von Fredo Steckgaard am 13.04.2026

Der Kombi, den es nie geben sollte: MAG Magnum auf Corrado-Basis

Manche Autos sind so selten, dass sie selbst eingefleischten Markenfans praktisch unbekannt sind. Der MAG Magnum, der kürzlich auf der Retro Classics Essen zu bewundern war, gehört ohne Zweifel dazu.

MAG Magnum auf Corrado-Basis

Der MAG Magnum ist ein fast vergessener Shooting Brake auf Basis des VW Corrado. Zwei Prototypen entstanden mit viel Handarbeit bei der Hamburger Firma „Design + Technik“ (Foto: Tom Schwede).

Heute gehören sportliche Kombis zum guten Ton. Ende der 1980er-Jahre war das völlig anders. Der Kombinationskraftwagen galt als Vernunftauto. Handwerker, Vertreter, Familien, also all jene, die Platz brauchten, aber keinen Wert auf große Auftritte legten, fuhren ihn. Wer etwas auf sich hielt, fuhr Limousine oder Coupé. Schließlich versprachen sie deutlich mehr Prestige als ein praktischer Lastenträger. Dabei waren sportliche Kombis nicht unbekannt.

Früher nannte man sie „Shooting Brake“

Als solche waren sie ursprünglich nie ein Auto für den Alltag. Sie waren ein Spielzeug für britische Landlords. Die wollten, wenn sie morgens im Tweed zur Jagd aufbrachen, nicht irgendeinen Wagen bewegen. Sie wollten standesgemäß Bentley oder vielleicht auch Aston Martin fahren, veredelt zu praktischen, aber bewusst exzentrische Einzelstücke. Hinten: Platz für Gewehre, Hunde und alles, was man für einen Tag auf dem Land brauchte. Vorn: Holz, Leder und ein Motor, der eher flüsterte als arbeitete.

Praktisch? Ja. Aber vor allem: demonstrativ unvernünftig.

Insofern passt der umgebaute Corrado in die Reihe solcher Ahnen, auch wenn ihm das Prestige eines der Fahrzeuge der britischen Edelmarken fehlt. Und es ist vielleicht sogar eine Ironie der Geschichte, dass Bentley heute eine Tochter des Corrado-Herstellers Volkswagen ist. Die Idee zu dem MAG Magnum auf Corrado-Basis stammte aus dem Karmann-Kosmos. Sie stammte von Josef A. Marold, einst bei Karmann tätig und später Unternehmer, gründete die Planungsgesellschaft für Automobil- und Maschinenbau – damals Marold Automobil- und Anlagentechnik GmbH.

Frontansicht des MAG Magnum

Frontansicht des MAG Magnum: Von vorne unterscheidet den Umbau nichts vom normalen VW Corrado – nur die Dachreling irritiert etwas.

Im Auftrag von VW, wo man sich heute mit dem Projekt (englisch) schwer tut, entwickelte Marold eine Vision: Aus dem eleganten, aber wenig praktischen Corrado ein alltagstaugliches Fahrzeug mit mehr Raum zu machen, ohne den sportlichen Anspruch aufzugeben. Für die Umsetzung holte Marold sich einen alten Weggefährten: Chris Hahn, dessen Betrieb SGS Styling Garage in Schenefeld bei Hamburg für anspruchsvolle Umbauten bekannt war. Was folgte, war kein klassisches Tuning-Projekt. Es war eine tiefgreifende Neuschöpfung.

Puzzle aus dem VW-Regal

Der Magnum ist ein Paradebeispiel für kreative Ingenieurskunst mit Serienteilen. Denn vieles stammt aus vorhandenen Großserienmodellen:

  • Die Heckleuchten vom Audi 80 B3 (Typ 89) sind leicht zu erkennen.
  • Um die Dachhaut vom VW Passat B2 (32B) zu identifizieren, bedarf es schon eines näheren Hinsehens.
  • Die Scharniere der Heckklappe aus dem VW Polo erkennt nur der Experte.

Und dazwischen: jede Menge Handarbeit. Marold fräste per CAD Holzformen für die neuen C-Säulen, auf denen die Karosseriebauer das Blech modellierten. Das Ergebnis überrascht bis heute: Von den verstärkten B-Säulen bis zum komplett neu gezeichneten Heck ist der Magnum weit mehr als ein „verlängerter Corrado“. Der Magnum ist kein Design-Gag, sondern ein nutzbares Auto, ein eigenständiges Fahrzeug, das tatsächlich gefahren werden kann.

Heckansicht des MAG Magnum

Heckansicht des MAG Magnum: Die Heckleuchten wirken vertraut, das sind sie auch. Sie stammen vom Audi 80 B3.

Dass das Konzept ernst gemeint war, zeigen der ordentliche Stauraum von 490 Litern, eine variable Rückbank sowie eine niedrige Ladekante. Kurz: Er ist ein Shooting Brake, der seinen Namen verdient. Selbst der TÜV attestierte 1990 nach Vergleichsfahrten keine negativen Fahreigenschaften. Für die Macher war das der Ritterschlag, sie sahen darin die Eintrittskarte zu einer Kleinserie. Geplant waren 100 Fahrzeuge. Der Preis für den Umbau sollte bei rund 22.000 D-Mark zusätzlich zum Basisfahrzeug liegen.

100 Stück? Der Traum bleibt Theorie

Den Generalvertrieb übernahm die SGS Styling Garage Spezialkorosserien von Chris Hahn. Doch der Markt spielte nicht mit. Warum auch? Anfang der 1990er war ein praktischer Kombi kaum teurer als eine Limousine. Wer mehr Raum wollte, kaufte vernünftig. Wer sportlich fahren wollte, kaufte ein Coupé. Die Schnittmenge potenzieller Käufer für einen teuren, zweitürigen Sportkombi war schlicht zu klein. Der Magnum war seiner Zeit voraus. Nach dem Projekt-Aus verschwanden die beiden Prototypen zunächst von der Bildfläche.

Werbeblatt zum MAG Magnum Corrado

Werbeblatt zum MAG Magnum Corrado – Geplant war eine Kleinserie, deren Generalvertrieb übernahm die SGS Styling Garage Spezialkorosserien von Chris Hahn. Doch der Markt entschied es anders.

Später sollen die Rechte, Werkzeuge und Fahrzeuge sogar einmal für 3,2 Millionen D-Mark angeboten worden sein. Auch dafür fand sich kein Käufer. Heute sollen noch beide Fahrzeuge existieren. Eines soll es in den USA verschlagen haben. Das andere war kürzlich auf der Retro Classics Essen zu sehen. Es war ein Messeauftritt mit Seltenheitswert, eine Gelegenheit, die selbst Corrado-Kenner nicht oft bekommen.

Phantom der Corrado-Geschichte

Der MAG Magnum ist kein verpasstes Serienmodell. Er ist ein „Was wäre wenn“. Was wäre gewesen, wenn vielleicht sogar Volkswagen selbst den Mut gehabt hätte, den Corrado als Shooting Brake zu denken? Was wäre gewesen, wenn der Markt Anfang der 1990er offener für solche Nischen gewesen wäre? Doch dazu kam es nicht. Zwei Exemplare des Gedankenmusters MAG Magnum entstanden. Mehr nicht. Sie waren fast vergessen und gerade deshalb war der Auftritt eines der Prototypen auf der Retro Classic Essen 2026 so faszinierend.


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