Motorsport vor 40 Jahren: Juli 1984

Joest-Porsche 956

Der Juli 1984 steht gleich mehrfach für eine Zeitenwende. Denn erstmals stieg das traditionsreiche 1.000-Kilometer-Rennen am Nürburgring auf der neugebauten Grand Prix-Strecke. Dazu krönte sich im Juli 1984 Mike Thackwell überlegen zum letzten Formel 2-Europameister. Und in der gab es zwei Siege, die – jeder auf seine Art – wegweisend sein sollten.

Mit Wehmut blickten die Fans im Juli 1984 auf die Geschichte des 1.000-Kilometer-Rennens zurück. Während die Einen den Umzug des Rennens auf die neue Grand Prix-Strecke mit dem Aufbruch in die Moderne gleichsetzen, verlor das 1.000-Kilometer- Rennen für die Anderen damit seine Seele. 1953 fand die erste Ausgabe statt. Von Anfang an waren die 1.000 Kilometer ein Lauf der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Was für den Veranstalter ADAC die zentrale Triebfeder war. Denn das Prädikat „Großer Preis von Deutschland“ lag in den Händen des AvD. Die Frankfurter vertraten damit Deutschland in der Automobil-Weltmeisterschaft. Das Sportwagen-Rennen war für den ADAC die einzige Möglichkeit, um ebenfalls einen WM-Lauf auszurichten.

Vom Borgward Hansa 1500 RS zum Porsche 956 vergingen nur 30 Jahre!

Bei der Erstausgabe der 1.000 Kilometer auf der Nordschleife des Nürburgring traten Rennwagen wie der Ferrari 375MM, der Lancia D24 oder der Borgward Hansa 1500 RS an. Juan Manuel Fangio umrundete im Lancia die Nordschleife in 10:23 Minuten als Schnellster. Das entsprach einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 133 Kilometern pro Stunde. Ab 1956 fand das 1.000-Kilometer-Rennen jährlich statt. Und noch in den 1950er-Jahren sank die Rundenzeit unter zehn Minuten. 1957 benötigte Fangio mit dem Maserati 450S nur noch 9:43 Minuten für eine Runde. 1964 knackte John Surtees im Ferrari 275P die Marke von neun Minuten. Big John sicherte sich mit 8:57,9 Minuten den besten Startplatz. Jetzt lag der Schnitt schon bei 152 Kilometern pro Stunde.

Kurt Ahrens, 2010 in Hockenheim
1970 gewann Kurt Ahrens mit dem Porsche 908 das 1.000-Kilometer-Rennen. 2010 führte der Braunschweiger seinen Lieblingsrennwagen nochmal in Hockenheim aus. (Foto: Tom Schwede)

Sofern das in der Eifel oft launische Wetter es zuließ, sanken in den kommenden Jahren die Rundenzeiten weiter. Schon 1968 kratzte Jo Siffert mit dem Porsche 908/02 an der Acht-Minuten-Marke. Denn der Schweizer fuhr im Training mit 8:00,2 Minuten auf den besten Startplatz. Das entsprach einem Durchschnittstempo von 171 Kilometern pro Stunde. Nur ein weiteres Jahr später stieg das Tempo auf 177 Kilometer pro Stunde an. Das höhere Tempo reduzierte auch die Dauer des Rennens. Die ersten Sieger, die Formel 1-Weltmeister Alberto Ascari (1952 und 1953) und Giuseppe Farina (1950) legten die 44 Runden in 8:20:44 Stunden zurück.1970 benötigten die Sieger Kurt Ahrens und Vic Elford nur noch 6:05:21 Stunden für die gleiche Distanz.

Porsche, Ferrari, Matra, Renault Alpine und Alfa Romeo kämpften um die Spitze!

Der Wettkampf von Porsche, Ferrari, Matra, Renault Alpine und Alfa Romeo in den 1970er-Jahren beschleunigte das Tempo weiter. 1973 sahen Jacky Ickx und Brian Redman im Ferrari 312PB schon nach 5:36 Stunden die Zielflagge. Ein Jahr später schraubte Gérard Larrousse im Matra-Simca MS670C das Tempo im Training auf 190,822 Kilometer pro Stunde hoch. Das entsprach einer Rundenzeit von 7:10,8 Minuten. Die Neuausrichtung der Motorsportklassen ab 1976 bremste das Tempo etwas. Doch selbst beim Debüt der Gruppe-5-Super-Tourenwagen lag das Tempo zumindest im Training noch fast bei 180 Kilometern pro Stunde.

1981 erlebte das Rennen seinen absoluten Tiefpunkt. Denn nach gut zwei Stunden prallte Herbert Müller (Werbung) mit seinem Porsche 908/3 vor dem Kesselchen in einen auf dem Seitenstreifen stehenden Porsche 935. Der 935 war dort früh im Rennen gestandet. Und 1981 galt der Seitenstreifen als sicherer Ort. Beim Aufprall platzten in beiden Boliden die Tanks. Fast 200 Liter Benzin entzündeten sich und verwandelten die Strecke in ein Flammenmeer. Herbert Müller starb vermutlich bereits beim Aufprall. Das Feuer beschädigte die Strecke stark. Daher brach die Rennleitung das Rennen vorzeitig ab. Ein Jahr später kehrte das Rennen ganz normal auf die Nordschleife zurück.

Beim 1.000-Kilometer-Rennen fuhr auch die Gruppe C auf der Nordschleife!

Auch als die FISA 1982 die Gruppe C einführte, blieben die 1.000-Kilometer auf dem Nürburgring ein Lauf der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Denn nach dem Unfall von Niki Lauda 1976 verzichtete nur die Formel 1 auf den Besuch in der Eifel. Die Formel 2 und die Sportwagen traten weiter auf der Nordschleife an. Beim Debüt der Gruppe C setzte Klaus Ludwig im Ford C100 die Bestzeit. Der Bonner benötigte für eine Runde 7:16,5 Minuten. Wobei Porsche auf einen Einsatz des neuen Porsche 956 beim Heimspiel verzichtete. In Zuffenhausen lag die Konzentration ganz auf der Vorbereitung für Le Mans. Denn es war über Jahrzehnte eine Konstante im Motorsport-Kalender. Im Mai stieg das 1.000 Kilometer-Rennen. Anschließend ging es nach Le Mans.

Piercarlo Ghinzani im Lancia LC1
Lancia baute für die Saison 1982 einen Gruppe 6-Boliden – obwohl die FISA die neue Gruppe C einführte. Denn das Ziel der Italiener waren die 24 Stunden von Le Mans. Dafür nahm Lancia im Kauf, in der Markenweltmeisterschaft keine Punkt e gewinnen zu können. Hier ist Piercarlo Ghinzani im Lancia LC1 beim 1.000-Kilometer-Rennen am Nürburgring unterwegs. (Foto: Lancia)

Die Ford C100 scheiterten 1982 beim 1.000-Kilometer-Rennen – wie so oft – an ihrer eigenen Unzuverlässigkeit. Das Rennen, das das Letzte auf der 22,835 km langen Kombination aus Nordschleife und Betonschleife war, gewann Lancia. Wobei die Sieger Michele Alboreto, Theo Fabi und Riccardo Patrese im Lancia LC1 der Gruppe 6 antraten. Auch dieses Auto entstand in Hinblick auf Le Mans. Denn dort wollte Lancia 1982 von den Verbrauchsvorschriften der Gruppe C befreit um den Sieg kämpfen. Ein Plan, der letztlich nicht aufging. Doch das wusste beim 1.000-Kilometer-Rennen 1982 noch niemand. Denn Le Mans stand – wie üblich – erst ein paar Wochen später an.

1983 drehte Stefan Bellof beim 1.000-Kilometer-Rennen eine Runde für die Ewigkeit!

Im Oktober 1982 begannen die Bauarbeiten für die neue Grand Prix-Strecke des Nürburgrings. Dabei entstanden auch der Start- und Ziel-Bereich inklusive Fahrerlager, wie wir es heute kennen. Um während der Bauarbeiten zumindest auf der 20,832 Kilometer lange Streckenvariante ohne Betonschleife Rennen austragen zu können, bauten die Verantwortlichen die Boxen unterhalb der Tribüne 13 (T13) aus. Hier befand sich damals eine der Zufahrten für Touristenfahrer. Beim 1.000-Kilometer-Rennen sowie den anderen Rennen war 1983 dort nun die Boxengasse. Eine Variante, die bis heute bei Breitensport-Veranstaltungen regelmäßig zum Einsatz kommt.

Schon im Training zum 1.000-Kilometer-Rennen 1983 zeigten die Porsche 956, wo der Barthel den Most holt. Stefan Bellof fuhr im Training 6:11,13 Minuten. Das entsprach einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 202,073 Kilometern pro Stunde. Womit zwangsläufig die Frage entsteht, welche Rundenzeit auf der alten – knapp zwei Kilometer längeren – Streckenvariante möglich gewesen wäre. Beim Tempo des Rennfahrers aus Gießen passierte der Porsche zwei Kilometer in 36 Sekunden. Angesichts des Verlaufs der Betonschleife, die aus zwei langen Geraden und einer Kehre bestand, erscheint realistisch, dass Bellof sein Tempo im fehlenden Streckenabschnitt hätte halten können. Das wäre eine Zeit deutlich unter sieben Minuten gewesen!

Im Juli 1984 wechselte das 1.000-Kilometer-Rennen auf die Grand-Prix-Strecke!

1984 war die Nordschleife in der Sportwagen-WM Geschichte. Denn das 1.000-Kilometer-Rennen zog auf die neue Grand Prix-Strecke des Nürburgrings um. Was zahlreiche Kritiker auf den Plan rief. Denn bei aller Begeisterung für den Neubau, die Nordschleife war ein anderes Kaliber. Passend dazu fand das Rennen nun auch nicht mehr vor den 24 Stunden von Le Mans statt. Im Juli 1984 setzte die Sportwagen-Weltmeisterschaft ihre Saison vier Wochen nach dem Saisonhöhepunkt in Frankreich am Nürburgring fort. 220 Runden zu je 4,542 Kilometer ergaben eine Distanz von 999 Kilometern. Wer heute dazu alte Leserbriefe liest, der stellt fest, dass Meckern und Motzen auch damals schon Volkssport war!

Porsche 956B vom Skoal Bandit Porsche Team wie er im Juli 1984 am Ring auf Platz zwei fuhr.
Porsche 956B vom Skoal Bandit Porsche Team, John Fitzpatrick Racing, wie er im Juli 1984 beim 1.000-Kilometer-Rennen am Nürburgring auf Platz zwei fuhr. (Foto: Tom Schwede)

Am Renntag fanden nur 12.000 Zuschauer den Weg in die Eifel. Wobei auch im Vorjahr beim 1.000-Kilometer-Rennen „nur“ 25.000 Zuschauer die Nordschleife säumten. Was für ein Kontrast zu den 1970er-Jahren als mehr als 100.000 Zuschauer in die Eifel strömten, um Sportwagen zuzusehen. Das Training 1984 dominierten die erneut die Porsche 956. Wobei zu den drei genannten Werkswagen noch elf Kunden 956 kamen. Dazu schickte das Team von John Fitzpatrick zudem einer der neuen Porsche 962 ins Rennen. Sie trafen auf zwei Lancia LC2/84, den Kremer CK5, einen TOJ C390 sowie einen C1/8 von Zakspeed. Von den 19 C1-Boliden nahmen 17 das Rennen auf.


Stefan Bellof und Derek Bell gewannen das erste 1.000-Kilometer-Rennen auf der Grand Prix-Strecke!

In der Gruppe C2 und bei den GT der Gruppe B gab es jeweils weitere elf Rennwagen. Zusammen mit drei Rennwagen, die den Regeln der IMSA entsprachen, ergab das 42 Rennwagen, die am Sonntag die Jagd über fast „1.000 Kilometer“ aufnahmen. Das Regenwetter an der Strecke drückte die gute Stimmung etwas. Wobei das Wetter der Spannung auf der Strecke sicher half. Denn Thierry Boutsen zeigte im Porsche 956 des Teams von John Fitzpatrick wieder einmal seine außergewöhnlichen Qualitäten als Regenfahrer. Erst kurz vor Schluss passierte der Werks-Porsche von Stefan Bellof und Derek Bell den Skoal Bandit Porsche, den sich Boutsen am Ring mit David Hobbs teilte. Denn der Kundenporsche musste nochmal an der Box tanken.

Stefan Bellof im Tyrrell, Juli 1984
Schon eine Woche nach dem Sieg am Nürburgring trat Stefan Bellof im Juli 1984 mit dem Tyrrell 012 beim Große Preis von Großbritannien 1984 in Brands Hatch an. Dort kam Bellof mit dem unterlegenen Tyrrell als 12. ins Ziel. Doch am Ende des Jahres wurden seinem Team Tyrrell alle Platzierungen aberkannt. Das Team fuhr mit zu leichten Rennwagen und brachte diese erst bei einem Boxenstopp aufs notwendige Gewicht. (Foto: Archiv AutoNatives.de).

Der Regen verhinderte, dass das erste 1.000-Kilometer-Rennen auf der Grand Prix-Strecke über die volle Distanz ging. Denn die Regeln der Sportwagen-Weltmeisterschaft sahen 1984 – abseits von Le Mans – eine Höchstfahrtzeit von sechs Stunden vor. So fiel die Zielflagge schließlich nach „nur“ 207 Runden, 940 Kilometern und 6:00:43,590 Stunden. 15 Sekunden hinter den Siegern Stefan Bellof und Derek Bell kam der Kunden-956 von Boutsen und Hobbs ins Ziel. Alle anderen Teilnehmer verloren auf die Sieger mindestens eine Runde. Den dritten Platz sicherten sich Alessandro Nannini und Paolo Barilla mit ihrem Lancia LC2/84.

Ayrton Senna zeigte im Juli 1984 auch im Sportwagen seine Klasse!

Womit der Lancia die Phalanx von neun Porsche 956 in den Top Ten sprengte. Zu den Piloten, die mit einem der zahlreichen 956 antraten, gehörte übrigens auch Ayrton Senna. Der Brasilianer teilte sich das Cockpit des New Man Joest-Porsche mit Henri Pescarolo und Stefan Johansson. Wobei Senna in der Anfangsphase des Rennens seine Extraklasse bewies. Denn Senna hielt den 956 von Joest in Distanz zur Spitzengruppe. Doch ein Defekt an der Kupplung zwang das Trio zu einem längeren Boxenstopp. So blieb am Ende nur der achte Platz. Den Sieg in der Gruppe C2 sicherten sich Ray Bellm, Gordon Spice und Neil Crang im Tiga GC84 Ford.

Was passierte sonst noch im Juli 1984?

  • Mike Thackwell sicherte sich im Juli 1984 vorzeitig den Titel des Formel 2-Europameisters. Der Neuseeländer dominierte 1984 die Formel 2-EM. Im Juli 1984 gewann Thackwell zunächst in Misano und anschließend in Enna Pergussa. Damit gewann der Ralt-Honda-Pilot sieben der bisher neun Läufe zur Formel 2-Europameisterschaft 1984. Bei noch zwei ausstehenden Rennen stand daher bereits am 29. Juli 1984 Mike Thackwell als Titelträger fest. Der Neuseeländer war der letzte Gewinner der klassischen Formel 2-Europameisterschaft. Denn 1985 trat die Internationale Formel 3000-Meisterschaft an ihre Stelle.
Niki Lauda im Juli 1984 mit dem  McLaren MP4/2 beim Großen Preis von Großbritannien.
im Juli 1984 gewann Niki Lauda mit dem McLaren MP4/2 TAG/Porsche den Großen Preis von Großbritannien. (Foto: Archiv AutoNatives.de)
  • In der Königsklasse standen im Juli 1984 zwei Rennen auf dem Programm. Zunächst gewann Keke Rosberg beim Dallas Grand Prix in den Straßen der texanischen Metropole. Es war der erste Sieg für Williams-Honda. Das folgende Rennen in Brands Hatch sicherte sich Niki Lauda. Für Lauda war das bereits der dritte Erfolg des Jahres. Damit zog der Österreicher – bei den Siegen – mit seinem Teamkollegen Alain Prost gleich. In der WM-Wertung fehlten Lauda nun nur noch 2,5 Punkte auf den zweiten McLaren TAG-Porsche-Piloten.
  • Die Rallye-Weltmeisterschaft trat Ende Juli 1984 in Argentinien an. Stig Blomqvist und sein Beifahrer Björn Cederberg im Audi Quattro A2 gewannen. Für das schwedische Duo war dies bereits der vierte Saisonsieg. Damit bauten die Audi-Piloten ihren Vorsprung in der Rallye-Weltmeisterschaft weiter aus.

Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Mit diesem Joest-Porsche 956 nahm Ayrton Senna 1984 am 1.000km-Rennen auf dem Nürburgring teil.

Foto: Tom Schwede

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Ein Beitrag von:

Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!

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