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Heiße Renn-Dias und Pistensaft von GULF

Wie GULF Oil Anfang der 1970er-Jahre Motorsport den Kunden näherbrachte!

Wer in Kleinanzeigen-Börsen stöbert, der findet immer wieder „Heiße Renn-Dias“ und den Pistensaft von GULF oder Hefte wie „Rennen der PS-Giganten“ und „Die verrücktesten Rennen der Welt“. Was hatte es damit eigentlich auf sich?

GULF Sammelheft „Die verrücktesten Rennen der Welt“
„Heiße Renn-Dias“ im Sammelheft „Die verrücktesten Rennen der Welt“ von GULF aus der Sammlung von Fabian P. Wiedl.

Dazu müssen wir für die Nachgeborenen, die nur das aktuelle digitale Zeitalter kennen, etwas ausholen. Denn die Digitalisierung veränderte auch die Art und Weise, wie wir uns informieren und unterhalten. Wer heute wissen will, welche Motorsport-Spielarten es gibt, nutzt das Internet und erschließt sich ganz schnell neue Welten. Mit Suchmaschinen finden wir Interessantes und können es uns in Videoportalen in der Regel sogar sofort ansehen. Die Vision „Information at your fingertips“, die Bill Gates 1995 vorhersagte, ist längst Realität. 

Vor 50 Jahren war daran noch nicht zu denken! Denn in den 1970er-Jahren erweiterten „nur“ gedruckte Medien und öffentlich-rechtliche TV- und Radio-Sender unseren Horizont. Nur was stattfand, das drang zu den Lesern, Hörern oder Zuschauern vor. Wo wir heute lässig das Handy zücken, um die ersten Worte oder Schritte des Nachwuchs für die Ewigkeit oder zumindest bis zum nächsten neuen Handy festzuhalten, nutzten unsere Väter und Großväter noch analoge Tonband-Geräte, Fotoapparate oder Super-8-Kameras. Es waren einfach andere Zeiten!

Stars on 45 – die Schallplatte erklärt heiße Renn-Dias!

Doch damals wie heute funktionieren Bonusprogramme und Content-Marketing. Erstere belohnen Treue, während das Andere Vertrauen aufbaut. Der Mineralöl-Konzern GULF Oil verband Anfang der 1970er-Jahre in Deutschland beides miteinander. Denn wer regelmäßig bei GULF tankte, der bekam als Treueprämie Dias mit Motorsport-Motiven. Als Ergänzung gab es Sammelhefte und Begleitmaterial. Das war Content-Marketing in Reinkultur: Ich gebe Dir was Nützliches und bin Dir deshalb so wichtig, dass Du meine Produkte kaufst.

Die Schallplatte erklärt heiße Renn-Dias
Wer wollte, der konnte sich mit der Schallplatte die Renn-Dias erklären lassen. Auf jeder Seite passten neun Erklärungen. (Foto: Fabian P. Wiedl)

Besonders skurril wirkt im Rückblick die Schallplatte, die zum Bonusmaterial gehörte. Auf dieser gab es Erklärungen oder wie GULF es nannte „Sound und Reportagen“ zu den Bildern. Für „GULFs tönende Dia-Schau“ sollte der Betrachter einfach seinen Schallplatten-Spieler zum Dia-Projektor stellen. Auf jeder Seite der Single gab es Erklärungen zu neun Bildern. Ein kurzes Pfeifen signalisierte dem Betrachter, wann das Dia an der Wand zu wechseln ist. Das klingt heute etwas schräg, aber 1972 war das crossmedialer heißer „Scheiß“!

Zwei Serien „heiße Renn-Dias“ gab es!

Die Dias nannte GULF „heiße Renn-Dias“, die Informationen waren „der Pistensaft“ von GULF. Wobei diese Bezeichnung natürlich auch hervorragend zum Kernprodukt der Marke passte. Wem der Aufwand mit dem Schallplatten-Spieler zu groß war, der fand den Text mit den Informationen auch in dem Begleitheft zum Nachlesen. Im Netz tauchen heute regelmäßig zwei Serien der „heißen Renn-Dias“ auf:

  • Rennen der PS-Giganten“ handelt von den Langstrecken-Rennen der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Hier zeigte GULF Stars wie Pedro Rodríguez, Vic Elford oder Jo Siffert und ihre Rennwagen.
  • Die verrücktesten Rennen der Welt“ blickt auf motorsportliche Randsportarten. GULF stellt den Kunden hier Dragster-, Speedway-, Wüsten- und Crash-Rennen vor. 

Besonders mit der ersten Serie begleitete GULF sein eigenes Motorsport-Engagement. Denn GULF war schon seit den 1960er-Jahren Hauptsponsor des Briten John Wyer. Dessen J.W. Automotive Engineereing (JWAE) stellte im britischen Slough 1967 den Mirage M-1 auf die Räder. Der Sport-Prototyp trat bereits in der typischen GULF-Farbkombination hellblau / orange an. 1968 und 1969 gewann das Team für Ford mit dem Ford GT40 bei den 24 Stunden von Le Mans.

Ausschnitt aus der Broschüre „Die verrücktesten Rennen der Welt“
Die Broschüre „Die verrücktesten Rennen der Welt“ brachte dem Leser motorsportliche Randsportarten näher. Auf dieser Seite geht es um Crash-Rennen.

In den folgenden zwei Jahren übernahm JWAE für Porsche die Werkseinsätze. Damit traten auch der Porsche 917 und der Porsche 908 in GULF-Farben an. Lohn der Mühe war in beiden Jahren der Gewinn der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Aber anders als im Spielfilm Le Mans, wo der Gulf-Porsche 917 eine tragende Rolle spielt, gewann Gulf-Wyer-Porsche nie die 24 Stunden von Le Mans. Trotzdem stammen die Bilder der Serie „Rennen der PS-Giganten“ aus dem Jahr 1970, als Lee H. Katzin und Steve McQueen „Le Mans“ drehten.

GULF Oil war nur gut drei Jahre in West-Deutschland aktiv!

Mit dem Motorsport-Engagement bewarb die US-Marke auch ihre damals circa 4.500 Tankstellen in Europa. In der Bundesrepublik kaufte GULF Oil erst 1970 die Erdölwerke Frisia in Emden, die damals gut 700 eigene Tankstellen betrieben. Diese Tankstellen wurden mit dem Kauf zu GULF-Stationen. Doch 1971 übernahm Bob R. Dorsey den Posten des Chairmans der GULF Oil Corporation. Dorsey richtete den Kurs der Firma neu aus. In der Folge fuhr GULF seine Aktivitäten in Europa schrittweise zurück.

Für die Raffinerie in Emden fand sich 1973 mit der VEBA AG ein Interessent. Die VEBA gab die zum Paket gehörenden Tankstellen an die von ihr beherrschte Hugo Stinnes AG weiter. Stinnes flaggte die Stationen auf den Markennamen „Fanal“ um. Womit die Geschichte von GULF Oil in Deutschland zunächst endete. Ein geplanter weitergehender Deal, bei dem die VEBA alle europäischen GULF-Tankstellen übernehmen sollte, platzte. GULF Oil ging 1984 in der Standard Oil of California auf. Dabei entstand die heutige Chevron Corporation.

Chevron gab die Marke GULF auf!

In den Vereinigten Staaten übernahm die Markenrechte eine Einzelhandelskette, um ihn an ihren Supermarkt-Tankstellen zu nutzen. Außerhalb der USA liegen die Rechte bei der zur indischen Hinduja-Gruppe gehörenden GULF Oil International. Bereits seit 1997 gibt es daher beispielsweise in den Niederlanden wieder GULF-Tankstellen. Zwei Jahre später startete die Marke auch in Frankreich, Belgien und Luxemburg neu. Doch mit der „alten“ GULF, die einst die Renn-Dias herausgab, haben diese strenggenommen nichts zu tun.


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
„Heiße Renn-Dias“ im Sammelheft „Die verrücktesten Rennen der Welt“ von GULF.

Sammlung: Fabian P. Wiedl

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