Im Frühsommer enthüllte Jaguar in London die zweite Generation des Jaguar XF. In wenigen Tagen steht die Limousine der oberen Mittelklasse endlich auch bei den deutschen Händlern. Ich war bereits mit dem 180 PS starken Jaguar XF 20d R-Sport der zweiten Generation auf Probefahrt.

Was ist neu beim Jaguar XF?

Mit dem Jaguar XF leiteten die Briten vor knapp acht Jahren ihr bemerkenswertes Comeback ein. Auch wenn die Entwicklung noch unter der Regie von Ford startete, war der XF nach der Übernahme durch Tata 2007 der erste neue Jaguar. Das sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit. Und tatsächlich war der XF von Anfang an erfolgreich. Denn mit bis heute mehr als 280.000 verkauften Exemplaren verkaufte sich der Jaguar XF weltweit sofort besser sein Retro-Vorgänger S-Type.

Mit der jetzt vorgestellten zweiten Generation lässt Jaguar das Erbe von Ford endgültig hinter sich. Denn der Vorgänger teilte sich viele Komponenten mit dem 2006 vorgestellten Sportwagen Jaguar XK. Der neue XF basiert auf der zwischenzeitlich von „Jaguar Land Rover“ entwickelten neuen modularen Aluminium-Architektur. Der Rückgriff auf diese Grundlage ermöglicht im Vergleich zum Vorgänger eine Gewichtsersparnis von bis zu 190 Kilogramm.

Verantwortlich für die Gewichtsersparnis ist im Wesentlichen die zum Großteil aus Aluminium gefertigte Karosserie. Rund 75 Prozent der Rohkarosserie des XF bestehen aus Aluminium. Der Rest wird – je nach Belastung – aus anderen Metallen gefertigt. Der Querträger des Armaturenbretts besteht aus Magnesium. Die vollständige Rohkarosserie des Jaguar XF wiegt nur zarte 282 Kilogramm.

Bemerkenswert, trotz der Abmagerungskur verbesserte sich die sogenannte Torsionssteifigkeit des Fahrzeugs im Vergleich zum Vorgänger um 28 Prozent. Bei der Produktion gehen die Ingenieure dazu teilweise bis an die Grenzen des bisher technisch Machbaren. Wie schon beim F-Type fertigt Jaguar auch die Seitenteile der XF-Karosserie aus einem einzigen Stück. Mit dem dritten Seitenfenster und den tief ausgeformten Hüften gehört es zu den komplexesten jemals von Jaguar gefertigten Blechen.

Wie wirkt der Jaguar XF auf mich?

Obwohl der neue Jaguar XF zu fast 100% neu ist, kommt er dem Betrachter sofort vertraut vor. Das kommt nicht von ungefähr. Denn das Urmodell des XF war die erste Limousine überhaupt, für die Jaguar Chef-Designer Ian Callum verantwortlich war. Vielleicht blieb sich Callum, der zuvor fast ausschließlich Sportwagen entwarf, auch deshalb beim neuen XF treu. Denn trotz der deutlichen technischen Weiterentwicklung unter dem Alublech orientiert sich die Gestaltung des Jaguar XF 2016 klar und eindeutig an seinem erfolgreichen Vorgänger.

Selbst Auto-Natives müssen schon sehr genau hinsehen, um die Unterschiede zu erkennen. Sicherlich, der Radstand des Neuen legte immerhin um 5,1 Zentimeter zu. Gleichzeitig nahm die Länge des Fahrzeugs um sieben Millimeter ab. Das Designteam um Ian Callum kürzte beim Neuen hauptsächlich den vorderen Überhang. Zudem nahm die Höhe des neuen XF um drei Millimeter ab. Doch weil die Fahrgäste etwas tiefer als im Vorgänger sitzen, legte die Kopffreiheit auf den hinteren Sitzen trotzdem um 2,7 Zentimeter zu.

Bilder vom neuen Jaguar XF

Insgesamt ist das neue Design des XF sicherlich eher eine Evolution als eine Revolution. Auch wenn die Entwickler den Luftwiderstandsbeiwert des XF von Cw 0,29 auf Cw 0,26 drückten. Trotzdem ist die Gestaltung der Karosserie genauso dynamisch wie exklusiv. Vorbei die Zeiten als Jaguar mit Modellen wie dem S-Type oder dem X-Type auf der Retrowelle schwamm. Heute verfügen die Briten mit den Modellen XJ, XE und XF über eine Familie, die ein fließendes, ja fast ein coupéhaftes Profil eint. Damit sind sie längst aus jedem Blickwinkel klar als Jaguar zu erkennen.

Welche Motoren stehen zur Verfügung?

Zwei Benziner und drei Diesel bietet Jaguar zunächst im XF an. Bei den Benzinmotoren handelt es sich um den aus dem Sportwagen F-Type bekannten V6 mit drei Liter Hubraum. Wahlweise 340 PS oder 380 PS stellt die Eigenentwicklung von „Jaguar Land Rover“ je nach Grad der Kompressoraufladung zur Verfügung.

Zudem sind die Benziner optional mit Allradantrieb verfügbar. Der Standard XF treibt wie bei den Wettbewerbern von BMW oder Mercedes die Hinterräder an. Mit einer – abgeregneten – Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde sprechen die Modelle 35t (340 PS) und S (380 PS) die Sportfahrer unter den Jaguar-Kunden an.

Auch bei den Dieseln vertraut Jaguar inzwischen vollständig auf eigene Motoren. Das Spitzenmodell ist der 300 PS starke V6-Diesel mit zwei Turboladern. Mit einem maximalen Drehmoment von 700 Newtonmetern, das bei äußerst moderaten 2.000 Umdrehungen pro Minute anliegt, ist der Dreiliter-Diesel eine echte Kraftmaschine. Und daher ausschließlich mit der 8-Stufen-Automatik des Hauses verfügbar.

Dazu gibt es den „Ingenium“ getauften neuen Zweiliter-Diesel des Hauses „Jaguar Land Rover“. Der Vierzylinder gilt als zurzeit leichtester und effizientester Diesel seiner Klasse. Wie beim Jaguar XE bietet Jaguar die Eigenentwicklung auch im XF wahlweise mit 163 PS (E-Performance) oder mit 180 PS (20d) an. Im XF beeindruckt besonders der E-Performance mit einem kombinierten Verbrauch von 4,0 Litern für 100 Kilometer (104 g/km CO2 Ausstoß). Doch auch die etwas stärkere Variante 20d sichert sich mit einem kombinierten Verbrauch von 4,1 Litern pro Kilometer (109 g/km CO2 Ausstoß) das Emissionslabel A+.

Mit welchem Jaguar XF war ich auf Probefahrt?

Ich entscheide mich bei den Pressetestfahrten für den Jaguar XF 20d und die Ausstattungslinie R-Sport. Insgesamt bietet Jaguar in seiner oberen Mittelklasse fünf Ausstattungslinien an. Schon das Grundmodell Pure verfügt über eine 2-Zonen-Klimaautomatik und – im Falle des 20d – über elektrisch verstellbare Sitze in der ersten Reihe. Zudem ist in allen Jaguar XF der autonome Notbremsassistent an Bord.

Dank der Ausstattungslinie R-Sport rollt „mein“ Testwagen auf 18“ großen Leichtmetallrädern und federt mit einem speziell abgestimmten Sportfahrwerk. Von außen fällt zudem sofort das sogenannte R-Sport-Exterieur auf. Wo Jaguar sonst auf Chrom setzt, ist beim R-Sport alles mattschwarz lackiert. Dazu gibt es im R-Sport Bi-Xenon-Scheinwerfer mit LED-Tagfahrlicht. Im Standard-XF vertraut Jaguar auf Halogen.

Im Innenraum übernehmen Sportsitze die Aufgabe, die Mitfahrenden komfortabel zu beherbergen. Zusätzlich hat Jaguar den Testwagen mit der 8-Gang-Automatik ausgerüstet. Zudem ist er mit dem erweiterten Parkhilfe-Paket ausgerüstet. Dadurch verfügt „mein“ XF über einen 360-Grad-Blick und kann beim Ausparken auch vor querendem Verkehr warnen.

Dazu gibt es im Testwagen unter anderem einen aktiven Spurhalteassistenten und eine Verkehrszeichenerkennung mit Geschwindigkeitsregelung. Das Navigationssystem zeigt seine Routeninformationen auf einem 10,2“ großen Bildschirm an. Und abschließend ist auch ein Laser Head-Up-Display an Bord.

Jaguar wirbt zur Einführung des neuen Jaguar XF mit einem Grundpreis von 41.350 Euro für den 164 PS starken E-Performance Diesel mit Schaltgetriebe. Für den 20d mit 180 PS werden mindestens 42.560 Euro fällig. Wer sich für die 8-Gang-Automatik entscheidet, zahlt mindestens 43.850 Euro (E-Performance) beziehungsweise 45.060 Euro (20d).

Der von mir gefahrene Jaguar XF 20d R-Sport Automatik steht mit einem Grundpreis von 50.110 Euro in der Preisliste. Die Extras treiben den Preis des Testwagens auf mehr als 55.000 Euro hoch.

Wie fährt sich der neue Jaguar XF?

Für die Pressetestfahrten hat Jaguar eine Streckenführung ausgewählt, die – in komprimierter Form – den Auto-Alltag abdeckt. Im Stadtverkehr erweist sich der neue Jaguar XF trotz seiner Größe als erstaunlich wendig und übersichtlich. Wenn es mal ganz eng wird, hilft das 360-Grad-Kamerasystem, den Abstand zum Bordstein richtig zu beurteilen.

Auf der Landstraße unterstreicht das aufwendige Fahrwerk des Jaguar XF den sportlichen Anspruch der Marke. So wie der Vorgänger sich beim Fahrwerk des Sportwagens Jaguar XK bediente, vertraut Jaguar im neuen XF auf Komponenten aus dem F-Type. Wie im Sportwagen verfügt auch der neue XF über eine Vorderachskonstruktion mit aus Aluminium gefertigten Doppelquerlenkern. An der Hinterachse vertraut Jaguar auf eine Aluminium-Konstruktion mit Integrallenkern.

Einen Teil des Lohns zahlt der neue Jaguar XF mit einem Einlenkverhalten zurück, das mir sehr gut gefällt. Sehr willig folgt die Limousine den Lenkbefehlen. Die Bremseingriffe des sogenannten „Torque Vectroring“ erfolgen bei dynamischer Kurvenfahrt unaufgeregt und für den Normalfahrer weitestgehend unbemerkt. Offensichtlich sind sich die Entwickler bei Jaguar bewusst, dass zur DNA der Marke Sportlichkeit gehört. Daher haben sie mit dem neuen Jaguar XF auch in der oberen Mittelklasse eine sportliche Limousine auf die Räder gestellt.

Die obere Mittelklasse ist traditionell die Domaine der Vielfahrer, die auf dem Weg von Geschäftstermin zu Geschäftstermin über unsere Autobahnen jagen. Auch das erledigt der neue Jaguar XF weitestgehend souverän und unaufgeregt. Selbst im Geschwindigkeitsbereich jenseits der Marke von 180 Kilometern pro Stunde bleibt es im Jaguar XF angenehm ruhig. Die Vollbremsübung aus hoher Geschwindigkeit stellt das Fahrwerk und die Bremsanlage vor keine allzu große Herausforderung. Selbst im Regelbereich des ABS bewahrt der XF seine britische Zurückhaltung.

Wie kann ich im Jaguar XF sitzen?

Der neue Jaguar XF ist 4,95 Meter lang. Dank des langen Radstands kommt ein Großteil der Länge dem Innenraum zugute. Ohne Probleme finde ich mit meinen mehr als zwei Meter langen Körper eine angemessene Sitzposition. Das Lenkrad, das ich bereits aus dem Jaguar F-Type kenne, liegt gut in der Hand. Ich kann auch angeschallt gut die Knöpfe auf der Mittelkonsole mit meinen Armen erreichen. Allenfalls der in der Ausstattungslinie R-Sport serienmäßige Sportsitz ist im Bereich meines verlängerten Rückens für mich etwas zu schmal.

Nach dem ich den Vordersitz richtig positioniert habe, verlasse ich den Jaguar XF wieder, um mich in der zweiten Reihe zu versuchen. Anders als kürzlich im Audi A4 gelingt dies im Jaguar XF. Auch wenn das Ein- und Aussteigen mir eine gewisse Gelenkigkeit abverlangt. Dank der im Vergleich zum Vorgänger um 2,7 Zentimeter erhöhten Kopffreiheit finde ich sogar in der zweiten Reihe einen Platz.

Was hat mir besonders gefallen?

Über die gefühlte Leichtfüßigkeit des Jaguar XF habe ich bereits geschrieben. Mit dem Jaguar XF untermauert Jaguar erfolgreich auch in der oberen Mittelklasse seinen sportlichen Anspruch. Der Jaguar XF ist ein Fahrer-Auto. Das gefällt mir sehr. Dazu überzeugt mich auch das Raumgefühl. Denn es gibt auch in der oberen Mittelklasse nicht allzu viele Autos, in denen hinter mir so viel Platz bleibt, dass ich dort sitzen kann.

Zudem gefällt mir das 12,3“ große Display, das Jaguar zur Darstellung der Instrumente nutzt. Obwohl es auf mich nicht ganz so strahlend wie bei Audi wirkt, auch im Jaguar XF ist das virtuelle Cockpit gut ablesbar. Und es tut, was es tun soll. Es versorgt den Fahrer mit allen notwendigen Informationen.

Was hat mir nicht gefallen?

Nicht so überzeugt hat mich das Laser Head-Up-Display des Jaguar XF. Teilweise verfügen die Ränder der dargestellten Informationen über einen leichten Treppeneffekt. Im Vergleich zu den Displays der Konkurrenz fand ich das Head-Up-Display eher grobpixelig. Die Investition in das 1.280 Euro teure Head-up-Display Paket, zu dem auch eine geänderte Verglasung gehört, würde ich deshalb nicht tätigen.

Ebenso wenig hat mich der Wahlhebel der Automatik überzeugt. Zugegeben, eine ungewöhnliche Gestaltung der Kulisse des Automatikgetriebes hat bei Jaguar eine gewisse Tradition. Schon in den 1980er-Jahren verfügte der Jaguar XJ40 über eine J-förmige Schaltkulisse. Doch das Drehrad, das Jaguar heute einsetzt, lies sich – zumindest in meinem kurzen Test – beispielsweise beim Rangieren nicht blind bedienen. Es war immer ein Kontrollblick notwendig, um zu prüfen, ob jetzt tatsächlich der Rückwärtsgang eingelegt ist. Hier würde ich mir einen klassischen Wahlhebel wünschen.

Mein Fazit zum neuen Jaguar XF (2015)?

Trotz dieser kleinen Schwächen, die zum Teil meinem sehr subjektiven Empfinden entsprechen, ist der neue Jaguar XF ein sehr gut gemachtes Auto. Jaguar nutzt die Vorteile seines Modulbaukastens und verschafft dem Neuen trotzdem genügend Eigenständigkeit. Denn mehr als 2/3 der Teile des XF gibt es so eben nicht im kleineren Bruder Jaguar XE, der auf der gleichen Plattform basiert.

Das Motorenprogramm ist gut durchdacht. Alle Aggregate stammen von „Jaguar Land Rover“. Besonders die kleinen Diesel sind überzeugende Motoren. Sie lassen im europäischen Fahrzyklus mit einem geringen Verbrauch aufhorchen. 4,0 Liter Diesel für 100 Kilometer als kombinierter Verbrauch sind eine Kampfansage. Denn schließlich kommt es heute auch in der oberen Mittelklasse zunehmend auf die Wirtschaftlichkeit an.

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