Der Biagini Passo gehört zu den Autos, deren Existenz selbst 30 Jahre nach ihrer Präsentation noch überrascht. Was haben die sich bloß bei diesem Auto gedacht? Diese Frage steht beim Blick auf den Passo sofort im Raum. Denn der Mix aus VW Golf Cabrio und VW Golf Country, den ein italienischer Kleinserienhersteller ab 1990 anbot, ist einfach ein absurd hässliches Auto.

Dabei gilt doch Italien als das Land von Mode und Style. Italienische Schneider aus dem Mailänder „Quadrilatero d’oro della moda“ setzen seit Jahrzehnten die Trends der Prêt-à-porter Mode. Karosseriebauer wie Pininfarina, Bertone oder Zagato standen ihren Stoff verarbeitenden Kollegen lange in Nichts nach. Ihre Schöpfungen hoben das Einkleiden von Fahrzeugen in der Geschichte des Autobaus immer wieder auf ein neues Level. Insofern überrascht, dass ein so unansehnliches Fahrzeug wie der Biagini Passo ausgerechnet in Italien entstand.

Wie entstand der Biagini Passo?

Das ist eine gute Frage. Wir wissen nicht, ob bei diesem Fahrzeug des Fahrzeugherstellers Automobili Biagini Alkohol eine Rolle spielte. Oder ob es tatsächlich einen Businessplan gab, der diesem Fahrzeug einen Erfolg vorhersagte. Angesichts des Autos, das da im italienischen Atessa in den Abruzzen entstand, glauben wir das Erste. Denn so ein Fahrzeug erklärt eigentlich nur ein dauerhafter und übermäßiger Gebrauch von Montepulciano d’Abruzzo. Wobei selbst das nichts entschuldigt!

Biagini Passo Seitenansicht
Seitenansicht des Biagini Passo – Foto: Volkswagen

Dabei ist die Idee, ein Freizeitauto anzubieten, dessen Lenker auch abseits befestigter Wege nicht sofort kapitulieren muss, nicht neu. In den 1960er und 1970er-Jahren interpretierten kalifornische Strand-Buggys diese fahrbare Sehnsucht auf eine bisher nicht bekannte Art. Spannend, dass das zu einer Zeit passierte, als richtige Geländegänger sich in der Mehrzahl feste Dächer zulegten. Aber lassen wir das, darüber dachte ich schon bei der Ankündigung des VW T-Roc Cabrio ausführlich nach.

Die Firma Automobili Biagini gehörte zum Fahrzeugbauer ACM. Der entstand 1972 und bot Fahrzeuge an, die überwiegend auf Modellen des rumänischen Autobauers ARO – Auto România basierten. Seit 1984 fertigte ACM als Lizenznehmer den Dacia Duster (ARO 10). Zeitweilig rüsteten ACM und Biagini die Konstruktion aus dem Ostblock mit Dieselmotoren von Volkswagen aus. Zudem leiteten sie einen Pick-up von dem rumänischen Geländewagen ab. Diesen Fahrzeugen adressierten hauptsächlich die Landbevölkerung, die kostengünstige geländegängige Fahrzeuge suchte.

Biagini Passo ist ein Mix aus zwei Generationen Golf garniert mit Extras von Fiat und Opel!

Mit dem Biagini Passo adressierte die Firmengruppe andere Kunden. Deshalb bot sie die Konstruktion unter dem Markennamen Biagini an. Um ein Freizeitmobil anzubieten, bekam die Karosserie eines Golf Cabrios der ersten Generation die Technik des VW Golf Country. Der Crossover aus Wolfsburg war ein allradgetriebener Golf mit Offroad-Optik, der höher gelegt mehr Bodenfreiheit als ein normaler Golf bot. Das nutzten ACM und Biagini für ihren Passo. Wobei sie die Karosserie des VW Golf Cabrio allerdings erheblich modifizierten.

Biagini Passo Herstellerschild
Diesem Emblem auf dem Überrollbügel weist auf die Symbiose aus italienischer Handwerkskunst und deutscher Technik hin. (Foto: Volkswagen)

An der Fahrzeugfront gibt es einen selbst konstruierten Kühlergrill. Ihn fassen Scheinwerfer und Blinker des Fiat Panda ein. Vor dem Ganzen sitzt ein massiver „Kuhfänger“. Der sieht so aus, als ob eine Berufsschulklasse unter dem Motto „Biege- und Schweißübungen für Anfänger“ fertigte. Chic ist anders! Am Heck des Fahrzeugs sitzt ein Ersatzrad, um den Geländeeindruck zu verstärken. Die Rücklichter stammen vom damaligen Opel Kadett. Ansonsten ist der Passo aber ein typischer Volkswagen der frühen 1990er-Jahre. Das gilt genauso für den Innenraum als auch die Technik.

Denn den Antrieb übernimmt der 1,8 Liter große und 98 PS kräftige Vierzylinder aus dem VW Golf Country. Damit ist der Passo völlig ausreichend motorisiert. Schade nur, dass das praktisch niemand erfahren konnte, obwohl sogar einige VW-Händler das Auto auch in Deutschland anboten. Trotzdem entstanden insgesamt weniger als 100 Exemplare des italienischen Exoten. Die Mehrzahl davon vernichtete inzwischen der Rostfraß. Das gilt übrigens auch für die Firmengruppe ACM und Biagini, sie stellte 1993 ihren Geschäftsbetrieb ein. Alles zusammen sorgt heute dafür, ein Biagini Passo auf jedem Treffen für Youngtimer oder Oldtimer mit Sicherheit ein echter Exot ist.

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