Das Spiel wiederholt sich in schöner Regelmäßigkeit. Ein Autohersteller versendet eine Pressemitteilung, um von einem neuen Rekord auf der Nordschleife des Nürburgrings zu berichten. Ich finde die Verwendung des Begriffs Rekord in diesen Meldungen befremdlich. Denn am Ende gilt: Es kann nur einen Rekord geben.

Seit dem 28. Mai 1983 hält der unvergessene Stefan Bellof die Bestmarke auf der Nordschleife. Da darf man sich auch von den wiederkehrenden Nachrichten der Industrie nicht täuschen lassen. Die 6:11,13 Minuten, mit denen Stefan Bellof seinen Porsche 956 beim 1.000 Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring 1983 auf die Pole Position stellte, sind bis heute unerreicht.

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Bestzeit auf der Nürburgring Nordschleife (20,832 Kilometer)

6:11,13 Minuten – Stefan Bellof, Porsche 956 (Gruppe C), 1983 – die einzig wahre Zeit!

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Gefahren ist Bellof seine Rekordrunde auf der 20,832 Kilometer langen Streckenvariante des Nürburgrings. Zuvor wurde bei internationalen Motorsportveranstaltungen auch die sogenannte Betonschleife befahren. Womit die Strecke fast genau zwei Kilometer länger war. Doch 1983 entstand dort, wo einst die Betonschleife war, die Boxenanlage der heutigen Grand-Prix-Strecke.

Für den Lauf zur Sportwagen-Weltmeisterschaft wichen die Verantwortlichen auf die reine Nordschleife auf. Denn die Sportwagen-Meisterschaft, die Formel 2 Europameisterschaft, die Deutsche Rennsport Meisterschaft und die Tourenwagen-Europameisterschaft fuhren auch nach dem Abschied der Formel 1 weiter auf der Nordschleife. Besonders im Fall der Formel 2 ist das – rückblickend – durchaus erstaunlich.

Porsche 956
Porsche 956, wie ihn Stefan Bellof 1983 auf der Nordschleife fuhr (Foto: Porsche)

Um die Bauzeit der Grand-Prix-Strecke zu überbrücken, entstand eine zusätzliche Boxengasse. Beim Eifelrennen 1983 stellte Christian Danner seinen March 832 mit einer Zeit von 6:26.19 Minuten auf dieser Streckenvariante auf den ersten Startplatz. Der Bayer bewältigte dabei die Nordschleife mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 194,192 Kilometern pro Stunde. Damit war Danner mit seinem Formel 2 des Jahrgangs 1983 für einige Wochen der Rekordhalter auf der Nordschleife.

Schneller war auf dieser – damals neuen – Streckenvariante vorher noch niemand gefahren. Der Formel-2-Pilot war auf der gekürzten Strecke auch schneller unterwegs als James Hunt 1976 beim Abschiedsrennen der Formel 1 sieben Jahre vorher. Denn der Brite erreichte – mit der schnellen Betonschleife – „nur“ eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 192,746 Kilometern pro Stunde.

Wobei die Pole Position des damaligen McLaren-Piloten – das muss man fairerweise an dieser Stelle anführen – nicht die Bestmarke der Königsklasse auf der Nordschleife darstellt. Niki Lauda prügelte schon 1975 seinen Ferrari 312T in 6:58,6 Minuten über die 22,835 lange Nordschleife inklusive der Betonschleife. Damit erreichte der Österreicher eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 196,383 Kilometern pro Stunde. Was den „Rekord“ von Danner etwas relativiert.

Erst Stefan Beloff verschob dann im Gruppe C endgültig die Maßstäbe. Denn Bellof war der Erste, der die Marke von 200 Kilometern pro Stunde knackte. Auch das Rennen dominierte der Rennfahrer aus Gießen. Doch im Bereich Pflanzgarten bekam sein Sportprototyp Unterluft, hob ab und überschlug sich. Bellof überstand den Unfall unverletzt, um zwei Jahre später in Spa-Francorchamps weniger Glück zu haben.

Neue Rekorde sind unwahrscheinlich

Mit der Eröffnung der Grand-Prix-Strecke verschwand der große internationale Sport von der Nordschleife. Bis heute finden allerdings auf der von Stefan Bellof befahrenen Streckenvariante regelmäßig Leistungs- und Gleichmäßigkeitsprüfungen statt. Doch bei den GLP ist eine Mindestfahrtzeit von 11:15 Minuten vorgeschrieben. Und in der RCN steht der Rundenrekord seit 2009 bei 6:58 Minuten. Jürgen Alzen drehte diese Runde mit einem Schnitt 179,1 Kilometern pro Stunde mit einem Porsche 911 Turbo.

BMW 5er G30 -2016
Test des neuen BMW 5er (2016) auf der Nordschleife.

Insofern ist im Motorsport so schnell kein neuer Rekord auf der Nordschleife zu erwarten. Selbst die aktuellen GT3-Fahrzeuge wären wohl nicht in der Lage, die Zeiten der Gruppe C zu knacken. Somit bleibt nur die Industrie. Sie ist regelmäßig auf der Nordschleife unterwegs.

Auch die Industrie fährt auf der Streckenvariante ohne Grand Prix Kurs. Diese Runde misst heute 20,6 Kilometer (womit 232 Meter fehlen – ich muss zugeben, ich weiß gar nicht seit wann). Runden in der Eifel sind bei vielen Herstellern seit Langem ein fester Bestandteil des Entwicklungsprogramms. Das hat durchaus Tradition, schließlich wurde der Nürburgring 1927 ausdrücklich als erste Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke eröffnet.

Jeder lobt, was Nürburgring erprobt!

Bei einigen Herstellern gehört es deshalb scheinbar zum guten Ton, regelmäßig neue Bestzeiten von der Nordschleife zu vermelden. Auch wenn es im Moment zu diesem Thema eher ruhig ist. Ein Tempolimit im Rennbetrieb und die Privatisierung sind offenbar nicht das beste Umfeld für das Marketing.

Doch das ist nur eine Frage der Zeit. Schließlich kann das Label Nürburgring (fast) jedes Produkt zum Glänzen bringen. Und so gibt es im Bereich der Straßenfahrzeuge inzwischen eine Vielzahl von Rekorden auf der Nordschleife. Hubraumgrenzen, Elektroantrieb, Fahrzeugtypen oder Reifentypen (Serienreifen, Sportreifen) – für alles gibt es irgendeinen Rekord. Teilweise sorgte das Treiben für bizarre Blüten. So traten immer wieder Fahrzeuge an, die mit britischen Einzelzulassungen (Single Vehicle Approval) unterwegs waren.

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Schnellste Runden auf der Nordschleife mit einem Straßenfahrzeug

Schnellster mit Straßenzulassung:
6:48,28 Minuten – Michael Vergers, Radical SR8 LM (Single Vehicle Approval), 2009

Schnellstes Serienfahrzeug:
Marc Lieb, 6:57 Minuten Porsche 918 Spyder (September 2013)
6:52,01 Minuten – Marco Mapelli, Lamborghini Huracán Performante, 2016

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Ich halte das alles für ziemlichen Blödsinn. Natürlich kann man nicht alle Autos über einen Kamm scheren. Aber niemand erwartet, dass eine Limousine schneller als ein Sportwagen ist. Deshalb ist das teilweise willkürliche Zuschneiden von Fahrzeug- und damit Rekordkategorien in meinen Augen zu viel Waldorf-Pädagogik. Getreu nach dem Motto: Wir sind alle schnell. Nein, sind sie nicht! Denn am Ende ist es eine einfache Geschichte. Wirklich der Schnellste ist und bleibt Stefan Bellof – 6:11,13 siehe oben.

Rekordfahrt 918 Spyder Nürburgring
Rekordfahrt des Porsche 918 auf der Nordschleife (Foto: Porsche)

Wenn wir trotzdem – Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke, Sie erinnern sich – unseren Blick mal auf die Straßenfahrzeuge richten, dann ist bisher der Porsche 918 Spyder der Schnellste. Porsche-Werksfahrer Marc Lieb fuhr mit dem Hybridsportler auf Serienreifen eine Rundenzeit von 6:57. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 179,5 Kilometern pro Stunde. Damit ist der Porsche das erste Serienfahrzeug, das die Nordschleife in weniger als sieben Minuten umrundet – zumindest in den richtigen Händen.

Mit Semi-Slicks oder gar profillosen Reifen würde Nordschleifen-Kenner Marc Lieb wohl auch noch einiges von dieser Zeit weghobeln. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie groß der Unterschied zwischen profilierten Straßenreifen und Semi-Slicks ist. Doch das ist alles nur ein Gedankenspiel, solange Porsche diesen Versuch nicht fährt. Wobei – das am Rande – zu befürchten ist, dass der aktuelle Umbau der Strecke zwischen Quiddelbacher Brücke bis Ausgang Flugplatz auch ein paar Sekunden bringt und die Vergleichbarkeit der Zeiten gefährdet.

Mal sehen, was im Frühjahr am Ring passiert!

Im Moment – mit Motorsport-Veranstaltungen, die ein Tempolimit auf der Strecke kennen – ist sicherlich nicht das beste Klima für neue Rekorde auf der Nordschleife. Zudem sagt man den neuen Herren am Ring nach, dass sie in Zukunft an den Rekordrunden stärker als bisher mitverdienen wollen. Kann gut sein, das klingt, nachdem das Volksvermögen und Kulturgut Nürburgring als Ergebnis von Misswirtschaft der Politik privatisiert wurde, zumindest plausibel.

Besonders McLaren wird nachgesagt, Interesse an der Krone auf der Nordschleife zu haben. Schon Ende 2013 gab es bereits Hinweise auf eine Fabelrunde der Briten. Bisher wurde dazu jedoch keine Zeit bestätigt. Aber in der Eifel wird viel geredet. Und so heißt es wahlweise, McLaren habe die Zeit von Porsche atomisiert oder seit knapp daran gescheitert. Doch eigentlich ist das unwichtig. Denn egal was McLaren gefahren ist, Stefan Bellof war schneller!

12 Kommentare

  1. Bellezza1967 Reply

    Du unterschlägst die Zeiten des Radical SR8. Der ist schon 2009 – also etwas vor Porsche – deutlich unter sieben Minuten gefahren.

    • Daniel Wirth Reply

      Schöner Bericht, nur eine Anmerkung:

      Marc Lieb ist die 6.57 min mit dem 918 Spyder sehrwohl auf
      Semi-Slicks gefahren, denn der 918 ist serienmäßig mit dem Michelin Pilot Sport Cup 2 ausgerüstet….

    • Daniel Wirth Reply

      Der Radical hatte damals aber nur eine britische Einzelzulassung, in dieser Konfiguration hat er damals keinen TÜV in Deutschland erhalten…

  2. „… dass der aktuelle Umbau der Strecke zwischen Quiddelbacher Brücke bis Ausgang Flugplatz auch ein paar Sekunden bringt und die Vergleichbarkeit der Zeiten gefährdet.“

    Weshalb soll der „Umbau“ Sekunden bringen? Bisher haben wir nur Fotos von Asphaltarbeiten gesehen – oder wird der Abschnitt ‚abgekürzt‘? Hast Du ’ne Quelle?
    PS: Ich bin entschiedener Gegner eines Umbaus, die Autos müssen sich der NOS anpassen.

    • Mike Kessler Reply

      Gab vor ein paar Tagen Fotos bei Facebook … die haben da ordentlich was von den Wellen weggenommen , da geht es jetzt früher und länger aufs Gas, das bringt definitiv was!

  3. We think our SCG 003C unrestricted and Unballasted could come very close to Stefan and our fully road legal SCG 003S would be about 10s slower.

    If you come to a VLN or The N24 say hello!

    • That sounds very interesting. I think it would be a good idea, if you would do some laps and drive this time. It would be a pleasure to see how your car (which looks very very good by the way) destroys the time of the Porsche 918 Spyder. Please do that.

  4. Die 232 meter kommen daher, da die Industrie nicht die komplette Nordschleife fährt, die gerade an der Boxengasse wird weggelassen. Die Zeit wird nach der letzten Kurve gestoppt (wie ich finde ist das ein Unding, da so die Zeiten künstlich geschrumpft werden).

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