Denn vielleicht hätte der Kleinwagen vor 50 Jahren seine Kunden gefunden. Doch damals war VW gerade im bisher größten Umbruch seiner Geschichte. Noch in den gesamten 1960er-Jahren lebte Deutschlands größter Autobauer von seiner Jahrzehnte zuvor gelegten Basis. Denn VW – das stand seit dem Start des zivilen Autobaus im Dezember 1945 für einen luftgekühlten Boxer im Heck.
Volkswagen, das war der Käfer!
Nach dem Vorbild des Käfers folgten auch der VW Transporter, der VW 1500 und der VW 411 diesem Prinzip – wobei der Käfer mehr als zwei Jahrzehnte im Mittelpunkt stand. VW war so stark von ihm abhängig, dass man mit der Auto Union und NSU zwei weitere Autohersteller übernahm, um mehr Kapazitäten für den Bau des Käfers zu schaffen. Dabei war der Käfer technisch längst überholt.
Und während die Wettbewerber Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre ihre Modellpaletten modernisierten, blieb VW lange alles beim Alten. Fiat etwa ersetzte die veralteten Modelle 1300, 850 und 600 durch die moderneren 124 und 127. Renault brachte den Renault 5 auf den Markt, und Peugeot definierte mit dem 104 das Thema Kleinwagen neu.
Die Rettung kam mit den neuen Töchtern!
Die Konkurrenz fuhr sich moderner, war wartungsärmer und günstiger zu bauen als der Käfer. Der Mehraufwand bei VW reduzierte die Marge pro Auto. Um profitabel zu sein, musste Volkswagen mehr Autos bauen. Deshalb kaufte VW die Auto Union und übernahm NSU. Als der Absatz – angesichts der neuen Wettbewerber – zurückging, fuhr Volkswagen in die Verlustzone. Die Technik der neuen Töchter ermöglichte VW schließlich den längst überfälligen Neustart.

Ein Vorbote war der mit NSU übernommene K70. 1972 folgte der Audi 80, ein Jahr später der vom Audi 80 abgeleitete VW Passat. 1974 kamen der Audi 50, der ein Jahr später zum VW Polo wurde, sowie der VW Scirocco und der VW Golf dazu. Die Umstellung der Produktion verschlang viel Geld. 1974 schrieb Volkswagen 807 Millionen DM Verlust. Ein Jahr später wies die Bilanz immer noch ein Minus von 157 Millionen DM aus.
Mit den neuen Autos kehrte der Gewinn zurück!
Doch zum Glück rissen die Kunden den VW-Händlern die neuen Autos aus den Händen. Schon 1976 wies die Bilanz der Wolfsburger wieder einen Überschuss von etwas mehr als einer Milliarde DM aus. In den kommenden Jahren stabilisierte sich der Gewinn bei gut einer halben Milliarde pro Jahr. Der Turnaround war geschafft, VW gerettet – bereit für einen Neuanfang.
Doch in diesem Umbruch war kein Raum für ein weiteres Modell. Volkswagen erweiterte schon mit dem Polo sein Programm nach unten. Der VW Chicco entstand 1975 – just in dem Moment, als VW mit dem Golf aus der Krise fuhr. So blieb der von Herbert Schäfer gestaltete VW Chicco eine Fingerübung. Die Designer nutzten die Gelegenheit, um ein neues Karosseriekonzept auszuprobieren – und Ideen zur Kostensenkung.
Der VW Chicco war 3,30 Meter lang!
Der Ansatz des Sparens wurde besonders im Innenraum deutlich. Statt Verkleidungen dominierte blankes Blech. Der Instrumententräger war rund geformt, integrierte die Lüftung und ließ sich – ähnlich wie im Rover SD1 – offenbar wahlweise links oder rechts platzieren. Dazu bot der Chicco vier Sitzplätze, wobei die Rückbank diesen Namen kaum verdiente. Doch bei einer Gesamtlänge von 3,30 Metern blieb dafür ohnehin kaum Platz.

Der dreitürige Chicco war immerhin 21 Zentimeter kürzer als der VW Polo. Wie die anderen modernen Volkswagen jener Zeit verfügte auch der Chicco über Frontantrieb. Unter der Motorhaube steckte ein experimenteller Dreizylinder mit 900 Kubikzentimetern Hubraum und 40 PS. Das klingt nach wenig, musste aber auch nur rund 650 Kilogramm bewegen.
VW sah keinen Bedarf für den VW Chicco!
Denn der Polo machte seinen Job als kompakter, preiswerter Einstiegs-VW zu gut. Einen noch kleineres Auto brauchte VW damals nicht – ein ähnliches Modell sollte es erst mehr als zwei Jahrzehnte später mit dem VW Lupo geben. Und wer genau hinschaut, erkennt im Chicco bereits einige Ideen, die beim Lupo Realität wurden.
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