Mit den Testfahrten in Barcelona und Bahrain rückt die Formel-1-Saison 2026 näher. Die Teams sammeln tagelang Daten, gleichen diese mit ihren Simulationen ab und fahren Longruns sowie Quali-Simulationen. Dabei sind sie längst Teil eines Milliardenbusiness. Denn nur noch 22 Startplätze gibt es heute. Jeder einzelne hart umkämpft, jeder einzelne Teil eines Franchise-Systems, das den Wert eines Teams in astronomische Höhen getrieben hat. Wer heute neu einsteigen will, zahlt dreistellige Millionensummen, nur um dabei zu sein.
1976 war das anders – Nicht unbedingt einfacher, aber definitiv anders
Unser heutiges Archivfoto entstand am 14. März 1976 beim Race of Champions in Brands Hatch. Das war ein echtes Formel-1-Rennen, obwohl es nicht zur Automobil-Weltmeisterschaft zählte. Solche Veranstaltungen waren damals keine Exoten. Sie boten Preisgeld, Prestige und vor allem Startmöglichkeiten auch für Teams und Fahrer, die nicht das komplette WM-Programm bestritten. Das Feld war entsprechend bunt gemischt: Werksteams, Privatiers und Teilzeitstarter.
Wer ein halbwegs konkurrenzfähiges Auto hatte, der bekam seine Chance. Zu den Akteuren damals zählte auch Harald Ertl. Der in Österreich geborene, aber mit deutscher Lizenz startende Pilot bewegte sich Mitte der siebziger Jahre zwischen Formel 1, Formel 2, DRM und Sportwagen. Ertl war meist kein fest angestellter Werksfahrer, sondern eher ein klassischer Rennfahrer-Unternehmer seiner Zeit. Der Österreicher fuhr, wo es möglich war. Oft setzte er seine Autos selbst ein.
So war Ertl im Vorjahr auch Teil der Königsklasse geworden. Beim Großen Preis von Deutschland trat der Österreicher erstmals mit einem privaten Hesketh in der Formel 1 an. Mit Platz acht zog sich Ertl auf der Nordschleife achtbar aus der Affäre. Denn vor dem Beginn der Trainingsläufe hatte der Pilot zwar ein Auto und einen Motor, aber noch keine vollständige Crew. Einige der Mechaniker und Helfer verpflichtete sein „Teammanager“, der Journalist Jochen von Osterroth, erst im Fahrerlager.
Vom Märchenteam zum Überlebenskampf
1976 fuhr Ertl offiziell für Hesketh. In Brands Hatch trat er mit einem Hesketh 308B an. Ein Auto, das zwei Jahre zuvor noch Teil einer der schillerndsten Geschichten der Formel 1 gewesen war. Denn Hesketh Racing, das war Anfang der siebziger Jahre der aristokratische Gegenentwurf zu den nüchternen Werksteams. Finanziert von Lord Alexander Hesketh, mit Champagner im Fahrerlager und James Hunt am Steuer, gewann das Team 1975 in Zandvoort sogar ein WM-Rennen.
Doch 1976 war davon wenig geblieben. Lord Hesketh hatte sich zurückgezogen, das Budget war geschrumpft, die Struktur brüchig. Hesketh hatte begriffen, dass der Motorsport eine der schnellsten Möglichkeiten ist, um ein großes Vermögen zu vernichten. Bubbles Horsley, zuvor die rechte Hand des Teamchefs, versuchte, das Team am Leben zu halten. Geld spülte in die Kasse, dass Walter Wolf große Teile des Materials übernahm. Der austro-kanadische Unternehmer erwarb gleichzeitig die Mehrheit an Frank Williams Racing Cars. Dort gingen die Hesketh 308C des Vorjahres als Williams FW05 an den Start.
Das, was Wolf nicht übernahm, reichte Bubbles Horsley, um das Sterben des Teams Hesketh Racing zu verlängern. Für die Konstruktion neuer Rennwagen fehlte Horsley das Geld. Daher setzte das Team die Rennwagen von 1974 ein. Als Fahrer verpflichtete das Team Harald Ertl, da der Österreicher bereits im Vorjahr drei Rennen mit seinem privaten Hesketh bestritten hatte. Zudem brachte Ertl mit Heyco einen zahlungskräftigen Sponsor mit. Beim Race of Champions saß Harald Ertl im praktisch unveränderten Hesketh 308B.
1976 war für Hesketh der Anfang vom Ende
Mit diesem Boliden war Ertl gegen die neuen Fahrzeuge der Topteams von McLaren, Ferrari, Lotus oder Tyrrell von Anfang an chancenlos. Kein Zweifel, Hesketh war nicht mehr Glamour, sondern Kampf ums Überleben. Mit Platz 14 von 16 Startern reihte sich Ertl beim Race of Champions am Ende des Feldes ein. Langsamer als der Österreicher waren nur Giancarlo Martini im von der Scuderia Everest eingesetzten Ferrari 312T – hinter der Scuderia Everest verbarg sich das spätere Minardi-Team – und Vittorio Brambilla, dessen March 761 sich im weiteren Saisonverlauf als Fehlentwicklung erweisen sollte.
Im Rennen hielt sich Ertl 17 Runden, dann streikte der Motor. Das bedeutete am Ende Rang 11 in der Wertung. Eine Randnotiz mit Symbolkraft: Ertl wurde vor dem amtierenden Weltmeister Niki Lauda gewertet. Dessen Ferrari fiel mit Bremsdefekt aus. Motorsport war 1976 immer auch eine mechanische Lotterie: Ausfälle gehörten zum Alltag, selbst bei Topteams. Heute wären 17 Runden und ein Motorschaden eine Randmeldung in den Datenströmen der Telemetrie. Damals entschieden solche Defekte über Existenz oder Verschwinden eines Teams.
Heute ist die Formel 1 wirtschaftlich stabiler, professioneller, sicherer. Aber sie ist auch geschlossener. 22 Startplätze, keine Nicht-WM-Rennen, keine spontanen Gastspiele. Vielleicht macht gerade das ein Foto wie unser heutiges Archivbild so faszinierend: Denn es zeigt eine Zeit, in der die Tür zur Königsklasse noch einen Spalt weiter offenstand. Und in der selbst ein elfter Platz – mit Motorschaden – eine Geschichte erzählt.
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