Am kommenden Wochenende findet in Hockenheim das Saisonfinale der DTM statt. Mit den beiden Läufen im badischen Motodrom zieht sich Mercedes nach mehr als 30 Jahren offiziell aus der DTM zurück. Statt in der DTM will der Stuttgarter-Autobauer in Zukunft in der Formel E rennen. Im Vorfeld dieses besonderen Finales verschickte Mercedes gestern eine kurze Pressemitteilung, die an die Meilensteine der Stuttgarter in der DTM erinnert.

Als Beobachter, der den Motorsport inzwischen seit fast 40 Jahren aufmerksam verfolgt, musste ich bei dieser Pressemitteilung von Mercedes dann doch etwas schmunzeln. Denn Mercedes spricht offiziell von der 30-jährigen DTM-Geschichte der Marke. Nur wer zwischen den Zeilen liest, der ahnt, dass es ein „davor“ gibt. Schließlich verweist Mercedes in seiner Meldung ausdrücklich auf das „erste DTM-Rennen nach dem Werkseinstieg“.

Dieses „erste DTM-Rennen nach dem Werkseinstieg“ ging am 3. April 1988 im belgischen Zolder über die Bühne. Jörg van Ommen fuhr bei diesem Rennen im Mercedes-Benz 190E 2.3-16 des „Star AMG Marko RSM“ Teams als Dritter über die Ziellinie. Womit Mercedes beim Debüt des Werks in der DTM gleich einen Podestplatz feiern durfte. Denn das Team von Helmut Marko trat 1988 zusammen mit der damaligen „AMG Motorenbau GmbH“ offiziell als Werksteam an.

Als Ende Mai 1988 auf der Berliner Avus AMG-Pilot Johnny Cecotto erfolgreich war, feierte das Werk offiziell den ersten Sieg in der DTM. Auch diesen Sieg erwähnt Mercedes heute gerne. Dabei war es selbst 1988 nicht der erste Mercedes-Sieg in der DTM. Denn schon eine Woche vor Cecotto siegte Dany Snobeck beim DTM-Rennen im tschechischen Brünn. Doch das Team des Franzosen, das den Baby-Benz bereits seit Jahren auch in Frankreich einsetzte war – wie auch BMK-Motorsport – in der DTM offiziell „nur“ ein Privatteam.

Im Rückblick liest sich das alles eindrucksvoll

Ein Podestplatz im ersten Rennen und ein Sieg am vierten Wochenende, das klingt, als ob Mercedes in der DTM von Anfang an erfolgreich war. Und in der Logik von Werkseinsätze war Mercedes das sogar. Trotzdem benötigte auch der Mercedes-Benz 190E 2.3-16 etwas mehr Anlauf, um zum Top-Fahrzeug zu reifen. Denn tatsächlich startete das Engagement der Stuttgarter im deutschen Tourenwagensport bereits drei Jahre vor dem ersten Werkseinsatz.

Denn schon 1985 trat mit Leopold Gallina ein „Privatfahrer“ mit einem Mercedes-Benz 190E 2.3-16 an. Und selbst Gallina war nicht der erste Mercedes in der Serie. Denn 1984 war sogar ein Mercedes 380 SLC in der DTM unterwegs. Wobei sich die Serie damals noch „Deutsche Produktionswagen-Meisterschaft“ nannte. Doch auf den offiziellen Seiten der heutigen DTM gelten inzwischen auch die Jahre 1984 bis 1987 als DTM-Rennen.

DTM 190er von und mit Roland Asch
 Roland Asch bewegte 2014 bei der Historic Trophy Nürburgring seinen ehemaligen „privaten“ Mercedes 190 E 2.3-16 von BMK-Motorsport aus der DTM 1988

Nach Leopold Gallina, der es 1985 bei drei Auftritten in Erding, Diepholz und beim Saisonfinale am Nürburgring beließ, gab es bald weitere Mercedes-Benz 190E 2.3-16 in der Serie. Denn neben dem Team Marko RSM des heutigen Red Bull Motorsportkoordinators Helmut Marko trat 1986 auch die Scuderia Kassel mit dem Baby-Benz an. Offiziell war das alles private Einsätze. Schließlich galt bei Mercedes-Hersteller Daimer-Benz damals offiziell ein Motorsportverbot.

Denn das Werk hatte sich 1955 nach der Katastrophe von Le Mans vom Motorsport verabschiedet. Zeitzeugen berichten allerdings immer wieder von Mercedes-Mitarbeitern, die damals – natürlich nur in der Freizeit – als Techniker den Privat-Teams unter die Arme griffen. Und es war wohl auch purer Zufall, dass in anderen nationalen Tourenwagen- und Rallye-Meisterschaften in ganz Europa plötzlich jede Menge Autos von Mercedes auftauchten.

Schon 1986 gab es einen Vizemeister-Titel für Mercedes-Benz

Bei Helmut Marko drehten 1986 Volker Weidler, der heutige Audi-Kommunikationchef Peter Oberndorfer und der ehemalige Ski-Star Franz Klammer am Lenkrad. Für die Scuderia Kassel waren neben Jörg van Ommen auch Johannes Breuer, Kris Nissen und Sepp Haider aktiv. Mit zwei Siegen beim Eifelrennen am Nürburgring (27. April 1986) sowie auf der AVUS (11. Mai 1986) trug sich Volker Weidler als erster Mercedes-Pilot in die Siegerlisten der DTM ein.

Da der spätere Le-Mans-Gewinner bei drei weiteren Rennen 1986 auf das Podest fuhr, sprang am Ende des Jahres sogar der Vizemeister-Titel für Weidler heraus. Und wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn Weidler schon bei den ersten beiden Saisonrennen 1986 im Mercedes hätte starten können. Ein ist sicher, dann würde die offizielle Geschichtsschreibung von Mercedes heute aussehen.

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