Das Verhältnis zwischen Journalisten und Bloggern ist oftmals etwas verklemmt. Da gibt es überhebliche Blogger, die sich als Teil der Avantgarde verstehen. Und es gibt Journalisten deren Abneigung gegen die „Hobbyschreiber“ offensichtlich ist. Manchmal schaffen sie es damit sogar in ihre Blätter. Aktuell nimmt sich Der Spiegel (45/2014, Seite 51) unter der Überschrift „Tanzende Seezunge“ Food-Blooger vor.

Schon zum Einstieg heißt es „Selbst ernannte Testesser tingeln durch Toprestaurants, betteln um Bewirtung und üben maßlose Kritik. …“. Markige Worte hat Autor Carsten Holm da gefunden. Immerhin ein Ziel hat Herr Holm erreicht. Er hat im Kampf um meine Aufmerksamkeit gesiegt. Ich lese seinen Artikel. Die Mehrheit der anderen Artikel des aktuellen Spiegels hat das nicht geschafft. Zum Glück habe ich für dieses Heft keine 4,40 Euro investiert, sondern das Heft auf einem Flug als „Serviceleistung“ genossen.

Beim Lesen des Artikels stellt sich schnell eine gewisse Enttäuschung ein. Denn nach der Einleitung dachte ich, Restaurants würden von Horden von Schnorrern überrannt, die um ein Essen betteln – mit dem Versprechen, über das Restaurant im Internet wohlwollend zu berichten. Ja, der Spiegel schreibt tatsächlich an dieser Stelle „wohlwollend“.

Beim Lesen des Artikels zeigt sich schnell, eigentlich dreht sich der Beitrag nur das Blog sternefresser.de. Einen Hinweis auf andere Food-Blogs gibt es gar nicht. Das nenne ich mal journalistisch ausgewogen. Kennst Du einen, kennst Du schließlich alle. Ist am Zeitschriftenkiosk ja auch nicht anders.

Trotzdem wird es jetzt erst richtig interessant!

Denn das genannte Blog der sternefresser übt regelmäßig Kritik. Oft ist die auch in markigen Worten formuliert. Wie war das noch mit dem „wohlwollend“? Egal, denn für den Spiegel ist offensichtlich jede Kritik der Plattform an den Größen der Gastronomie pauschal falsch. Als Beleg gilt die augenscheinliche Diskrepanz zwischen den Bewertungen der Blogger und den Bewertungen renommierter Testesser vom Guide Michelin oder dem Fachblatt Feinschmecker. Auch hier bleibt die Zahl der Belege im Artikel jedoch dünn.

Schon all das ist ziemlich schwach. Doch der Spiegel kann noch schwächer. Zusätzlich äußern sich die Bewerteten über die öffentliche Kritik. Natürlich weisen sie die Kritik zurück. Welch Wunder? Immerhin ist dieser Part des Artikels wenigstens unterhaltsam. Denn einige der Köche offenbaren bei ihren Antworten einen gewissen Humor.

Worauf sich der Spiegel die Verfasser der Kritik vornimmt!

Bekannt knapp beschreibt der Spiegel zunächst die Qualifikation des Bloggers und seines Teams. „… Der ehemalige Wirtschaftsstudent ohne Abschluss und fünf honorarfrei arbeitende Mitarbeiter – Produktdesigner, IT-Spezialisten, Journalisten …“. Das ist keine Beschreibung, das fast eine Diffamierung. Amüsiert denke ich daran, dass der TV-Koch Christian Rach die Uni ohne Abschluss verlies.

Genüsslich nimmt sich der Spiegel anschließend das Geschäftsgebaren des Betreibers der Webseite sternefresser.de vor. Christian Strotmann gehe – so der Spiegel – bei seinen Anfragen grundsätzlich von einer Einladung für mehrere Testesser aus. Das erscheint auch mir etwas vermessen. Und damit berührt der Spiegel endlich ein sensibles Thema. Der Autor nennt zwei Redaktionen, die ihre Produktionskosten selbst bezahlen. Das ist löblich. Aber das ist keinesfalls Standard. Mein Eindruck ist eher, dass die Mehrzahl der Verlage inzwischen Produktionskostenzuschüsse abrechnet. Insofern wird auch an dieser Stelle einseitig ein Bild gezeichnet, das nicht ganz der Realität entspricht.

Der Spiegel-Artikel endet schließlich mit der Aussage eines Koch. Er befürchtet, Bloggern viel zu viel Bedeutung gegeben zu haben. Nun denn, dem würde ich noch nicht einmal widersprechen – wenn ich diese Aussage um Journalisten erweitern darf. Denn niemand sollte die Druckauflage einer Zeitung mit der tatsächlichen Reichweite gleichsetzen. Nehmen Sie mal nur den Spiegel, in dem die Seezunge tanzt. Er hat 154 Seiten. Gelesen habe ich vielleicht ein Drittel; gefesselt haben mich nur zwei. Einer davon landet sogar in meinem Blog. Dem Rest habe ich keine Bedeutung beigemessen.

Nach dem Lesen der Tanzenden Seezunge überkam mich eine gewisse Schwere. Und das lag sicherlich nicht an dem Flugzeugessen, das ich kurz vor der Lektüre genossen habe. Diesem Artikel fehlt schlicht jede Ausgewogenheit. Er ist, um es vornehm auszudrücken, tendenziös. Warum veröffentlicht der Spiegel so einen Artikel? Wir reden ja jetzt nicht von der Auto-Bild, wir reden vom einstigen Flagschiff des deutschen Journalismus.

Als Schleswig-Holsteiner erinnere ich mich beim Thema Spiegel an Gerhard Stoltenberg. Für unseren ehemaligen Ministerpräsidenten war der Spiegel immer ein Organ der Kampfpresse. So etwas ist auch heutiger Sicht fast eine Auszeichnung. Denn das war zu einer Zeit, als die Geschichten im Spiegel noch richtig gut recherchiert waren. Bei Artikeln wie der „Tanzenden Seezunge“ lässt sich das beim besten Willen nicht behaupten. Auf diesem Niveau ist der Spiegel ein laues Lüftchen. Es muss den Zeitungen und Zeitschriften wirklich schlecht gehen, wenn sie auf diesem Niveau auf die Herausforderung der sich verändernden Märkte reagieren.

3 Kommentare

  1. Danke für diese äußerst gelungene und unterhaltsame Replik zu einem polemischen Artikel. Schlimm, wie beim Spiegel Meinungsmache betrieben wird. Ich bin auch nicht sicher, ob sich alle im Artikel genannten Köche in dieser Art und Weise zitiert sehen wollten.

    • Naja, das Mindesthandwerk, sich dazu abgesichert zu haben, wird der Spiegel wohl beherrschen.

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