Heikki Kovalainen, Fernando Alonso, Robert Kubica, Kazuki Nakajima und Sebastian Vettel waren beim Großen Preis der Türkei der Formel 1 im Freitagstraining die schnellsten Piloten. Können Sie sich vorstellen, dass sich diese Herren deshalb im Rahmenprogramm des Grand Prix in einem Sportwagen zum Wettkampf stellen? Nein? 1979 war das heute Undenkbare möglich.

Der Name für dieses Spektakel: „BMW M1 Procar Championship“. Die Idee zu diesem Markenpokal ging auf Ex-Rennfahrer Jochen Neerpasch zurück. Der gebürtige Krefelder war seit 1972 als Geschäftsführer der „BMW Motorsport GmbH“ für die Rennaktivitäten des bayrischen Herstellers verantwortlich. Während seiner Amtszeit wurde in der „Deutschen Rennsport Meisterschaft“ das Machbare fast täglich neu definiert.

Trotz des erfolgreichen BMW 320 Turbo, den die Mannen um Neerpasch gebaut hatten, wollte sich BMW der heraufziehenden Herausforderung des Ford Capri Turbo und des immer brutaler werdenden Porsche 935 mit einem Mittelmotor-Sportwagen stellen. Dazu entwickelte man – zunächst mit Unterstützung von Lamborghini – den BMW M1. Nur wenige Exemplare sollte in den öffentlichen Straßenverkehr kommen, um die notwendigen Voraussetzungen zur Homologation als Rennsportgerät zu erlangen.

Doch Änderungen im internationalen Motorsportreglement machten den BMW M1 noch vor seiner öffentlichen Präsentation praktisch beschäftigungslos. Die angestrebte Teilnahme an der „Deutschen Rennsport Meisterschaft“ war mit dem BMW M1 nicht mehr möglich.

Alternative Markenpokal

In Zusammenarbeit mit Bernie Ecclestone und Max Mosley wurde als Alternative die „BMW M1 Procar Championship“ gegründet. Die Serie wurde als Markenpokal im Rahmenprogramm ausgewählter Formel-1-Rennen platziert. Insgesamt 25 M1 wurden speziell für diese Serie aufgebaut. Der spätere McLaren Chef Ron Dennes beteiligte sich mit seiner Firma Projekt Four ebenso wie der Rennwagenhersteller Osella und die „BMW Motorsport GmbH“.

BMW 1 Procar von Manfred Winkelhock
BMW 1 Procar von Manfred Winkelhock

Der Clou der „BMW M1 Procar Championship“ war, dass – zumindest in ihrer ersten Saison – tatsächlich fünf arrivierte Formel 1 Piloten an den Start gingen, um um das attraktive Preisgeld zu fahren. Berechtigt zum Start waren die fünf Schnellsten des Freitagstrainings der Formel 1. Sie stiegen für die Procar-Rennen in einen direkt von der „BMW Motorsport GmbH“ eingesetzten M1.

In den Rennen der „BMW M1 Procar Championship“ trafen die Formel 1-Piloten ebenso auf junge Talente wie Markus Höttinger, Hans-Georg Bürger oder Manfred Winkelhock wie auf Profis vom Schlage eines Hans-Joachim Stuck, Toine Hezemans oder Helmut Kelleners. Diese Piloten saßen in insgesamt 20 weiteren M1, die von bekannten Teams wie Eggenberger, Cassani Racing oder Heidegger eingesetzt wurden.

Das Debüt in Zolder

Im Mai 1979 wurde beim Großen Preis von Belgien in Zolder zum ersten Mal die Startampel der „BMW M1 Procar Championship“ auf Grün geschaltet. Der 470 PS starke, spektakuläre Wagen, verlangte den Fahrern alles ab. Dies sorgte für ein spannendes Rennen mit einem schließlich überraschendem Ausgang. Denn nicht etwa einer der etablierten Formel 1-Piloten – am Start waren u. a. Weltmeister Mario Andretti, Clay Regazzoni und Jacques Laffite – gewann beim Debüt. Nach 20 unterhaltsamen Runden ging der erst 21-jährige Italiener Elio de Angelis in seinem von Osella eingesetzten M1 als Erster ins Ziel.

Vom ersten Rennen an fuhr sich die „BMW M1 Procar Championship“ in die Herzen der Fans. Denn auch die weiteren Saisonläufe boten guten Motorsport mit spannenden Rennen. Niki Lauda sicherte sich gleich drei Saisonsiege. Hans-Joachim Stuck konnte zweimal siegen, Nelson Piquet und Jacques Laffite gewannen jeweils einmal. Am Ende des Saison wurde Lauda, der in einem von Project Four eingesetzten M1 alle Saisonrennen bestritt, erster Titelträger der „BMW M1 Procar Championship“. Dafür kassierte der Österreicher – neben einem netten Preisgeld – auch einen der schließlich gut 400 gebauten Straßen-M1.

Das Ende eines mutigen und unterhaltsamen Experiments

1980 ging die „BMW M1 Procar Championship“ in ihre zweite Saison. Weil die Piloten der Formel 1 inzwischen zunehmend exklusiv an ihre Teams gebunden waren, musste man notgedrungen auf die „Vorqualifikation“ über das Formel 1 Training verzichten. Obwohl weiter auch Formel 1 Fahrer in der Procar-Serie an den Start gingen, verlor sie damit ihr absolutes Alleinstellungsmerkmal und schrumpfte zu einem fast normalen Markenpokal.

BMW M1 Procar beim AvD Oldtimer Grand Prix
BMW M1 Procar beim AvD Oldtimer Grand Prix

Nach neun Läufen, wovon einige im Rahmenprogramm der „Deutschen Rennsport Meisterschaft“ ausgetragen wurden, stand schließlich Nelson Piquet als zweiter Titelträger der „BMW M1 Procar Championship“ fest. Dann endete das mutige Experiment. Offiziell wollte sich BMW auf den anstehenden Formel 1 Einstieg konzentrieren. Doch wohl auch Vertragsprobleme einiger Formel 1-Piloten, die den Einsatz im Procar verhinderten, bewogen die Verantwortlichen dazu, die „BMW M1 Procar Championship“ 1981 nicht mehr auszuschreiben.

In gerade mal 17 Rennen wurde die „BMW M1 Procar Championship“ zu einem Mythos. Heute sind originale Fahrzeuge der Procar-Serie begehrte Sammlerstücke. 2008 organisierte BMW im Rahmenprogramm des Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring eine Show-Fahrt von insgesamt 10 ehemaligen Procar-Fahrzeugen.

Den BMW M1 heute sehen

Auch 2009 setzt das Team von ah-racing ihr Procar regelmäßig bei den Rennen der Youngtimer Trophy ein, so auch jüngst beim Egon 500 im beligischen Spa-Francorchamps. Außerdem sind seit einigen Jahren einige der rollenden Erinnerungsstücke regelmäßig beim „AvD-Oldtimer-Grand-Prix“ am Nürburgring zu Gast.

Als Teil eines „Revival Deutsche Rennsportmeisterschaft“ genannten Rennens treffen die BMW M1 dann Gegner, die vor 30 Jahren nicht ihre Gegner sein durften. Auch für den in gut zwei Monaten anstehenden „37. AvD-Oldtimer-Grand-Prix“ (7. bis 9. August 2009) wurden bereits jetzt wieder einige der legendären BMW M1 aus der Procar-Serie angekündigt.

 

Link-Tipp: Die fast vollständigen Ergebnisse der 17 Procar-Rennen.

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