BMW 745i SA: Inoffizieller M7 aus Südafrika
Manchmal entsteht Automobilgeschichte dort, wo sie niemand erwartet. Mitten in der Apartheid-Ära baute BMW in Südafrika einen 7er, der eher Rennwagen als Reiselimousine war. Der 745i SA ist selten, kompromisslos und damit vielleicht der faszinierendste E23 von allen.
Mit dem 1977 vorgestellten 7er unterstrich BMW seine Ambitionen in der Oberklasse. Doch den Bayern fehlte ein Achtzylinder, wie ihn die Konkurrenz aus Stuttgart anbot. Zwar waren die Sechszylinder aus München über jeden Zweifel erhaben, aber es waren nur Sechszylinder. Das gab es inzwischen schon in der Mittelklasse – gerade BMW hatte dort mit dem BMW 320/6 und 323i der Baureihe E21 Maßstäbe gesetzt. Um zumindest bei der Leistung mit den Stuttgartern mithalten zu können, bot BMW ab 1980 den 745i an.
Anders als der Name suggeriert, verfügte dieser 7er nicht über 4,5 Liter Hubraum. Stattdessen kam der bewährte 3,2 Liter große Sechszylinder zum Einsatz, dem jedoch ein Turbolader beim Atmen unterstützend zur Seite stand. Das Ergebnis waren 252 PS Leistung. Ab 1983 verfügte der 745i sogar über 3,4 Liter Hubraum. Trotzdem blieben die Leistungsdaten offiziell unverändert. Doch während BMW vom bisher stärksten Siebener weltweit mehr als 16.000 Exemplare absetzte, blieben die Länder mit Linksverkehr leer aus. Denn beim Rechtslenker stand die Lenkung dem Turbolader im Weg.
Keinen Turbolader im Rechtslenker?
Damit gingen Japan, Australien, Großbritannien und Südafrika leer aus. Der BMW 745i war in diesen Ländern nicht verfügbar. Das missfiel besonders den BMW-Ingenieuren in Südafrika. Am Kap der guten Hoffnung ist BMW seit 1973 mit einem Werk in Rosslyn vertreten. Hervorgegangen aus den Aktivitäten des Importeurs Praetor Monteerders fertigte es vor Ort BMW-Fahrzeuge, passte die aus Deutschland stammenden Modelle jedoch immer wieder an lokale Gegebenheiten an. Dafür leisteten sich die Bayern in Rosslyn ein Entwicklungsbüro mit eigener technischer Kompetenz. Es brachte vom 3er und 5er regelmäßig spezielle Südafrika-Varianten auf den Markt.
Bei der Gesamtkonstellation spielte auch eine Rolle, dass sich Südafrika Anfang der 1980er-Jahre mitten in der Apartheid-Ära befand. Die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung sorgte für internationale Sanktionen. Die dadurch verursachte wirtschaftliche Isolation führte dazu, dass viele europäische Firmen vermehrt lokal produzierten und teilweise eigene technische Wege gingen. Denn sie betonten die Eigenständigkeit der südafrikanischen Töchter. So konnten ihre Mütter sagen: Ja, wir sind da – aber gar nicht richtig!
Rosslyn statt München – Die Geburt einer Sonderlösung
Alles zusammen erklärt, warum BMW Südafrika den 745i SA entwickelte. Denn die Verantwortlichen sahen einen Markt für eine leistungsstärkere Version des Siebeners. Doch nachdem der Turbo aus konstruktiven Gründen nicht zur Verfügung stand, war guter Rat teuer. Irgendwann entstand die Idee, den Reihensechszylinder M88/3, der auch den BMW M635CSi bereits antrieb, in die Baureihe E23 zu verpflanzen. Mit 3,5 Litern Hubraum, 286 PS Leistung sowie seiner ikonischen Einzeldrosselklappen-Anlage übertraf der BMW 745i SA den bayerischen BMW 745i mit Turboaufladung bei den wesentlichen Eckpunkten sogar.
Weil es kein Automatikgetriebe gab, das für das Drehmoment und die Charakteristik des ursprünglich aus dem M1 stammenden M88 geeignet war, zog ein handgeschaltetes 5-Gang-Getriebe in den 745i SA ein. So entstand ein Auto, das eigentlich den Namen M7 verdient hätte – so wie der M88 auch aus dem Fünfer der Baureihe E28 ab 1985 in Europa einen M5 machen sollte. Doch da das „M“ damals untrennbar mit der BMW M GmbH verbunden war, entstand der Name BMW 745i SA für den heimlichen M7 aus Südafrika.
War das noch eine Oberklasse-Limousine – oder schon ein getarnter Sportwagen?
Und völlig unabhängig vom Namen bot dieser Siebener Fahrleistungen, die sich auf Augenhöhe mit Supersportlern bewegten. Den Sprint von 0 auf 100 km/h legte die Limousine der Oberklasse in rund sieben Sekunden zurück. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei mehr als 240 km/h. Damit übertraf der 745i SA viele zeitgenössische 2+2-Sitzer aus Maranello. Und auch hinter der Luxus-Konkurrenz wie dem Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 oder dem Jaguar XJ12 musste sich der südafrikanische Exil-Bayer nicht verstecken.
Etwas mehr als 200 Exemplare des BMW 745i SA entstanden. Je nach Quelle ist die Rede von 209 oder 210 Exemplaren, die bis 1986 auf Bestellung entstanden sein sollen. Übrigens alle – das war in Südafrika selbstverständlich – Rechtslenker. Weshalb den E23 mit dem Herz aus dem BMW M1 kaum jemand kennt. Denn in der restlichen BMW-Welt passte der „SA“ nicht in die Markenphilosophie. Dort trennten die Bayern streng zwischen dem in der Oberklasse erwarteten Luxus und dem Motorsport. Das machte den heißen BMW 745i SA zu einer „verbotenen Frucht“.
Vielleicht war er zu gut, um offiziell zu sein!
Der gedankliche Vergleich mit dem offiziellen BMW 745i ist der Vergleich von Turbo und Hochdrehzahl. Er führt uns natürlich zu der Frage, was der bessere 745i war. Dies ist am Ende wohl vor allem eine Frage des Geschmacks. Der bayerische 745i steht für frühes Drehmoment. Das ermöglicht einen souveränen Antritt und leise Autorität. Hier gibt es keinen Drehzahl-Orkan, sondern eine Druckwelle. Der 745i schob an – standesgemäß, gelassen, mit dem Selbstverständnis eines Vorstandsvorsitzenden.
Beim Südafrikaner galt Drehzahl statt Ladedruck. Denn der M88 war kein Motor für sanfte Beschleunigungswellen. Er war ein nur müde getarntes Renntriebwerk mit Straßenzulassung. Er wollte Drehzahl. Er wollte Bewegung. Er wollte, dass man arbeitet. Unter 3.000 Touren blieb er höflich, zeigte sich darüber hellwach. Ab 5.000 U/min machte das Triebwerk auch den Siebener zu einem Fahrerwagen. Wo der 745i den Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 unter Druck setzte, nahm es der 745i SA eher mit dem kleinen Bruder 635CSi auf.
Der 745i SA ist der heimliche Star der E23-Baureihe!
Der Turbo sagte: „Ich bin Chef.“ Der SA sagte: „Ich fahre selbst.“ Technisch war der Turbo gewiss innovativer. Der SA war kompromissloser. Denn während der 745i ein Produkt seiner Epoche war, wirkt der 745i SA bis heute wie ein Unfall der Geschichte. Er ist einer dieser seltenen Momente, in denen lokale Ingenieure etwas bauen, das fast zu gut ist, um offiziell zu existieren. Vielleicht ist genau das sein größter Reiz.
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