180 Old- und Youngtimer nahmen die Herausforderung der 2. Köln Historic an. Darunter ein VW Golf GTI G60 von Volkswagen Classic, den Tom und ich fahren durften. Illuster, selten, wertvoll – der Tanzbrunnen war umringt von Preziosen der ferneren und auch jüngeren Automobilgeschichte. Ich konnte mich kaum satt sehen an den teils sehr seltenen Schönheiten, die auf ihren Start zu einer, je nach Ehrgeiz mehr oder weniger entspannten Tour über die hügeligen Straßen des weiten Kölner Umlandes warteten.

Guten Morgen Köln!

Unser Wecker brüllte um 5.00 Uhr. Wir stehen jeden Morgen früh auf, aber das war noch etwas früher als gewöhnlich. Das Fotoequipment war schon gepackt. Kaffee, duschen, ab nach Köln. Der Dom begrüßte uns im Morgendunst. Es war noch affenkalt und der Tau schlug sich hübsch aber lästig auf den Scheiben der in braver Reihe am Tanzbrunnen abgestellten Teilnehmerwagen nieder. Kalte Füße begleiteten mich bis zum Start, der für mich eine Premiere war. Das mit den Stoppuhren bei einer Gleichmäßigkeitsprüfung kannte ich ja von der Nordschleife. Die Bedienung von gleich mehreren habe ich am Ring vor Aufregung mehrfach komplett verhauen. Aber da waren wir auch mit anderen Geschwindigkeiten unterwegs. Bei einer Oldtimer-Rallye fährt man hingegen gemütlich, doch es kommt die Navigation erschwerend dazu. Ich war also sehr gespannt, wie wir uns schlagen würden.

Für Tom war die Tour in erster Linie eine Reise in seine automobile Vergangenheit. Denn Anfang der 1990er war er ein echter GTI-Fahrer. Doch auch jugendliche Heizer werden im besten Falle irgendwann vernünftig. Deshalb tauschte Tom zu Beginn seines Studiums den GTI gegen einen schnöden Golf III. Meine automobile Welt bestand zu dieser Zeit aus kleinen Opel Corsa und dem innigen Wunsch, einen schwarzen Volvo Amazon mit Overdrive zu besitzen.

Viele Jahre nach der Amazone haben mich am Vorstart ganz andere andere Wagen angezogen. Der kleine NSU Wankel Spider zum Beispiel. Wie aus dem Ei gepellt und einfach nur hinreißend. Oder der Ford GT 40, den sein Besitzer Titus Dittmann am Start nur mit Mühe auf Drehzahl halten konnte. Ein krasses Teil für eine ländliche Ausfahrt.

Endlich auf der Strecke

Vor uns lagen zwölf Wertungsprüfungen und 280 Kilometer Strecke. 280 natürlich nur für den Fall, dass wir uns nicht verfahren würden, wofür ich als Navigatorin die Verantwortung trug. Max, der diese Aufgabe vor ein paar Jahren bei der Hessen-Thüringen erfolgreich gemeisterte, machte mir schon Tage vor dem Start etwas Angst. Du weißt doch, Papa tut nicht so gerne, was man ihm sagt. Pustekuchen! Er tat genau und sklavisch das, was ich ihm sagte.

Wir stellten uns vor, wie wild es in den anderen Teilnehmerwagen wohl zugehen würde. „Ich hab‘ doch gesagt, du sollst links fahren…!“ „Nein, 200 Meter sind 200 Meter und nicht 500..!“ Oder so ähnlich. Wir haben sehr viel gelacht und die Fahrt genossen. Uns kam zugute, dass wir uns schon lange kennen und deshalb genau wissen, wo des anderen Schmerzgrenze liegt. Zum Erfolg führte nur die konsequente Konfliktvermeidung. Ähnlich wie mit einem sechsjährigen Kind auf einer 1000-Kilometer-Reise. Natürlich gibt es bei Kilometer 600 ohne Diskussion die dritte Tüte Gummibärchen.

Chinesen-Zeichen
Chinesen-Zeichen

Fahren Sie 1710 Meter in 2.47 Minuten

Die Wertungsprüfungen bei der Köln Historic finden teilweise auf öffentlichen Straßen, teilweise auf abgesperrten Strecken statt. Das Prinzip ist im Grunde immer das Gleiche. Der Veranstalter gibt für eine Zeit und eine bestimmte Strecke vor, die mit einem Start- und einem Zielschild deutlich markiert ist. Die angegebene Zeit müssen die Teilnehmer auf der angegebene Strecke möglichst genau bestätigen. Für jede 1/100-Sekunde-Abweichung gibt es einen Strafpunkt. Weil das in Zeiten von GPS und Atom-Uhren am Handgelenk immer mehr Teilnehmer erstaunlich gut hinbekommen, gibt es bei der Köln Historic kniffelige Zusatzaufgaben.

Manchmal gibt es Zwischenziele. Auch hier wird die Abweichung gemessen und die dabei eingefahrenen Strafpunkte mit den Strafpunkten der Zieldurchfahrt addiert. Besonders gemein ist das, wenn die Strecke zwei Kilometer lang ist und zwischen zwei Zielen nur 10 Meter liegen, diese aber 10 Sekunden getrennt voneinander zu durchfahren ist. Wobei ein Anhalten vor einem Ziel nicht gestattet ist. Ein echter Stop wird sofort mit weiteren Strafpunkten belegt. Bis zu drei Ziele enthielten die vor uns liegenden Aufgaben. Was bei mir bald die bohrende Frage beantwortete, warum die Verantwortlichen von Volkswagen Classic, die uns den VW Golf GTI G60 zur Verfügung gestellt hatten, drei mechanische Stoppuhren ins Auto gelegt haben. Oh je, das Nordschleifensyndrom! Mir schwante Böses!

Köln Historic 2016

Variiert zudem der nötige Geschwindigkeitsdurchschnitt in beiden Teilen einer Prüfung stark, ist das ein besondere Herausforderung. Auf einem Flugplatzkurs in Mendig mussten wir im ersten Teil durchschnittlich mit mehr als 50 Kilometer pro Stunde schnell sein, im zweiten – viel längeren Teil – waren es dann nur knapp 40 Kilometer pro Stunde. Allerdings setzte der Veranstalter noch einen oben drauf, indem er eine feste Startzeit – beispielsweise 14 Uhr 27 Minuten und 30 Sekunden – vorgab. Auch diese Zeit musste auf die 1/100 Sekunde genau eingehalten werden. Wer sie verpasste, bekam weitere Strafpunkte.

Sport oder Tourensport?

Klingt herausfordernd und nennt sich trotzdem tourensportliche Wertung. Mit 130 der insgesamt 174 Starter bei der Köln Historic ging die Mehrzahl der Teilnehmer in dieser Wertung an den Start. Nur die Minderheit der Profis entschiedt sich für die Sport-Wertung, die immer Zwischenziele hat. Selbst wenn die Prüfung nur 100 Meter lang ist!

Manche waren vorbereiteter als andere.
Manche waren vorbereiteter als andere.

Bei der ersten Prüfung ging das Ganze übrigens für uns gleich völlig in die Hose. Mit fast fünf Sekunden Abweichung fuhren wir durchs Ziel. Das war Platz 101. Diese Hypothek würde später noch schwer auf uns lasten. Dennoch lief es später für Tom und mich erstaunlich gut. Schon bei der zweiten Prüfung fuhren wir mit einer Abweichung von 55/100 auf den 23. Platz im Gesamtklassement. Nicht schlecht, doch die Sieger bei dieser Prüfung kamen mit einer Abweichung von 5/100 ins Ziel. Auf einer einer Strecke von 1.710 Metern!

Bei der vierten Prüfung schafften wir das auch. Wir wurden warm und besser. Doch diesmal reichten 5/100 Abweichung nur zu Platz acht. Die Sieger dieser Prüfung kamen ohne Strafpunkt durch die Aufgabe. Offensichtlich waren die anderen nun auch warm geworden. Auf den folgenden Prüfungen konnten wir uns mehrfach unter den ersten 30 platzieren. Doch am Ende sind die Platzierungen egal, denn addiert werden lediglich die Abweichungen bzw. die dazugehörigen Strafpunkte.

Spaß bis zum Hungerast

Bis kurz vor Mittagspause machte uns die Tour richtig viel Spaß. Doch dann plagt uns ganz furchtbar der Hunger. Im Augenwinkel hatte ich am Morgen Picknickkörbe und Fresspakete in den Auto stehen sehen und mir mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen. Warum habe ich nicht an Proviant gedacht! Die morgendliche Kälte war der Hitze gewichen. Der Golf GTI G60 von 1989 hat natürlich keine Klimananlage. Jetzt waren meine Füße wärmer als es mir lieb war, meine Jeans klebte mir am Körper und meine Kontaktlinsen schrieen nach einer Reinigung. Trotz der akuten Unterzuckerung, die mich mangels des oben erwähnten Fresspaketes langsam aber sicher außer Gefecht setzte, kamen wir auf dem Flugplatz in Mendig an, ohne uns ein einziges Mal verfahren zu haben.

Mit ein paar Würstchen und drei Flaschen Cola im Bauch machten wir uns einigermaßen gestärkt auf den Rückweg nach Köln. Unsere Konzentration sank mit der Zeit und die Prüfungen wurden zu echten Herausforderungen. Einmal übersah ich im Roadbook, dass der Tageskilometer-Zähler auf Null zu setzen war. Ich musste also bei den folgenden Wegangaben die bisher gefahrene Strecke hinzurechen. Und das in einem brettharten Auto, immer nach unten schauend auf sehr kurvigen Straßen. Ich erinnerte mich mal wieder genau, warum ich niemals eine gute Beifahrerin bei einer schnell gefahrenen Rallye sein würde.

Roadbuch der Köln Historic 2016
Geheime Sonderprüfung. Sie war nicht im Roadbook, es konnte sich also niemand darauf vorbereiten. Entsprechend verzweifelt waren viele Teilnehmer nach der Durchfahrt.

Zwei Mal verpassten wir kleine, gemeine Abzweigungen. Ich amüsierte mich zwar, dass zwei Wagen uns kritiklos folgten, vermutlich weil wir bis dahin zumindest in der Navigation fehlerlos waren. Doch das half uns nicht weiter. Ich musste noch mehr rechnen, um die Anweisungen des Roadbooks einigermaßen ins Lot zu bekommen. Aber irgendwie schlugen wir uns dann doch zur letzten Prüfung durch. Dort hatten die Dorfbewohner ein Etappenfest organisiert. Die örtliche Kart-Slalom-Gruppe hatte einen DJ geladen. Ein Moderator kündigte gegen die extrem laute Musik brüllend die Autos an. Ein schon leicht bierseliger Mann klopfte grinsend ans Fahrerfenster:“ Na, hat es für den Corrado nicht gereicht? Neee, jetzt mal ehrlich, sooo geile Autos hier. Aber eurer ist der Hammer!“

Nur noch 100 Meter

Nur noch gut 100 Meter Wertungsprüfung lagen vor uns. Die Aufgabe war, sie in genau 18 Sekunden zu durchfahren. Doch am Ende standen drei Zielschilder. Ich zählte herunter, acht, sieben, sechs und überhörte in der lauten Musik Toms Frage, welches Ziel eigentlich unser Ziel sei. Tom wiederholt seine Frage. Ich zählte weiter die Zeit herunter. Wir verhauten auch diese Prüfung, und sammeltn weitere fünf Strafpunkte alleine in dieser Übung.

Zieldurchfahrt bei der Köln Historic 2016
Zieldurchfahrt

Ohne Erwartungen ins Ziel – Überraschung beim Ergebnis.

Als wir durch das Zieltor fuhren, hatten wir daher keine großen Erwartungen. Ferner liefen irgendwie! Bei der Siegerehrung folgt dann die Überraschung. Insgesamt haben wir stolze 37,28 Strafsekunden gesammelt. Damit sind wir in der Gesamtwertung der tourensportlichen Klasse auf den 42. Platz gelandet. Sind also – für uns vollkommen unerwartet – ins vordere Drittel vorgefahren.

Damit konnten wir so gerade leben. Zumal noch mehr möglich gewesen wäre. Denn im Feld ging es eng zu. Nur fünf Strafsekunden weniger hätten Platz drei in unserer Klasse und einige Sprünge nach vorne im Gesamtklassement bedeutet. Angesichts der komplett verhauenen ersten und letzten Prüfungen wäre das eigentlich möglich gewesen. Damit bleibt fürs nächsten Mal noch Luft nach oben.


Der VW Golf GTI G60 stammt aus dem Fuhrpark von Volkswagen Classic. Wir danken Volkswagen Classic für die Leihstellung und die Betreuung während der 2. Köln Historic.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:

Tom im VW Golf GTI G60 - Foto: Karla Schwede 2016, all rights reserved

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2 Comments

  1. Welf Neumann Reply

    Schön geschrieben, da kommt die Stimmung gut rüber … tolle Blogperle

  2. Pingback: Test: Wie fährt sich der VW Polo GTI (2016)? » AutoNatives.de

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