Triumph oder Tragödie? In kaum einer Sportart liegen diese beiden Pole so schicksalhaft zusammen wie im Motorsport. Ein typisches Beispiel ereignete sich am 25. Juni 1939, als der Brite Richard Seaman in Spa am Steuer seines Silberpfeils tödlich verunglückte. Damit endete heute vor 75 Jahren die viel zu kurze Karriere eines jungen Briten am Steuer seines Rennwagens.

Heute gilt Richard Seaman als der beste Brite der Grand Prix Ära zwischen den Weltkriegen. 1913 in Sohn wohlhabender Eltern geboren, begeisterte sich Seaman früh für das Auto. Schon als Kind zeichnete „Dick“, wie ihn die Eltern rufen, Rennwagen. Schulausbildung genießt der Brite im Internat von Hildersham House. Zum Schulabschluss schenken ihm die Eltern einen Riley Brooklands Nine.

1931 Seaman nimmt ein Studium am Trinity College in Cambrige auf . Praktischerweise gab es in Cambrige seit 1902 den „Cambridge University Automobile Club“. Im Club trifft Seaman auf Gleichgesinnte. Mit dem MG Magna, den die Eltern ihm inzwischen gekauft haben, bestreit der 18-Jährige erste Motorsportwettbewerbe. Es ist der Amerikaner Whitney Straight, der Seaman auf die Idee bringt, ernsthaft Rennen zu fahren. Seaman fährt inzwischen einen Bugatti und tritt in einem von Straight geführten Rennstall ein.

Auf den Bugatti folgt bald ein Lagonda und 1934 ein MG Magnette. Mit dem MG gewinnt Seaman seine Klasse beim „Prix de Bern“ und entscheidet das Bergrennen am Mont Ventoux für sich. Die Eltern sehen die Rennsport-Ambitionen ihres Sohns gespalten. Während der Vater gegen den Rennsport ist, unterstützt seine Mutter das teure Hobby. Um den Junior vom Hobby Rennsport abzubringen, kauft der Vater ein Flugzeug. Heute gilt Richard Seaman als einer der ersten Rennfahrer, die mit dem eigenen Flugzeug zu den Rennen reisen.

Das Flugzeug erweitert den Radius.

Seaman sucht die Nähe der Werksteams von Auto Union und Mercedes-Benz. Tritt bewußt bei den Voiturette-Rennen im Rahmen der Grand Prix Rennen an, um die Aufmerksamkeit der großen Teams auf sich zu ziehen. Mit Erfolg, Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer lädt den Briten im November 1936 zu Testfahrten am Nürburgring ein. Seaman kommentiert die Einladung mit “If I ever get a drive for Mercedes, I shall never drive for anybody else“ („Wenn ich jemals für Mercedes fahren darf, dann fahre nie wieder für jemand anderen“).

Großer Preis von Deutschland auf dem Nürburgring, 24. Juli 1938. der Sieger Richard Seaman
Großer Preis von Deutschland auf dem Nürburgring, 24. Juli 1938. der Sieger Richard Seaman (Foto: Mercedes-Benz)

Bei den Testfahrten am Nürburgring setzt sich Seaman gegen alle Konkurrenten durch und geht ab 1937 als Werksfahrer für Mercedes-Benz an den Start. Der Newcomer benötigt einige Zeit, um sich an die stärkeren Rennwagen der Grand-Prix-Klasse zu gewöhnen. Mehrfach liefert Seaman Schrott statt Pokalen ab. Trotzdem verlängert Mercedes den Vertrag. Prompt gewinnt Seaman 1938 den Großen Preis von Deutschland am Nürburgring. In der Schweiz und in Donnington folgen weitere Podestplätze. Am Ende der Saison belegt Seaman einen guten vierten Platz in der Grand-Prix-Europameisterschaft, die als Vorläufer der Formel 1 gilt.

Nicht ganz freiwillig ist Seaman inzwischen nach Deutschland gezogen. Der Brite lebt seit 1937 in Dambach am Starnberger See. Die Devisengesetze der Nazis verbieten es ihm deutsches Geld ausführen. Und der Geldstrom der Eltern stockt, weil die seinen Vertrag in Nazideutschland missbilligen. Als Seaman Ende 1938 die Tochter eines BMW-Direktors heiratet, kommt es endgültig zum Bruch mit den Eltern. Sie bleiben der Trauung demonstrativ fern.

Das Unglück von Spa-Francorchamps

In die Saison 1939 startet Seaman mit einem Ausfall. Beim Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps läuft es zunächst besser. Die Strecke in den Ardennen ist in dichten Regen gehüllt. Seaman übernimmt nach wenigen Runden die Führung und setzte sich konsequent vom Feld ab. Trotz eines komfortablen Vorsprungs reduziert der Brite nicht das Tempo. Er will an diesem Tag offensichtlich auch den inoffiziellen Titel des „Regenkönigs“ gewinnen. Das ist die Suche nach dem totalen Triumph. Sie endet in einer Tragödie.

Als der Regen noch stärker wird, verliert Seaman die Kontrolle über seinen Mercedes-Benz. Bei hoher Geschwindigkeit, jenseits der 200 km/h Marke, verliert Seaman die Kontrolle über seinen Mercedes und prallt gegen einen Baum. Innerhalb weniger Sekunden steht der Rennwagen in Flammen. Seaman kann sich nicht aus eigener Kraft auf den Flammen befreien. Als der Brite endlich aus dem Wrack geborgen wird, hat er schwerste Brandverletzungen erlitten.

Großer Preis von Belgien, 25. Juni 1939: Der brennende Mercedes von Richard Beattie Seaman
Großer Preis von Belgien, 25. Juni 1939: Der brennende Mercedes von Richard Beattie Seaman (Foto: Mercedes-Benz)

Trotzdem ist der Brite auf der Fahrt ins Krankenhaus noch bei Bewusstsein. Scherzt gegenüber seiner Frau, dass er sie heute Abend leider nicht ins Kino einladen könne. Und gegenüber Neubauer gibt Seaman unumwunden zu, dass der Unfall Folge des viel zu hohen Tempos und damit sein Fehler gewesen sei.

Wenige Stunden nach dem Unfall erliegt Richard Seaman seinen schweren Verletzungen. Mit „Dick“ Seaman stirbt einer der vielversprechendsten Rennfahrer der 1930er Jahre. Prinz Chula Chakrabongse von Thailand bezeichnet seinen Freund und Konkurrenten in einer 1941 veröffentlichen Biografie als „vielleicht größten Fahrer von Straßenrennen, den England jemals hervorgebracht hat“.

1 Kommentar

  1. Habe ich beim Lesen Deines Artikels gefragt, warum Mercedes das Datum in diesem Jahr unterschlägt. Schließlich steht das ganze Jahr der Stuttgarter im Zeichen 120 Jahre Sternstunden. Da nur an Siege und Erfolge zu erinnern ist doch eine arme Nummer. Das verhöhnt fast Piloten wie Seaman, die ihr Leben im Silberpfeil ließen.

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