Vor gut 100 Jahren stecket das Auto immer noch in den Kinderschuhen. Zu den Helden dieser Zeit gehört Camille Jenatzy. Der „Rote Teufel“, wie der Ingenieur wegen seines roten Bartes und wegen seines verwegenen Fahrstils genannt wurde, fuhr als Erster mit einem Auto schneller als 100 Kilometer pro Stunde. Was heute viele vergessen, der Belgier saß dabei am Steuer eines Elektroautos.

Im April 1899 fuhr Camille Jenatzy mit seinem selbst gebauten, zigarrenförmigen Elektroauto „La Jamais Contente“ in der Nähe von Paris 105,88 Kilometer pro Stunde schnell. Damals war das ein Geschwindigkeitsweltrekord. Das Rekordfahrzeug ist interessant. Denn als einer der ersten vertraute Jenatzy auf eine nach aerodynamischen Gesichtspunkten entwickelte Karosserie.

Der Karosseriebauer Rothschild fertigte die Karosserie aus Partinium, einer leichten Legierung aus Aluminium, Wolfram und Magnesium, an. Das war extrem modern. Doch die Karosserie lagerte auf einem Kastenrahmen und umschloss nicht die freistehenden Räder. Auf den Speichenrädern waren 65 mm dicke Luftreifen von Michelin aufgezogen.

Camille Jenatzy im Rekordauto La Jamais Contente.
Camille Jenatzy im Rekordauto La Jamais Contente

Dank der Bauform ragte der Fahrer und Konstrukteur weit aus dem Fahrzeug heraus. Das war weit weniger strömungsgünstig als die Karosserie mit der Form eines Torpedos. Beim Antrieb vertraute Jenatzy auf zwei 25-kW-Elektromotoren des französischen Ingenieurs André Étienne Postel-Vinay.

Den notwendigen Strom (200 Volt und 125 Ampere) lieferte eine aus 82 Fulmen-Elementen bestehende Batterie. Jedes Akkumulatorelement wog 10,4 Kilogramm und verfügte über eine Kapazität von 135 Amperestunden bei 27 A Entladestrom.

Der Geschwindigkeitsweltrekord dieser Konstruktion hatte fast drei Jahre Bestand. Erst im April 1902 fuhr Léon Serpollet mit seinem Dampfwagen „Oeuf de Pâques“ schneller als Camille Jenatzy. Der Belgier hatte sich zu dieser Zeit bereits neuen Zielen zugewandt.

Auch nach dem Ende seiner Karriere war Camille Jenatzy gefragt. Für Bosch warb der Belgier für Zündanlagen.
Auch nach dem Ende seiner Karriere war Camille Jenatzy gefragt. Für Bosch warb der Belgier für Zündanlagen.

Als Mercedes-Pilot nahm Jenatzy an den großen Rennen seiner Zeit teil. 1903 gewann Jenatzy in Irland den Gordon Bennett-Cup. Es war der erste wichtige internationale Sieg für einen Mercedes der Daimler-Motoren-Gesellschaft. Ein Jahr später fuhr Jenatzy beim gleichen Rennen noch mal auf einen zweiten Platz.

Doch in den nächsten Jahren feierte der „Rote Teufel“ keine größeren Erfolge mehr und beendete 1910 seine Rennkarriere. Jenatzy feierte das Karriereende wie einen Sieg, denn der Belgier war eigentlich überzeugt, dass er in einem Mercedes sterben werde. Doch das Schicksal eines Rennunfalls blieb Jenatzy erspart. Stattdessen starb der „Rote Teufel“ drei Jahre später bei einem Jagdunfall.

Hinter einem Busch sitzend imitierte Jenatzy Tierstimmen. Das funktionierte wohl etwas zu gut. Denn der Verleger Alfred Madoux schoss – in der Annahme, dort sitze ein Tier – in den Busch. Dort saß jedoch Jenatzy, der durch den Schuss getroffen wurde. Madoux fuhr seinen Freund sofort ins Krankenhaus. Doch auf dem Weg verstarb der ehemalige Rennfahrer. Womit sich die Prophezeiung vom Tod in einem Mercedes doch noch erfüllte.

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