Glaube nicht alles, was Du hörst … Das gilt besonders für die regelmäßig angebotenen Infografiken. Denn wer in seinem Blog auf Qualität achtet, der publiziert diese Geschenke nicht.

Vor ein paar Tagen musste ich auf dem Flughafen von Düsseldorf ungeplant eine Stunde Wartezeit überbrücken. Meistens nutze ich in solchen Fällen die Lounge der Lufthansa. Denn dort gibt es neben einer kleinen Erfrischung immer auch reichlich Lesestoff. Eine gute Gelegenheit, um mal wieder die BILD oder den Express zu studieren. Denn im Alltag gebe ich kein Geld für diese Boulevard-Zeitungen aus.

Express vom 29.5.2015
Foto Express vom 29.5.2015

Zwischen den gewohnt dünnen Geschichten fand ich im Express den Hinweis „Die Top-10-Orte für Sex im Freien“. Solche Beiträge sind ein bekanntes Mittel vieler Zeitungen, um den Platz zu füllen. Sie sind – auch als Infografik – schnell erstellt und fast beliebig in der Größe skalierbar. Selbst als Auto-Blogger überraschte mich, welche große Rolle das Auto in der Sex-Planung der Deutschen spielt. Zumindest sagt das die „Statistik“, die der Express zitiert. Denn danach gehört das Auto für 46 Prozent der Deutschen zu den beliebtesten Verkehrsmitteln. Und auch beim Autokino (kommt auf 19 Prozent) und der Tiefgarage (hier „parken“ 16 Prozent) lässt sich ja eine gewisse Nähe zum Auto nachsagen.

Sex geht immer! Aber im Auto?

Die Zahlen bezog der Express aus der Pressemitteilung eines – laut Eigenbeschreibung – „Informationsportals für interessante Themen rund um Liebe und (Un-)Treue“. Das ist ein klassischer Auftritt, der über Google & Co. Seitenaufrufe generiert, um dann Werbung zu verkaufen. Abstrakt betrachtet machen Zeitungen und Zeitschriften auch nichts anders. Nur, dass ihre Schlacht um Aufmerksamkeit am Kiosk stattfindet und nicht von Google moderiert wird.

Um bei Google möglichst relevant zu erscheinen, benötigt eine Internetseite Links. Links sind die Mund-zu-Mund-Propaganda der Gegenwart. Der Versand von Pressemeldungen, der eine Infografik beiliegt, gilt unter SEO-Dienstleistern als probates Mittel, um diese Links zu bekommen.

Im Maßen funktioniert das sogar übern en Medienbruch hinweg. Denn bei der Veröffentlichung in Printform nennt der Verwender (meist) die Quelle. Das sorgt für kostenlose Werbung, wie unser Foto aus dem Express vom Freitag beweist. Damit nicht genug, denn das wiederum ermöglicht den Seitenanbietern, mit Hinweisen wie „bekannt aus …“ auf ihrer Seite, um Vertrauen zu werben.

Winston Churchill sagte – angeblich – einmal „Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Das gilt auch bei den meisten Infografiken. Obwohl es in der dazugehörigen Pressemitteilung, die auch bei uns einging, natürlich eine Erklärung gibt:

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Online-Umfrage unter 1.005 Deutschen im Auftrag von xxx beim Marktforschungsinstitut abc.

„Repräsentativ“ klingt immer gut!

Wer sich jedoch mal fünf Minuten mit Statistik beschäftigt, der kennt die Tücken. Denn strenggenommen gibt es „Repräsentativität“ gar nicht. Der Begriff soll ausdrücken, dass in der Teilmenge der Befragten (hier 1.005) die gleichen Vorlieben bestehen wie in der Grundgesamtheit (hier die Deutschen). Natürlich ist so eine Auswahl – mit einer gewissen Fehlerwahrscheinlichkeit – realisierbar. Die Stichprobe muss in der Zusammensetzung „nur“ der Grundgesamtheit gleichen.

Genau daran habe ich so meine Zweifel. Denn schon der Begriff „der Deutschen“ lässt viel Spielraum zur Interpretation. Dazu kommt, dass die Durchführung der Umfrage einer Firma oblag, vor der Verbraucherschützer waren. Im Internet gibt es auch Hinweise, dass das Unternehmen „Verdienstmöglichkeiten“ bietet, um Teilnehmer für Umfragen zu finden. Genau das gilt als Problem, wenn es um den Bau einer repräsentativen Stichprobe geht.

Denn bei der Auswahl der richtigen Stichprobe spielt das Auswahlverfahren eine wichtige Rolle. Umfragen im Internet sind – bezogen auf ihre Repräsentativität – grundsätzlich schwierig. Denn selbst im Jahr 2015 sind nicht alle Deutschen im Netz aktiv. Ein finanzieller Anreiz zur Teilnahme an einer Umfrage verschärft das Problem der Selbstselektivität. Insofern bleibt die Aussage, dass das Auto für 46 Prozent der Deutschen zu den bevorzugten Sex-Orten gehört, wage.

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