Fahrberichte: Volvo

Fahrbericht: Unterwegs im Volvo V90 Recharge T6 AWD Modelljahr 2022

Volvo wird elektrisch. Bevor der schwedische Autobauer nur noch Elektroautos anbietet, bietet auch Volvo Hybrid-Modelle seiner bestehenden Flotte an. Mit dem Volvo V90 Recharge T6 AWD des Modelljahrs 2022 probierte ich aus, wie sich der modernisierte Kombi der Schweden fährt. Wobei mich besonders die elektrische Reichweite des Hybriden interessierte.

Aufmerksame Leser wissen, ein V90-Hybrid ist nicht neu. Denn bereits seit gut vier Jahren gibt es bei Volvo V90 die Twin Engine getauften Varianten. Schon bei ihnen kombinierte der Autobauer den Verbrenner mit einem 65 kW (87 PS) kräftigen Elektromotor. Doch das Label Twin Engine ist Vergangenheit. Die Plug-in-Hybrid-Modelle der Schweden heißen inzwischen Recharge. Mit der Namensänderung unterstreicht Volvo, dass die sich Hybriden des Hauses an der Steckdose laden lassen. Wozu der V90 über eine immerhin 11,6 kWh große Batterie verfügt.

Die nutzbare Kapazität des 400V-Batterie-Systems liegt bei 9,1 kWh. Wer will, der kann mit diesem V90 daher reinelektrisch fahren. Das möchte ich auf einer Tour von Düsseldorf zum Schloss Dyck in Jüchen ausprobieren. Mein Ziel ist, möglichst weit reinelektrisch und ohne Unterstützung durch den doppelt aufgeladenen Benziner mit dem V90 Recharge zu fahren. Beim Start im Medienhafen der Rheinmetropole ist der Akku des Testwagen jedoch nur zu ¾ geladen. Gerade einmal 25 Kilometer prognostiziert die Reichweitenanzeige im digitalen Cockpit. 

Stadtverkehr mit dem Volvo V90 Recharge T6 AWD Modelljahr 2022
Beim Start im Medienhafen der Rheinmetropole ist der Akku des Testwagen jedoch nur zu ¾ geladen. Gerade einmal 25 Kilometer prognostiziert die Reichweitenanzeige im digitalen Cockpit.

Als ich nachrechne zeigt sich, dass das Fahrverhalten des Kollegen, der zuvor den V90 testete, wohl nicht dem Muster des WLTP entsprach. Er war dynamischer unterwegs als der Messzyklus vorsieht. Denn der WLTP weist für den V90 Recharge je nach Bereifung und Ausstattung eine Elektro-Reichweite von 51 bis 58 Kilometern aus. Testwagen sind in der Regel gut ausgestattet und damit schwer. Deshalb orientiere ich mich am kleineren Wert. Bei 75% Restkapazität müsste ich also 38,25 Kilometer weit kommen.

Ob ich das schaffe?

Ich bin gespannt, ob das möglich ist. Das erste Stück lege ich im Stadtverkehr zurück, der hier im Westen der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens eher zäh fließt. Mehrfach muss ich an Ampeln stoppen. Erst nach gut zehn Minuten erreiche ich eine Bundesstraße, die hier fast den Standard einer Autobahn hat und mich aus der Stadt herausführen wird. Bisher war ich tatsächlich reinelektrisch unterwegs. Auf der Bundesstraße überquere ich den Rhein und verlasse langsam Düsseldorf. Jetzt wird aus der Straße tatsächlich eine Autobahn.

Einmal muss ich stark beschleunigen, um mich in den Verkehr einzufädeln. Ich presse das Gaspedal durch. Sofort springt der im Fall des T6 immerhin 253 PS (186 kW) leistende Benziner deutlich hörbar dem elektrischen Antrieb zur Seite. Doch als ich den Fuß wieder vom Gas nehme, kehrt praktisch sofort die meditative Ruhe des Elektroantriebs zurück. mehr als vielleicht einen halben Kilometer war ich nicht mit Unterstützung des Verbrenners unterwegs. Und daran ändert sich auch auf der Autobahn zunächst nichts.

Denn im dichten Verkehr ist nur ein moderates Tempo von etwa 90 Kilometern pro Stunde möglich. Bis zum Tempo 125 kann der V90 reinelektrisch fahren. Während ich meinem Ziel entgegen gleite, denke ich über Geschwindigkeit nach. Denn hier und jetzt kann ich die 180 Kilometer pro Stunde, die bei Volvo neuerdings das Limit sind, nicht einmal im Ansatz nutzen. Trotzdem polarisiert diese Entscheidung. Denn als ich später ein Bild des Volvo bei Facebook poste, kommt sofort die Frage, ob dieser Volvo abgeriegelt sei. Ja, aber das ist doch bei unserem Verkehr in der Regel gar kein Verlust!

Am Wendepunkt ziehe ich eine erste Zwischenbilanz!

Als ich am bekannten Wasserschloss ankomme, rechne ich nach. Bisher legte ich 29,2 Kilometer zurück. Davon war ich mindestens 28,5 Kilometer elektrisch unterwegs. Zehn Kilometer weist die Anzeige der Restreichweite noch aus. Das kommt dem Wert des WTLP schon sehr nah. Ich nutze den Stopp, um mir den V90 genau anzusehen. Mir fällt auf, dass der Kasten hinter dem Innenspiegel kleiner als bisher ist. Denn Volvo zog zum neuen Modelljahr den Radarsensor des Fahrzeugs in den Kühlergrill um.

Bedienungshandbuch online im Beim Start im Medienhafen der Rheinmetropole ist der Akku des Testwagen jedoch nur zu ¾ geladen. Gerade einmal 25 Kilometer prognostiziert die Reichweitenanzeige im digitalen Cockpit
Das zentrale Display im Volvo V90 ist eine Art Tablet. Das ist praktisch, so lässt sich hier beispielsweise die Bedienungsanleitung online einsehen.

Dieser Umzug ist sichtbares Zeichen für den Umfang der Modellpflege zum Modelljahr 2020. Denn an der Außenhaut änderten sich nur Details. Und natürlich basiert der V90 weiter auf Volvos SPA-Plattform (Scalable Product Architecture). Trotzdem gab es bei der Elektronik umfangreiche Veränderungen. Denn zum Modelljahr 2022 gehört das neue „Advanced Driver Assistance System“ (ADAS). Damit ziehen neue höherentwickelte Radar-, Kamera- und Ultraschallsensoren für die Sicherheits- und Fahrassistenz-Systeme in den Volvo ein.

Auch der Volvo V90 Recharge T6 AWD ist FOTA-kompatibel!

Zudem modifizierte Volvo die Software, die diese Sensoren nutzt. Auch der V90 ist jetzt, wie bereits der elektrische XC40 „FOTA-kompatibel“. Das Kürzel FOTA steht für „Firmware Over-the-Air“. Gemeint ist die Fähigkeit Updates ohne Werkstattbesuch über das Mobilfunknetz einzuspielen. Diese Praxis, die ursprünglich nur bei Smartphones und Computern üblich war, gehört inzwischen in der Autoindustrie immer häufiger zum Standard. Nicht schlecht für eine Technik, der beim Debüt in den Autos des amerikanischen Innovationsführers vor vier Jahren überwiegend Kritik entgegenschlug. Zu unsicher hieß es!

Dank ADAS nimmt Volvo beim Modelljahr 2022 vieles vorweg, was mit der im nächsten Jahr startenden Erneuerung der Modellpalette in alle zukünftigen Volvo einziehen wird. Dazu gehört unter anderem der „Emergency Stop Assist“. Mit ihm stoppt der Volvo V90 automatisch und aktiviert den Warnblinker, wenn der Fahrer dies nicht mehr kann. Wie das funktioniert, das haben wir bei einem Wettbewerber bereits testen können. Neu bei Volvo ist auch die „Ready to drive notification“. Sie signalisiert dem Fahrer, sobald es im Stau vorwärts geht oder eine Ampel auf Grün springt. Das soll den Verkehrsfluss beschleunigen.

Volvo setzt auf Google und Android Automotive!

Neu ist auch, dass Volvo im Bereich von Konnektivität und Infotainment auf Android Automotive setzt. Das Navi des Volvo V90 Recharge T6 AWD ist jetzt Goople Maps. Wobei sich das gewünschte Reiseziel mit Hilfe des Sprachassistenten Google Assistant einstellen lässt. Wer sich mit seinem Google Konto am Auto anmeldet, erhöht den Komfort. Denn dann nutzt das Auto das persönliche Google-Adressbuch, um zu Freunden zu navigieren oder diese anzurufen. Denn selbstverständlich lässt sich auch das eigene Telefon bequem mit dem System koppeln. Und das funktioniert auch mit einem iPhone von Apple, wie ich testen konnte.

Navigation im Volvo V90 Recharge T6 AWD Modelljahr 2022
Der Volvo V90 des Modelljahrs 2022 nutzt Android Automotive für Infotainment-System. Die Navigation erfolgt mit Goople Maps.

Dank Android Automotive lassen sich weitere Apps im Auto installieren. Wobei das Angebot bisher hauptsächlich aus Streaming-Apps sowie alternativen Navigationslösungen besteht. Im Play Store finde ich Apps von Tuneln, Stitcher, Yelp oder Find Fuel. Wer im Auto seinen Wissensdurst stillen will, der kann auch eine Wikipedia-App installieren. Spannend beim Volvo V90 ist, dass für den bei Nutzung der Apps anfallenden Datenverkehr keine Gebühren anfallen. Denn das im Recharge immer serienmäßige Digital-Paket umfasst ein unbegrenztes Datenvolumen für vier Jahre.

Systemleistung 340 PS – 0 auf 100 in 5,9 Sekunden!

Die Systemleistung, die kombinierte Leistung des zwei Liter großen aufgeladenen Verbrenners und des Elektromotors, beträgt 340 PS. Das maximale Drehmoment liegt bei 590 Newtonmetern. Wobei der Verbrenner 350 Newtonmeter, die bei Drehzahlen von 1.750 bis 5.000 Umdrehungen pro Minute anliegen, beisteuert. Auf das Konto des Elektro-Motors gehen 240 Newtonmeter. Das sind Zahlen, die beeindrucken. Allerdings wiegt dieser V90 dank Batterie und Allradantrieb leer auch 2,1 Tonnen, was die Leistungsdaten relativiert.

Trotzdem beschleunigt der Volvo V90 Recharge T6 AWD aus dem Stand in 5,9 Sekunden auf ein Tempo von 100 Kilometern pro Stunde. Das probiere ich jedoch erst kurz vor dem Ende meiner Testfahrt aus. Denn eigentlich ist mein Ziel, möglichst lange rein elektrisch zu fahren. Nach dem Start des Rückwegs blicke ich regelmäßig mit einem Auge auf die Anzeige der Restreichweite. Ihr angezeigter Wert sinkt kontinuierlich. 8,7 Kilometer nach dem Restart springt der Benziner an. Insgesamt legte ich bisher fast 38 Kilometer elektrisch zurück.

Der Ladezustand der Batterie lag beim Start meiner Probefahrt nur bei 75 Prozent. Damit komme ich rechnerisch also auf eine Elektro-Reichweite von 50 Kilometern. Das liegt – bei aller Ungenauigkeit – fast auf dem Niveau des WLTP. Ich schreibe das nicht das erste Mal, aber Verbrauch ist immer eine Frage des persönlichen Fahrverhaltens. Und das gilt bei Elektro-Autos, Hybrid-Fahrzeugen und konventionell angetriebenen Fahrzeugen gleichermaßen.

Fazit zum Volvo V90 Recharge T6 AWD!

Plugin-Hybride haben bei Elektroauto-Fahrern einen schlechten Ruf. Die fahren doch sowieso nur mit dem Verbrenner, so lautet ein häufig gehörtes Vorurteil. Der Volvo V90 Recharge T6 AWD unterstrich in meinem Test eindrucksvoll, dass die Hybrid-Funktion kein Alibi sein muss. Ausstattung und Komfort machen den schwedischen Kombi zudem zu einem begehrenswerten Auto. Allerdings hat Luxus seinen Preis. Denn der Einstieg in den hybriden V90 erfordert mindestens 69.400 Euro. Das ist viel Geld, dem Volvo jedoch einen soliden Wert entgegenstellt.


Technische Daten des getesteten Fahrzeugs

  • Typ: Volvo V90 Recharge T6 AWD:
  • Grundpreis: 69.400  Euro (8/2021)
  • Antrieb: Plug-in-Hybrid, Reihenvierzylinder, vorne quer, Roots-Kompressor, Monoturbolader mit Wastegate, 1.969 ccm Hubraum mit 186 kW/253 PS bei 5.500 Umdrehungen pro Minute und einem maximalen Drehmoment von 350 Newtonmetern bei 1.700 – 5.000 Umdrehungen pro Minute – Elektromotor mit 65 kW (87 PS) und 240 Newtonmetern.
  • Batteriekapazität: 11,6 kWh maximale Speicherkapazität
  • Getriebe: 8-Gang-Automatik
  • 0-100 km/h: 5,9 Sekunden
  • Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
  • Abgasnorm: Euro 6d
  • Stromverbrauch: 23,8 bis 25,0 kWh/100 km – Herstellerangabe basierend auf dem WLTP
  • Elektrische Reichweite: 51 bis 58 Kilometer – Herstellerangabe basierend auf dem WLTP
  • Leergewicht: 2.100 Kilogramm
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 2.610 Kilogramm

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