Formel 1 fast vorprogrammiert. Doch statt wieder einen „handelsüblichen“ Rennwagen zu erwerben, setzten Pilot und Team diesmal auf einen eigenen Rennwagen. Der spätere Onyx-Teamchef Mike Earle koordinierte die Einsätze.
Mike Pilbeam konstruierte den LEC CRP1 – Cosworth Racing Project 1. Schon der Name unterstrich: Mike Pilbeam, zuvor bei BRM tätig, setzte auf Bewährtes – den legendären Ford Cosworth DFV. Das Chassis – in der Logik seines Designers der „MP31“ – bestand aus einem Aluminium-Monocoque, die Aerodynamik war konventionell. Der Ground Effect sollte erst ein Jahr später mit dem Lotus 79 in die Königsklasse einziehen. Gleichwohl galt der LEC als solide konstruiert. Aber er traf auf eine Formel 1 im Wandel. Denn die Budgets stiegen, die Strukturen professionalisierten sich.
Von 173 km/h auf 0 in 66 Zentimetern!
Als Team, das nur ein Auto einsetzte, kämpfte Lec Refrigeration Racing von Anfang an um jede Qualifikation. Beim Debüt in Spanien misslang das Vorhaben noch. Doch anschließend gelang Pilot David Purley dreimal der Sprung ins Starterfeld, Punkte blieben jedoch außer Reichweite. Dann kam Silverstone 1977. Im Training zum Großen Preis von Großbritannien versagte die Gasrückstellung am LEC. Purley schoss nahezu ungebremst in die Streckenbegrenzung. Wer damals in Silverstone war, erinnert sich an Erdwälle und Eisenbahnschwellen.
Innerhalb von 66 Zentimetern bremsten der LEC CRP1 und sein Fahrer von etwas mehr als 170 km/h auf null ab. Das entspricht einer Verzögerung von 179,8 g – und galt damals als eine der höchsten je überlebten Belastungen. David Purley erlitt schwerste Verletzungen: zahlreiche Knochenbrüche und innere Verletzungen. Sein Überleben gilt bis heute als medizinische Sensation. Dem Unfall folgte eine monatelange Rehabilitation. Trotzdem saß David Purley 1979 wieder im Rennwagen, fuhr vier Rennen der „Britischen Formel-1-Meisterschaft“, wurde einmal sogar Vierter.
David Purley feierte ein Comeback!
Bei dem Unfall in Silverstone wurde der LEC CRP1 völlig zerstört. Aber das Team verfügte über ein zweites Monocoque. Mit Hilfe dieses „Ersatzteils“ baute es den Rennwagen wieder auf. 1979 trat David Purley beim Comeback zweimal mit dem wiederaufgebauten LEC CRP1 an. Doch Purley erkannte, trotz eines 10. Platzes in Thruxton, dass die Zeit des Rennwagens vorbei war. Denn in der britischen Formel 1 fuhren 1979 schon Boliden wie der Williams FW06, der Arrows A1 oder Tyrrell 008. Emilio de Villota setzte sogar einen Lotus 78 ein. Bei seinen beiden letzten Rennen saß David Purley in einem Shadow DN9.

Nach diesem durchaus erfolgreichen Comeback beendete David Purley seine Motorsport-Karriere und widmete sich intensiv dem Kunstflug. Wobei sich Parallelen zu seinem Motorsport-Engagement zeigten. Denn schnell galt der Brite als engagierter und ehrgeiziger Pilot. Purley nahm mit seiner Pitts Special regelmäßig an Wettbewerben und Flugtagen teil. Am 2. Juli 1985 befand sich Purley auf einem Trainingsflug in der Nähe von Bognor Regis in West Sussex.
Trotz des frühen Todes ist David Purley heute unvergessen!
Während eines Kunstflugmanövers verlor der Pilot in geringer Höhe die Kontrolle über seinen als extrem wendig geltenden Doppeldecker. Die speziell für den Kunstflug entwickelte Maschine stürzte ab, Purley kam noch am Unfallort ums Leben. Er wurde 40 Jahre alt. Sein Tod beendete eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. Purley war kein Weltmeister und kein Seriensieger. Aber sein Name bleibt mit zwei Extremen verbunden: mit einer der mutigsten Rettungsaktionen und einem der härtesten überlebten Rennunfälle der Formel-1-Geschichte.
Sein Rennwagen, der LEC CRP1, „überlebte“ ihn. Inzwischen fertigte WKD Motorsport sogar einen modernen Nachbau des Boliden an. Beide treten von Zeit zu Zeit im historischen Motorsport an. Und wenn man diese Autos heute fahren sieht, dann hört man nicht nur den Cosworth-V8. Man hört auch das Echo einer Epoche, in der Mut und Risiko noch untrennbar verbunden waren. Und in der ein Mann namens David Purley bereit war, beides zu tragen und sich als Einzelkämpfer mit Entschlossenheit und technischem Sachverstand ins Starterfeld schob.
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