„Alles (also) schon mal dagewesen“ … Diesen Satz haben alle bereits einmal gehört. Und manchmal erinnert man sich noch Jahre später an die Verwendung dieses Satzes. Bei mir war das am vergangenen Wochenende der Fall, als ich auf der Bremen Classic Motorshow diesen Lloyd LT (= Lloyd Transporter) entdeckte.

Plötzlich war ich wieder 16 Jahre alt. Bereits damals beschäftigte ich mich mit Autos, las regelmäßig die „auto motor und sport“. Schließlich wollte die Entscheidung für das erste eigene Auto wohlüberlegt sein. Finanzieller Realismus spielt in diesem Alter (zum Glück) oft eine nachgelagerte Rolle. Also beschäftigte ich mich mit allen möglichen Fahrzeugen. Irgendwann rückte der Renault Espace in den Fokus meines Interesses. Der von Matra entwickelte Renault gefiel mir einfach. Der hohe Anteil von Verbundwerkstoffen faszinierte mich. Und die optische Nähe zum TGV machte den europäischen Vater aller Minivans sowieso zum Mitglied der automobilen Avantgarde.

Als ich bei einem unserer zahlreichen Benzingespräche mit meinem Großvater über den Renault Espace sprach, antwortete er trocken: „Alles schon mal dagewesen“. Um mir anschließend vom Lloyd LT zu erzählen. Da es damals noch keine Google-Bildersuche gab, blieb das Auto bis zum vergangenen Wochenende gesichtslos. Gleichwohl erinnerte ich mich, dass der „Großraum-Personenwagen“ auf der Technik des bekannten Lloyd LP 400 basierte.

Lloyd-LT600
Lloyd-LT600

Lloyd war eine Marke, die zum Autokonzern von Carl F. W. Borgward. Der war in den 1950er-Jahren Bremens größter Arbeitgeber. Borgward hatte mit billigen Lieferfahrzeugen ab Mitte der 1920er-Jahre viel Geld verdient. Mit der Übernahme der Marke Lloyd expandierte der Unternehmer in den 1930er-Jahren in die Mittel- und Oberklasse. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Lloyd für Kleinwagen. Die hatten schnell den Spitznamen „Leukoplastbomber“ weg. Trotzdem waren die Kleinwagen mit Zweitaktmotor und kunstlederbezogener Sperrholzkarosserie auf Holzrahmen echte Verkaufsschlager. Ihr Erfolg machte die Borgward-Gruppe zeitweise nach VW und Opel zum drittgrößten deutschen Autobauer.

Ende 1952 stellte Lloyd einen Lieferwagen auf Basis des Kleinwagens LP 300 vor und bot diesen auch als sechsitzigen Kleinbus (LT 500/6) an. Wie beim Kleinwagen sorgte der Materialmangel für kreative Lösungen. Denn die Karosserie des „Minivans“, der diesen Namen noch nicht kannte, ist eine Fachwerk-Konstruktion aus Holz. Auf diesem sitzt die Außenhaut aus dünnem Blech. In den Anfangsjahren sind Türen, Seitenteile und Dachhaut aus Kunstharz. Trabant lässt Grüßen. 1955 stellte Lloyd die Produktion auf luftgekühlte Viertaktmotoren um. Aus dem LT 500/6 wurde der LT 600/6.

Der wurde bevorzugt in die USA verkauft. Auf dem Heimatmarkt bewarb Borgward den ungewöhnlichen Wagen als „neuen Fahrzeugtyp“. Mit der Pleite der Borgward-Werke 1961 endete auch die Geschichte des LT 600. Rund 25.000 Exemplare des Lieferwagens waren zuvor entstanden, fast 20.000 davon als Sechssitzer. Überlebt haben nur wenige Exemplare. Vermutlich gibt es in Deutschland deutlich weniger als 50 fahrbereite Exemplare. Oft wurden die Fahrzeuge nicht einmal fünf Jahre alt.

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