Vor 40 Jahren brachte Renault den Turbo in die Formel 1. Zunächst belächelten die etablierten Teams den französischen Autobauer. Doch Renault wusste aus Le Mans, dass der Turbo funktioniert. Im ersten Teil unser Serie zum Turbo-Debüt in der Formel 1 blicken wir deshalb auf die Anfänge des Turbos im Auto.

Als Renault 1977 erstmals mit einem Turbo in der Formel 1 antrat, war das Prinzip des Turboladers uralt. Schon 1905 lies sich Alfred Büchi die Idee, mit der Energie des Abgasstroms einen Verdichter anzutreiben, patentieren. Zunächst beatmete der Turbo jedoch nur Dieselmotoren in Lokomotiven, in Schiffen und Lkw. Denn bei Ottomotoren führt die Verdichtung des Treibstoff-Luftgemisches im Ansaugtrakt schnell zu einer ungesteuerten Selbstentzündung.

Deshalb zieht der Turbo erst nach rund 50 Jahren erstmals in ein Serienfahrzeug ein. General Motors bläst in den 1960ern im Oldsmobile Turbo Jetfire den Buick 215 sowie einen Sechszylinderboxer im Chevrolet Corvair Spyder per Turbo auf. Um die Kraft des Turbos zu beherrschen, spendiert GM dem 215er-Block zusätzliche Bolzen im Zylinderkopf. Deshalb nutzt Jack Brabham den Jetfire-Block, um aus dem Buick 215 den Repco V8 abzuleiten.

Auch im Motorsport glänzt der Turbo zunächst in den USA!

Bereits 1968 gewinnt Bobby Unser mit einem Turbo die 500 Meilen von Indianapolis. Im Eagle Rislone Special des Amerikaners setzt ein Turbo den guten alten Vierzylinder von Offenhauser unter Druck und schlägt damit die Gasturbinen. Mit dem Turbo-917 dominiert Porsche Anfang der 1970er-Jahre die CanAm-Serie. Dank eines Turboladers fährt Porsche in den USA mit rund 1.570 PS Leistung und 1.100 Newtonmeter Drehmoment.

Eagle Rislone Special
Mit diesem Eagle Rislone Special gewann Bobby Unser 1968 das Indy 500. (Foto: Morio)

Trotzdem ist Ausladung in der Formel 1 lange kein Thema. 1950/51 gewann Alfa Romeo mit dem Kompressor zwei WM-Titel. Doch ab 1952 gewinnen alle Weltmeister ihren Titel mit einem Saugmotor. 1966 steigt das Hubraumlimit der Königsklasse auf drei Liter. Schnell etabliert sich der dafür gebaute Cosworth DFV als Standard. Doch neben den Saugern erlaubt das Reglement aufgeladene Motoren mit maximal 1,5 Liter Hubraum. Bei diesem Hubraumfaktor halten selbst kühne Optimisten einen Turbo in der Formel 1 Mitte der 1970er-Jahre für chancenlos.

Trotzdem glaubt Renault 1977 an das Potenzial des Turbos!

Denn bereits 1974 sorgte der Porsche 911 Carrera RSR Turbo in Le Mans für Aufsehen. Gijs van Lennep und Herbert Müller fuhren mit einem 2,1-Liter-Turbo-Boxer auf den zweiten Platz. Das inspiriert Motorentwickler Bernard Dudot. Denn Dudot sieht in einem zwei Liter großen Rennmotor die optimale Basis für einen Turbo-Motor. Renault-Chef Bernard Hanon sichert das Budget und Renault startet ein breites Motorsportprogramm.

Das Programm sieht zunächst den Sieg in Le Mans und dann den Einstieg in die Formel 1  vor. Im Zentrum steht der von Bernard Dudot entwickelte Gordini-V6-Motor. Das 280 PS starke Zweiliteraggregat präsentierte Renault im Januar 1973 zusammen mit dem Alpine A440 Sportprototypen. Einem Sportwagen für die europäische Sportwagen-Meisterschaft. Anders als BMW oder Ford, die Reihenmotoren mit vier Zylindern einsetzten, vertraut Renault auf einen V6 mit einem Zylinderwinkel von 90 Grad.

Der Anfang ist schwierig, Renault tritt achtmal an und sieht nur bei drei Rennen die Zielflagge. Doch im zweiten Einsatzjahr sind die Probleme aussortiert. Mit der weiterentwickelten Alpine A441 sichert sich Renault 1974 überlegen die europäische Sportwagen-Meisterschaft. Inzwischen leistet der Vierventil-Saugmotor, in dessen Zylinderkopf vier oben liegende Nockenwellen rotieren, mehr als 300 PS. Renault gewinnt alle sieben Läufe der europäischen Sportwagen-Meisterschaft, die drei Ersten der Meisterschaft fahren einen Renault.

Mit dem Titelgewinn haben Motor und Auto bewiesen, dass sie funktionieren. Im Winter 1974/75 rüsten die Techniker den V6 mit einem Turbo von Garret aus. Bereits beim ersten Auftritt in der Marken-Weltmeisterschaft gewinnen Jean-Pierre Jabouille und Gérard Larrousse im März 1975 die 1.000 Kilometer von Mugello. Auch bei den 1.000 Kilometern von Monza fahren Jabouille und Larrousse auf das Podest. Trotzdem verzichtet Renault auf das französische Nationalheiligtum der 24 Stunden von Le Mans. Denn 1975 ist ein Lernjahr, um den Turbo zu verstehen.

1976 gewinnt der Turbo in Le Mans … mit Porsche

1976 bündelt Renault seine Motorsportaktivitäten in der neu gegrün­deten Abteilung „Renault Sport“ mit Sitz in Viry-Châtillon. Die Wahl auf Viry-Châtillon fällt, weil dort Amédée Gordini seit 1969 für Renault Renn- und Sportwagen und Motoren entwickelt. Das erscheint den Verantwortlichen die perfekte Basis für den nächsten Schritt zu sein. „Renault Sport“ bringt im Gründungsjahr einen Alpine A442 Turbo nach Le Mans. An der Sarthe fährt Jean-Pierre Jabouille mit der Turbo-Power von Renault prompt auf die Pole Position.

Patrick Detailer 1977 bei den 24 Stunden von Le Mans im Renault Alpine A442
Patrick Detailer 1977 bei den 24 Stunden von Le Mans im Renault Alpine A442 (Foto: Kenneth John Gill)

Im Rennen teilt sich Jabouille den A442 mit Patrick Tambay und José Dolhem, dem Bruder des unvergessenen Didier Pironi. Das Trio übernimmt vom Start weg die Führung. Doch in der Nacht fällt der Renault aus. Statt Renault sichert ein Porsche 936 dem Turbo seinen ersten Sieg in Le Mans. Den Antrieb des damals neuen Porsche 936 übernimmt der 2,1-Liter-Turbo-Boxer, der zwei Jahre zuvor im 911 Carrera RSR Turbo für Furore sorgte.

Renault greift ein Jahr später mit einem Großaufgebaut an und schickt gleich drei Werkswagen mit Turbo-V6 ins große Rennen. Dazu stellt Renault einen privaten A442 der Equipe Jacky Haran et Hugues de Chaunac zur Verfügung und unterstützt zwei Mirage GR8 mit Turbo-Motoren. Doch die A442 verglühten im Rennen. Nur einer der Mirage kommt über die Distanz.

Trotzdem gewinnt Porsche das Rennen nur mit die viel Glück. Denn eine Stunde vor dem Ende rollt der führende Porsche mit einem Motorschaden an die Box. Die Mechaniker bauen die Zündung um und deaktivieren einen der sechs Zylinder. Mit nur fünf laufenden Zylindern fährt der Porsche 936 als Sieger ins Ziel. Renault bleibt nur ein Achtungserfolg. Denn einer der Mirage fährt auf den zweiten Platz.

Der Le Mans Sieg bleibt das Ziel!

Wenige Wochen nach den 24 Stunden von Le Mans debütiert der französische Autobauer in der Formel 1. Trotzdem entwickelt der Staatsbetrieb auch seine Sportwagen weiter, um nochmal in Le Mans anzugreifen. 1978 schickt Renault erneut drei Werkswagen und einen offiziell privaten A442 der Ecurie Calberson nach Le Mans. Außerdem bekommt wie schon im Vorjahr der Amerikaner John Horsman für seine Mirage den zwei Liter großen Turbo-Motor von Renault.

1978 gewinnt Renault endlich die 24 Stunden von Le Mans
1978 gewinnt Renault endlich die 24 Stunden von Le Mans (Foto: Renault)

Schon im Training setzt Renault auf der Hunaudières-Geraden vor der Mulsanne eindrucksvolle Duftmarken. Die Sportwagen aus Viry-Châtillon jagen mit bis zu 380 Kilometern pro Stunde über die Landstraße, die einmal pro Jahr zur Rennstrecke wird. Den Vortrieb übernehmen mehr als 500 PS, die der Turbo in Le Mans den V6 entlockt. Trotzdem sichert sich Porsche die Pole Position. Doch diesmal ist Renault im Rennen besser aufgestellt. Zu den Werkwagen gehört auch ein Renault Alpine A443 mit dem auf 2,2 Liter vergrößerten Turbo-Motor.

Der neue Alpine A443 macht lange die Pace, fällt dann jedoch mit einem Motorschaden aus. Doch durch das hohe Tempo kommt auch Porsche nicht ohne Probleme über die Runden. Didier Pironi und Jean-Pierre Jaussaud gewinnen mit der Renault-Alpine A442B die 24 Stunden von Le Mans. Damit hat Renault sein Ziel, mit dem Turbo in Le Mans zu gewinnen, erreicht. Am Ende der Saison 1978 zieht sich Renault aus dem Langstreckensport zurück. Jetzt gilt die ganze Konzentration der Mannschaft von Renault Sport der Königsklasse des Motorsports.

Motoren und Fahrzeuge in diesem Artikel:

  • Alpine A440, vorgestellt im Januar 1973, Sportprototyp für die europäische Sportwagen-Meisterschaft. Zwei Exemplare entstehen.
  • Alpine A441, Gewinner der europäischen Sportwagen-Meisterschaft 1974. Renault baut insgesamt vier Exemplare dieses Rennwagens.
  • Renault Gordini-V6-Motor Typ CH1, 1.997 ccm Hubraum, Bohrung 86,0 Millimeter, 57,3 Millimeter Hub, mechanische Kugelfischer Einspritzanlage, Leistung zunächst 280 PS bei 9.800 1/min, später 305 PS bei 10.800 1/min
  • Alpine A442, Erster Rennwagen von Renault Sport. Fünf Exemplare entstehen von 1976 bis 1978. Teilweise modifiziert Renault die Karosserie. Deshalb findet sich der A442 auch als A442A und A442B in den Ergebnislisten.
  • Renault Gordini-V6-Motor Turbo Typ CHS, 1.997 ccm Hubraum, Bohrung 86,0 Millimeter, 57,3 Millimeter Hub, mechanische Kugelfischer Einspritzanlage, Abgasturbolader Garrett T05. Leistung 500 PS bei 9.500 1/min. Es ist der erste Renault Turbo in Le Mans.
  • Alpine A442, Einzelstück für die 24 Stunden von Le Mans 1978. Das Auto fällt mit einem Motorschaden aus.
  • Renault Gordini-V6-Motor Turbo Typ CHS2, 2.138 ccm Hubraum, Bohrung 89,0 Millimeter, 57,3 Millimeter Hub. Dieser Motor leistet rund 550 PS bei 9.500 1/min

Wie Renault in der Königsklasse des Motorsports mit dem Turbo die Szene aufmischt, daran erinnert in Kürze der zweite Teil unser Serie zum 40. Jubiläum des Debüts von Renault in der Formel 1.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Renault Alpine A442B, 1978 in Le Mans

Die siegreiche Renault Alpine A442B von Didier Pironi und Jean-Pierre Jaussaud, 1978 in Le Mans. Das Fahrzeug trug als einziger Renault eine Abdeckung aus Plexiglas als Cockpitscheibe. Das lies die Höchstgeschwindigkeit im Vergleich zur normalen A442 um gut 10 Kilometer pro Stunde steigen. (Foto: Renault)

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Author

Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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