Denn der Renault 5 Turbo gehört zu den Traumautos meiner Jugend. Der Backen-Turbo war bei seinem Debüt im März 1980 eine absolute Sensation. Der längs eingebaute aufgeladene Vierzylinder trieb die Hinterräder an. Um den Motorraum zu belüften, verfügte der „Dicke“ über stark verbreiterte Kotflügel mit großen Ein- und Auslässen für die Kühlluft. Dank der Verbreiterungen war der „Backenturbo“ 1.750 Millimeter breit. Damit überragte der Renault 5 Turbo seine zivilen Brüder um satte 22 Zentimeter.
Das machte nicht nur auf mich Eindruck! Auch Christian, einer meiner engsten Freunde, den ich etwa zur Zeit des Debüts des Renault 5 Turbo kennenlernte und der bis heute einer enger Freund (und mein Anwalt) ist, bekommt nach 45 Jahren immer noch leuchtende Augen, wenn wir über den Turbo sprechen. Bei jeder Moderation, wo ich einen Renault 5 Turbo treffe, sende ich ihm ein Foto dieses Autos. Und jedes Mal kommen wir anschließend ins Schwärmen. Mensch, das wäre doch was ... und sind wieder zehn!
Damit sind wir offenbar nicht allein!
Denn Renault kündigte schon im vergangenen Dezember einen elektrischen Renault 5 Turbo 3E an. Als bekennender Freund des Verbrennungsmotors gebe ich zu: E-Autos lassen mich normalerweise kalt. Mir fehlt das mechanische Leben, der Klang eines gut abgestimmten Motors, das Saugen der Vergaser, der Geruch von Benzin und heißem Metall. Doch beim Renault 5 Turbo 3E könnte ich schwach werden. Denn bei ihm treffen brachiale Optik und eine beeindruckende Performance auf einen Hauch von Zukunft.

Mein zehnjähriges Ich hätte den 3E für ein Raumschiff gehalten. Damals wirkte schon der originale Turbo wie ein Auto von einem anderen Stern. Tief geduckt, bullig, mit seinen ausgestellten Kotflügeln und Lufteinlässen war er das ultimative Spielzeug für die Straße. Heute, 45 Jahre später, sorgt Renault wieder für diesen Effekt – nur eben mit Elektropower statt mit Turbo-Punch. Und das Verrückte? Es funktioniert.
Renault hat es verstanden, das Erbe des alten Turbos in die Neuzeit zu überführen, ohne es zu sehr zu verwässern. Jetzt werden einige sagen, jetzt spinnt der Schwede. Ohne Turbo ist der Turbo doch kein Turbo! Ja, aber der Turbo 3E ist trotzdem nicht nur ein Retro-Gag. Er ist der Beleg, dass auch ein an sich nüchternes Elektroauto herrlich unvernünftig sein kann. Die Leistungsdaten versprechen, dass sich der „Elektro-Turbo“ ähnlich quer treiben lassen sollte wie das Original.
Eine Bestie, gebaut für Rallye, Drift und Rennstrecke!
Zwei Elektromotoren treiben die Hinterräder an, während die Batterie unter dem Fahrzeugboden platziert ist, um den Schwerpunkt möglichst tief zu halten. Mit 540 PS und 4.800 Nm Drehmoment lässt der Turbo 3E seinen Ur-Ahnen alt aussehen. Denn der verfügte nur über 160 PS Leistung. In 3,5 Sekunden soll der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingen – 1980 benötigte der echte Turbo für diesen Sprint noch 6,9 Sekunden.

Optisch geht Renault ebenfalls keine Kompromisse ein. Der 3E greift die bulligen Formen seines Vorbilds auf und treibt sie ins Extreme. Breite Kotflügel, riesige Lufteinlässe, ein monströser Heckflügel und ein aggressives LED-Lichtdesign machen unmissverständlich klar: Dieses Auto ist da, um aufzufallen. 4,08 Meter Länge, 2,03 Meter Breite und 1,38 Meter Höhe. Damit hat der Renault 5 Turbo 3E die Länge eines City-Cars, aber die Breite eines Supercars.
Grundlage des Renault 5 Turbo 3E ist Renaults neue Heckantriebsplattform. Auch die Technik im Innenraum stammt aus dem Renault-Programm. Aber das war 1980 gar nicht so anders. Wie damals glänzt auch die Neuinterpretation mit Motorsport-Funktionalität und Schalensitzen. Dazu kommen ein minimalistisches Digitalcockpit und ein Lenkrad, das eher an einen Controller erinnert. Das sind dann wohl die Zugeständnisse an die Gegenwart.
1.980 Exemplare will Renault bauen!
Gleichwohl, wir reden – damals wie heute – von einem Special-Interest-Fahrzeug. 1.980 Exemplare wird Renault bauen. Das ist nicht viel. Und deshalb wird Renault sich den Turbo 3E wohl gut bezahlen lassen. Doch das Konzept zeigt, dass Elektroautos nicht langweilig sein müssen. Vielleicht muss ich mich als alter weißer Mann nicht weiter gegen den Fortschritt sperren – zumindest nicht, wenn er so konsequent und radikal daherkommt wie dieser Turbo 3E.
Trotzdem: Ich werde meine Vorbehalte gegen Elektroautos sicher nicht für irgendein lebloses Massenprodukt aufgeben. Ich glaube nicht an die oft beschworene „elektrische Revolution“, wenn sie nur mehr vom Gleichen hervorbringt – nur diesmal ohne Motorgeräusch. Doch für diesen Renault? Vielleicht doch.
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