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Auto-Erinnerungen

PGO Cévennes – seltener Gast am Straßenrand

Das erinnert natürlich an die chaotische Geschichte des Autobauers PGO Automobiles

Autos von PGO Automobiles sind selten. Selbst in seinen besten Jahren verließen nur mittlere zweistellige Stückzahlen das Werk in Saint Christol-les-Alès. Einen PGO Cévennes in freier Wildbahn anzutreffen, ist daher unwahrscheinlich. Um so mehr überraschte mich, dass ich kürzlich am Straßenrand auf einen PGO Cévennes traf. Ich schoß ein Foto und begann mir die Geschichte des kleinen französischen Autobauers anzusehen. Die ist vergleichsweise unübersichtlich, ein Börsenpapier nennt sie sogar chaotisch. Trotzdem ist der kleine Sportwagen nicht ohne Reiz.

PGO Cévennes am Straßenrand
Seitenansicht des PGO Cévennes am Straßenrand – die Ähnlichkeit mit dem Porsche 356 ist offensichtlich. Warum baut Porsche eigentlich keine kleinen leichten Roadster mehr?

Auf der Suche nach einem Parkplatz fuhr ich kürzlich in Düsseldorf an einem kleinen weißen Roadster vorbei. Das Fahrzeug erinnerte entfernt an den Porsche 356. Ich stoppte, um mir das kleine Auto genauer anzusehen. Tatsächlich stand ein PGO Cévennes vor mir. Die Anleihen an den Klassiker aus Gemünd und Zuffenhausen sind unverkennbar. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich den Cévennes noch als klassischen Nachbau bezeichnen soll. Denn tatsächlich besitzt der PGO durchaus eine gewisse Eigenständigkeit.

Im Online-Lexikon Wikipedia steht über die Fahrzeuge aus Südfrankreich „… sie sind mehr oder weniger freizügig dem Porsche 356 nachempfundene Mittelmotor-Fahrzeuge mit moderner Fahrwerks- und Antriebstechnik“. Seit 2012 stammt der Antrieb von BMW. Zum Einsatz kommen die 1,6-Liter-Motoren, die der bayrische Autobauer einst in Zusammenarbeit mit PSA (Peugeot/Citroen) entwarf. Sie liefen allerdings bei BMW bereits mit der zweiten Generation des New Mini (R55 – R59) Ende 2013 aus.

Seit 2015 war das beste Jahr für PGO!

Als PGO 2012 stolz vermeldete, in Zukunft BMW-Motoren einzusetzen, hatte der kleine Autobauer noch große Pläne. Schon 2015 wollte das Unternehmen bis zu 500 Fahrzeuge pro Jahr bauen. Doch dazu kam es nie, tatsächlich baute PGO pro Jahr seit dem nie mehr als 48 Autos. Für mehr fehlten neben dem Geld wohl auch die Kunden. Ein unabhängiges Finanz-Gutachten, das im September 2019 entstand und uns vorliegt, listet die Produktionszahlen und die Zahl der verkauften Fahrzeuge genau auf:

 20082009201020112012201320142015201620172018Summe
Gebaute
Fahrzeuge
2829302429122848228240
Verkaufte Fahrzeuge4960274033138452557312
Quelle: „PGO AUTOMOBILES – Expertise indépendante“ vom 30. September 2019

Wobei in den Verkäufen auch der Handel mit gebrauchten Fahrzeugen enthalten ist. PGO nahm Autos auch wieder zurück, um sie nach einer Überholung erneut zu verkaufen. Diese Praxis war auch bei anderen Kleinserienherstellern wie Deutsch et. Bonnet oder Bristol üblich. Bei so einer Praxis frage ich mich immer, warum ein Auto zurück zum Hersteller geht. Stimmte die Qualität nicht mit den Erwartungen überein? Oder gab es andere Gründe?

Das Gutachten entstand, um einen fairen Wert für die Aktien zu ermitteln. Denn PGO ging im Mai 2002 an die Börse. Der Ausgabekurs lag bei stolzen 16 Euro. Schon 2004 sank der Preis der Aktien erstmals unter die Marke von fünf Euro. Seit 2008 lag der Kurs fast durchweg im Cent-Bereich. Um das zu verstehen, müssen wir die ganze Geschichte der Firma aufrollen. Ursprünglich war das Unternehmen „nur“ der Anbieter von Replicas. 1980 starteten die Brüder Pierre, Gilles und Oliver Prévôt mit dem Nachbau der legendären AC Cobra.

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PGO erwarb von APAL die Rechte am SPAL Speedster

Wobei PGO (= Pierre Gilles Oliver) in seiner PGO Speedster genannten Replik des britisch-amerikanischen Sportwagens auf den V8 aus dem Rover SD1 Vitesse vertraute. Zehn Jahre nach Gründung des Unternehmens erwarb die Firma von APAL (Atelier Plastique des Automobiles de Liège) die Rechte am APAL Speedster. PGO verkaufte seine Lizenz-Produktion, die auf einem verkürzten Chassis aus dem VW Käfer basiert, als Speedster 356.

Frontansicht des PGO Cévennes
Auch an der Front des Sportwagens sind die Anleihen beim Porsche 356 unverkennbar. Die Einlassöffnungen vor dem Hinterreifen versorgen den BMW-Motor mit Kühlluft.

Wie gut die Geschäfte tatsächlich liefen, ist nicht nachvollziehbar. Fakt ist, dass Familie Prévôt ihr Unternehmen 1998 an Laurent Skrzypczak und Olivier Baudouin verkauften. Die neuen Eigentümer bauten das Unternehmen, das isch jetzt „Automobiles P.G.O.“ nannte, um. So verabschiedeten sie sich von der Produktion der Cobra-Nachbauten. Zwei Jahre später nahm das neue Werk in Saint Christol-les-Alès seine Produktion auf. Zeitgleich begann die Entwicklung eines modernen Nachfolgers für den Speedster, um sich von der Basis Käfer zu lösen.

PGO löste sich erfolgreich von den Wurzeln von APAL

Denn das Ende der Käfer-Produktion in Mexiko kam immer näher. Damit fehlte Fahrzeugen wie dem Speedster 356 die Grundlage. Bereits im Jahr 2000 stellte PGO auf dem Pariser Autosalon einen „neuen“ Speedster vor. Bei der Konstruktion griff PGO auf Teile des Peugeot 208 zurück. Gut drei Jahre später erhielt der Speedster II in Frankreich seine offizielle Zulassung. Damit war der Weg frei, den Mittelmotorsportler als Kleinserie in der gesamten EU zu verkaufen.

Bei der Gestaltung des Neuen löste sich PGO vom klassischen Vorbild. Denn inzwischen verlangte Porsche die Einstellung der Produktion klassischer 356-Nachbauten. PGO wähnte sich – wohl wegen der APAL-Grundlage – lange auf der sicheren Seite, doch die Rechtslage ist eindeutig. Die gerichtliche Auseinandersetzung mit den Stuttgartern ließ den Aktienkurs von PGO abstürzen. Am 31. Mai 2005 stellte das Handelsgericht in Alès das Unternehmen unter Zwangsverwaltung. Ein Jahr später stimmte das Gericht einem Fortführungsplan zu.

2006 fand PGO neue Geldgeber

Dies war möglich, weil PGO in Kuwait Geldgeber fand, die frisches Geld in die Firma brachten. Mit ihrer Hilfe entstand 2007 die Studie P22 Concept. Sie bildet die Grundlage für den PGO Cévennes, den ich am Straßenrand sah, sowie ein Hemera genanntes Coupé mit festem Dach. Beide neuen Modelle präsentierte PGO ein Jahr nach der Studie. Wobei der Autobauer beim Antrieb zunächst weiter auf Technik von Peugeot vertraute. Doch das war wohl eher aus der Not geboren. 

Denn bei der Premiere des P22 Concept auf der IAA in Frankfurt fehlte der Studie noch ein Motor. Im Gespräch kündigten die Entwickler den Serienstart mit einem V6 unter der Motorhaube an. Doch dazu kam es nicht. Denn PGO fehlte das Geld und wohl auch das Knowhow, um das ambitionierte Projekt zum Erfolg zu führen. Daher entstanden die neuen Modelle Cévennes und Hemera mit einem Mix aus Neu (P22) und Alt (Speedster II). Womit auch dessen Peugeot-Technik in die neuen Fahrzeuge einzog.

Damit tickte die Bombe!

Denn die EU verschärfte in den vergangenen Jahrzehnten die Abgasvorschriften. Es war klar, dass die Laufzeit der PSA-Motoren begrenzt ist. PGO fand erst 2012 in BMW einen neuen Partner. Rückblickend sieht dieser Vertrag wie der Kuss des Todes aus. Denn das unabhängige Gutachten von 2019 legt einige pikante Details offen. Beispielsweise heißt es dort „… zum 31. August 2018 gingen alle von einem Automobilhersteller benötigten Zulassungen verloren, da die Ausnahmeregelungen nicht rechtzeitig beantragt wurden“.

Heckansicht des PGO Cévennes
Unter den Lüftungsgittern steckt ein 1,6-Liter großer Motor von BMW. Er war eigentlich im neuen Mini der Bayern zu Hause. Inzwischen erfüllt der Motor nicht mehr die aktuellen Abgasvorschriften. Das ist deshalb ein Problem, weil PGO im September 2019 noch 280 dieser Motoren im Lager hatte. Für eine Fortsetzung des Baus benötigt PGO einen neuen Motor.

An anderer Stelle offenbart das Papier, dass PGO noch 280 Motoren und Getriebe von BMW im Lager habe. Diese dürften wegen der inzwischen geltenden Abgasvorschriften praktisch wertlos sein. Denn die Erstzulassung eines Neuwagens dürfte mit ihnen an Bord in Europa unmöglich sein. PGO schrieb deshalb die Motoren in der eigenen Bilanz weitestgehend ab. Trotzdem hielten es die Verfasser des Gutachtens für möglich, 2019/20 „ggfs. 20 bis 30 Fahrzeuge in Frankreich und Europa“ zu verkaufen. Grundlage dafür soll sein, dass PGO die Autos bereits 2017 dem „Centre National de Réception des Véhicules“ meldete.

Klingt alles nicht nach solider Planung!

Kein Wunder, dass der Bericht die Geschichte der Firma als chaotisch bezeichnet. Unter diesen Umständen ist es völlig offen, ob die Story von PGO noch eine Fortsetzung findet. Interessant ist, wie früh der Aktienmarkt das Vertrauen den Autobauer verlor. Denn seit 2008 notierten die Aktien des Unternehmens fast durchgängig unter einem Euro. Im ersten Halbjahr 2017 lag Ihr Preis im Durchschnitt bei nur 0,14 Euro. Inzwischen wurde die Notierung eingestellt.

Das Börsen-Gutachten hält trotz allem eine Fortsetzung für möglich. Allerdings beziffert es einen Kapitalbedarf von 9,7 Millionen Euro, um ein „neues“ Fahrzeug zu entwickeln und in Europa auf den Markt zu bringen. Wobei es primär um einen neuen Motor gehen dürfte. Denn die Anlehnung an den 356 ist vermutlich der Kern der Marke PGO. Und tatsächlich ging es in Saint Christol-les-Alès zumindest im Jahr 2020 noch weiter. Auf der Webseite des Unternehmens gibt es die Skizze eines elektrischen PGO. Daneben veröffentlichte PGO den Hinweis auf einige Zeitschriftenartikel.

Doch inzwischen ist der letzte Eintrag auf der Webseite des Unternehmens ein gutes Jahr alt. Im Herbst 2020 verlinkte der Autobauer letztmals einen Zeitschriftenartikel. In diesem ist von der Möglichkeit, bis 80 Fahrzeuge pro Jahr zu bauen, die Rede. Zudem soll der aktuelle PGO Cévennes, wie der Artikel berichtet, 55.000 Euro kosten. Wobei immer noch der BMW-Motor an Bord sei. Losgelöst davon ist das viel Geld für einen kleinen charmanten Roadster. Scheinbar sind Roadster trotzdem heute wirtschaftlich selbst in Kleinserie keine Erfolgsgeschichte mehr – das ist eigentlich traurig! Denn, das gebe ich gern zu, ich mag diese Fahrzeuggattung.

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Technische Daten des PGO Cévennes:

  • Länge: 3700 mm – Breite: 1735 mm – Höhe: 1320 mm
  • Radstand: 2261 mm – Vordere und hintere Spurweite: 1440 /1430 mm
  • Leergewicht: 998 kg
  • Motorlage: Mittelmotor, quer zur Fahrtrichtung montiert.
  • Motor: 4-Zylinder Reihenmotor mit Abgasturbolader, 1.598 ccm Hubraum (77 x 85,8 mm Bohrung x Hub), vier Ventile pro Zylinder.
  • Maximale Leistung: 184 PS (135 kW) bei 5.400 bis 6.450 U/min
  • Maximales Drehmoment: 240 Nm bei 1.600 bis 5.000 U/min, 260 Nm im Overboost für maximal zehn Sekunden zwischen 1.730 und 4.500 U/min
  • Höchstgeschwindigkeit: 225 Km/h max.
  • Kraftstoffverbrauch, in Litern (bleifrei 95RON): Innerorts/außerorts/kombinierter Fahrzyklus: 10,4/5,9/7,6 – CO2-Ausstoß: 175g/km

Aktuelle Marktlage:
Europaweit werden nur wenige Cévennes von PGO angeboten. Deutlich häufiger ist der PGO Speedster II auf dem Markt. Das ist ein Indiz, wie die Produktion sich aufteilte. Die Preise liegen meist in der Region von circa 30.000 Euro. Interessant ist, dass dabei kaum eine Rolle spielt, wie alt das Fahrzeug ist.


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Seitenansicht des PGO Cévennes am Straßenrand

Foto: Tom Schwede

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Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days auf Schloß Dyck oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören.

2 Kommentare

  1. Dreck sind die Karren, die leben doch nur vom guten Ruf des Porsche 356. Das macht die zu Schmarotzern.

    • Naja, das ist vielleicht eine recht drastische Sicht. Mit den aktuellen Modellen haben die sich schon vom reinen Plagiator entfernt. Wahrscheinlich muss man das wie in weiten Teilen Asiens sehen. Dort gilt das Plagiat als höchste Form der Anerkennung.

Was meinen Sie dazu?