Spitznamen sind für Autos wichtig. Der VW Typ 1 wurde als Käfer zum Sympathieträger. Der Volvo P1800 ES fuhr als Schneewittchensarg in die automobile Unsterblichkeit. Heute sind Spitznamen für Autos selten. Auch wenn der Mercedes GLC zumindest für mich immer das braune Bio-Ei sein wird.

Um Missverständnissen vorzubeugen, das liegt nicht an der Formgebung. Die mir auch beim GLC nicht gefällt. Denn Sie orientiert sich wie bei vielen aktuellen Mercedes-Modellen offensichtlich stark an den Wünschen der Kunden in China. Doch dort wird der Wettbewerb größer. Die chinesische Staatsführung stärkt heimische Marken wie Great Wall.

Mercedes hält – unternehmerisch richtig – mit der eigenen Kernkompetenz dagegen. Daher stand im Pflichtenheft der Entwickler der Geländelimousine Mercedes-Benz GLC, dass dieser SUV mehr Geländewagen als Softroader sein soll. Schließlich gilt das G-Modell des Hauses als DER Geländewagen.

Früher G-Modell, heute Mercedes-Benz GLC?

Kein Wunder, dass die Stuttgarter versuchen, alles, was der Kunde für geländegängig hält, in Bezug zu der Ikone zu setzten. Notfalls bis zur Selbstaufgabe. Selbst wenn das beim unvoreingenommen Betrachter für Kopfschütteln sorgt. Die Präsentation eines verdreckten Mercedes-Benz GLC bei dessen Weltpremiere ist so ein Fall.

Ich erinnere mich noch, als das G-Modell eine Premiere war. Damals war der Daimler noch was. Piekfein ging es in der Kieler Niederlassung zu. Zum Glück gehörte mein Großvater dort zu den Stammkunden. Deshalb durfte ich mir das großartige G als Grundschüler von innen ansehen und bekam schließlich sogar einen Prospekt zugeteilt.

Ein dreckiger Mercedes – dazu noch als Teil einer Bühnenshow – das wäre damals undenkbar gewesen. 2015 ist das anders. Bei der Weltpremiere des Mercedes GLC rollt ein – vermutlich künstlich – verdrecktes Exemplar auf die Bühne. Eine Bühne, die übrigens in Metzingen stand. In der schwäbischen Kleinstadt ist Hugo Boss zu Hause. Ein Unternehmen, das während der Diktatur des Dritten Reichs mit Anzeigen auf seine Uniformen für SA, SS und Hj zu billigen Preisen hinwies.

In den 1980er-Jahren streiften die Enkel des Firmengründers mit teurer Businesskleidung den provinziellen Mief ihrer Heimatstadt ab. So machen sie aus Hugo Boss ein weltbekanntes Unternehmen der Modebranche. Wobei sie sich strenggenommen treu blieben. Denn auch die Kleidung der Geschäftswelt hat oft den Charakter einer Uniform.

Man muss mit der Zeit gehen – oder nicht?

Und so passt am Ende auch der Ort der Präsentation ziemlich gut zum Mercedes-Benz GLC. Nein, nicht weil sich auch der Führer gern in Fahrzeugen mit Stern präsentierte. So weit will ich das in dieser Glosse hier jetzt gar nicht treiben. Aber Mode spielt bei einem SUV wie dem GLC eine wichtige Rolle.

Früher waren Geländewagen Gebrauchsgegenstände. Gekauft von Förstern und anderen, die zur Arbeit in rauher Umgebung selbst fahren wollten. Es folgten die Bauunternehmer und die Architekten. Und irgendwann – etwa zeitgleich, als die Gebrüder Holy aus Opas kleiner Klitsche eine Marke machten – eroberte der Geländewagen unsere Städte.

Plötzlich waren Starrachsen und Bodenfreiheit bei Managern und Direktoren gefragt. Mein Vater ist ein typisches Beispiel. Er stieg aus schnittigen Sportcoupés in einen urigen Nissan Patrol um, fährt heute noch eine M-Klasse.

Die Erfindung des SUV verstärkte den Trend. Mit ihm konnte endlich auch derjenige Geländewagen fahren, dem die Härte für die Härte des Fahrwerks eines echten Geländewagens fehlte. Damit spielt der SUV ähnlich wie die Mode mit der Illusion. Spielt mit dem Schein und nicht mit dem Sein.

Aber warum ist der Mercedes-Benz GLC ein braunes Bio-Ei?

In diesem Kontext passt der Veranstaltungsort Metzingen am Ende wie der Arsch auf den berühmten Eimer. Und vermutlich hält man die Präsentation eines verdreckten Mercedes GLC in Stuttgart für cool. Auf mich wirkt sie eher lächerlich. Übrigens völlig unabhängig davon, was der so beworbene GLC tatsächlich im mehr oder minder harten Geländeeinsatz zu leisten imstande ist.

Denn der verdreckt präsentierte Mercedes-Benz erinnert mich an die Bio-Eier vom Bio-Bauernhof eines Freundes. In dessen Biobetrieb geht es so sauber zu wie anno 1979 in der Mercedes-Niederlassung. Doch weil der Kunde am Bio-Ei auch mal Dreck erwartet, gibt es einen Angestellten, der die Eier mit einer Wasser-Sand-Mischung beträufelt. Und an jedem siebten Ei ist sogar eine Feder dabei.

3 Kommentare

  1. Also ich sehe da nur einen Volvo XC 90 mit Mercedes-Stern und kein Ei. Und Bio ist da ja wohl schonmal gar nichts!

  2. Lieber Autor,
    …bei Dir fällt mir nur das Sprichwort ein:
    ‚Neid ist die deutsche Form der Anerkennung‘ und da Du Dich nun einmal so gut
    mit der braunen Suppe von Früher auskennst,scheinen Deine Wurzeln wohl darin zu gründen.Macht nicht’s,der GLC rollt auch darüber.
    Ein Freund

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