Zur Formel 1 gehört – seit ihrer Gründung – auch das Scheitern. Und gerade deshalb haben auch die schlechten Autos der Formel 1 ein Recht auf ihren Platz im kollektiven Gedächtnis. Und zu den schlechtesten Fahrzeugen der Formel 1 Geschichte gehört der EuroBrun ER–189 zweifelsfrei. AutoNatives.de stellt diesen interessanten Rennwagen vor.

Der Schweizer Walter „Walti“ Brun hatte es mit dem Aufstellen von Automaten zu einen gewissen Wohlstand gebracht. Als ambitionierter Amateur fuhr der Schweizer seit den 1970er-Jahren Rennen und gründete zur Saison 1983 „Brun Motorsport“. Das Team trat in der Sportwagen–Weltmeisterschaft sowie der IMSA–GT–Meisterschaft recht erfolgreich mit den Porsche–Typen 956 und 962 an. 1986 gewann man sogar die Sportwagen–Weltmeisterschaft. Gleichzeitig ging in der Formel 1 das Zeitalter der Turbomotoren zu Ende. Der Umstieg auf die heute noch genutzten Saugmotoren versprach eine Kostenreduzierung, die die Formel 1 für kleinere Teams wieder finanzierbar erscheinen lies.

Anfang 1988 wagte Walter Brun den Schritt in die Formel 1. Gemeinsam mit dem Italiener Gianpaolo Pavanello, der seit den 1970er–Jahren das Team Euroracing betrieb, gründete Brun das Team „EuroBrun“. Die Zusammenarbeit mit Pavanello versprach einen gewissen Zugriff auf Formel 1 Erfahrung. Denn Pavanello hatte nach großen Erfolgen in der Formel 3 Anfang 1983 die Rennwagen und das Material des Alfa Romeo Formel 1 Werkteams übernommen, um damit drei Jahre unter dem Namen „Euroracing Alfa Romeo“ in der Formel 1 anzutreten. In der Formel 1 blieb „Euroracing Alfa Romeo“ weit hinter den Erwartungen zurück. Und so drängte Alfa Romeo Ende 1985 auf einen Rückzug Pavanellos aus der Formel 1. Kritiker, die Brun gut zwei Jahre später vor einer Zusammenarbeit mit Pavanello warnten, entgegnete Brun seinerzeit „Die größten Chaoten waren damals doch die Alfa–Leute und nicht der Pavanello!“.

Für die Zusammenarbeit unter den Namen „EuroBrun“ vereinbarte man eine klare Aufgabenteilung. Brun kümmerte sich um die Finanzen und überwies für das Formel 1 Abenteuer circa 300.000 US-$ pro Monat nach Italien. Pavanello kümmerte sich um die Teamstruktur und den Bau der Fahrzeuge. Dazu griff Pavanello auch auf Material aus der Alfa–Zeit zurück. Und so basierte der erste EuroBrun auf einem inzwischen gut vier Jahre alten Monocoque des Alfa Romeo 184T. Am Anfang der Saison 1988 sah man damit sogar halbwegs gut aus. Zunächst gelang dem Team meist ohne größere Probleme die Qualifikation zu den Rennen. Doch im Verlauf der Saison verlor das Team von Rennen zu Rennen immer weiter den Anschluss.

EuroBrun ER-189
EuroBrun ER-189 bei der „Hockenheim Historic – In Memory of Jim Clark“ 2013 (Foto: Tom Schwede)

Wahrscheinlich hielt nun auch Walter Brun seinen Partner Gianpaolo Pavanello für chaotisch. Die Teilhaber stritten zunehmend über die Gründe für das schlechte Abschneiden. Am Ende der Saison trennte man sich. Walter Brun übernahm das gesamte Team. Zusätzlich gründete Brun im britischen Basingstoke ein Technikbüro namens „Brun Technics“, das neben einem Gruppe C Sportwagen unter der Leitung von George Ryton auch den EuroBrun ER–189 als neues Formel 1 Einsatzfahrzeug entwerfen sollte.

Debüt in Hockenheim

Zum Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring im Sommer 1989 war der Hoffnungsträger endlich fertig. Dank des neu gewonnenen Hauptsponsors, dem deutschen Likör–Hersteller Jägermeister, trat der EuroBrun ER–189 beim Debüt in einem feschen orange an. Doch die Lackierung zierte ein eher schweres und vergleichsweise langsames Auto. Zudem war es durch das eher unberechenbare Handling schwer fahrbar. Sowohl am Hockenheimring als auch beim nächsten Rennen auf ungarischen Hungaroring erwies sich der neue Wagen als nicht konkurrenzfähig. Zum Rennen in Belgien wechselte man zum Vorgängermodell zurück, um den EuroBrun ER–189 umfassend zu überarbeiten. Eine neue Hinterachse, die vom Vorgänger stammte, machte das Auto zwar besser fahrbar, doch den Sprung ins Starterfeld der Formel 1 sollte der EuroBrun ER–189 in diesem Jahr nicht mehr schaffen.

Vor dem Ende der Saison zog sich der Hauptsponsor zurück. Das Team trat bei den Überseerennen in Japan und Australien mit einem schwarzen Auto an. Zur nächsten Saison wurde das Fahrzeug nochmals umfassend überarbeitet. Diesmal zeigten die Bemühungen sogar einen gewissen Erfolg. Denn Roberto Moreno schaffte es immerhin dreimal, den EuroBrun ER–189 für ein Rennen zu qualifizieren. Dabei halfen dem kleinen Brasilianer sicherlich auch die Pirelli–Reifen, die zu dieser Zeit als die perfekten Qualifikationsreifen galten. Beim Saisonauftakt in den USA sah der EuroBrun ER–189 sogar die Zielflagge. Moreno kam beim Rennen in Phoenix, Arizona als 13. ins Ziel.

Doch es blieb bei diesem Hoffnungsschimmer. Denn auch in der dritten Formel 1 Saison verlor das Team von Rennen zu Rennen den Anschluss. Nur noch einmal gelang der Sprung ins Starterfeld. Ansonsten war das Grand Prix Wochenende des Teams meistens bereits in der damals üblichen Vorqualifikation zu Ende. Noch vor dem Ende der Saison warf man das Handtuch und verzichtete auf eine weitere Teilnahme an den Rennen der Formel 1. Mit dieser Geschichte dürfte der EuroBrun ER–189 eines der erfolglosesten Formel 1 Autos der Geschichte sein.

Der EuroBrun ER–189 heute

Trotzdem – oder gerade deswegen – gehört der EuroBrun ER–189 heute zu den durchaus gesuchten Fahrzeugen dieser Epoche der Formel 1. Denn der Rennwagen steht für einen gewissen Aufbruch und für neue Möglichkeiten, die Ende der 1980er-Jahre zahlreiche neue Teams in die Formel 1 spülten. Einen EuroBrun ER–189 steuert der Deutsche Heinrich Bücherl regelmäßig bei den schnellen Auftritten der Fahrergemeinschaft „RaceHistory on Track“. Ein weiteres Exemplar bietet Mark Mullen von der britischen Firma ClassicCarsForSale zurzeit in England zum Verkauf an. Der neue Besitzer könnte damit beispielsweise in der „EuroBOSS Series“ ein neues Betätigungsfeld finden und hätte dabei die Gewissheit, ein Formel 1 Auto mit einer ganz besonderen Geschichte zu bewegen.

Daten zum Fahrzeug

TypEuroBrun ER–189
Baujahr1989
Radstand2905 mm
MotorJudd CV, 90° V8 mit 3,5 Litern Hubraum
Leistung600 PS bei 12500 Umdrehungen pro Minute
Schaltungmanuelles 6 Gang Getriebe
FahrerRoberto Moreno, Oscar Larrauri und Claudio Langes

Wir danken Mark Mullen von der britischen Firma ClassicCarsForSale für die Fotos und die Informationen zum „EuroBrun ER–189“.

 


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
EuroBrun ER-189 (Foto: Mark Mullen)

EuroBrun ER-189 (Foto: Mark Mullen)

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Author

Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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