Stirling Moss war ein untadeliger Sportsmann und ein guter Geschäftsmann. Der Brite trat von 1951 bis 1961 in der Formel 1 an, fuhr für Connaught, Cooper, Maserati, Mercedes-Benz, Vanwall und Lotus. Siegte bei zahlreichen Rennen. Doch wohl nur ausgewiesene Kenner wissen, dass der Brite auch zwei Jahre für Audi fuhr.

Gestern verstarb Sir Stirling Moss. Der ehemalige Rennfahrer war ein Genie am Lenkrad, auch wenn ihm der Sprung nach ganz oben versagt blieb. Denn Stirling Moss wurde nie Automobil-Weltmeister, gewann auch nicht in Le Mans oder in Indianapolis. Dafür stehen immerhin zwei Siege in Monte Carlo in seiner Vita. Viermal fuhr der Brite in der Königsklasse des Motorsports zum „Titel“ des Vize-Weltmeisters.

Stirling Moss bei einem Termin für Borgward
Stirling Moss bei einem Termin für Borgward auf dem Autosalon in Genf

Drei davon übrigens hinter Juan Manuel Fangio, dessen Teamkollege Stirling Moss zeitweise war. Weshalb der Brite zu seiner Zeit als der ewige Zweite galt. Eine Einordnung, die angesichts von 16 Grand-Prix-Siegen eine harte Zuspitzung darstellt. Zumal der Brite für diese Siege nur 66 Rennen benötigte. Damals bestand die Saison der Weltmeisterschaft aus acht bis elf Rennen, Moss fuhr praktisch in keinem Jahr alle Läufe.

Stirling Moss fuhr bei der Mille Miglia zur Unsterblichkeit!

Der Sieg gelang Moss auch bei der Mille Miglia, dem wilden Straßenrennen in Italien von Brescia nach Rom und zurück. Im Mercedes-Benz 300 SLR benötigte Moss, dem Beifahrer Denis Jenkinson den Weg wies, gut zehn Stunden für den 1.600 Kilometer langen Weg. Spätestes jetzt sollte sich jeder das mit dem ewigen Zweiten noch mal überlegen. Denn die Fahrzeit bei der Mille Miglia 1955 ist ein Rekord für die Ewigkeit.

1962 beendete ein Unfall bei einem nationalen Rennen in Goodwood die Karriere des Ausnahmekönners vorzeitig. Moss prallte mit einem Lotus gegen einen Erdwall, lag anschließend einen Monat im Koma und war froh, diesen Unfall zu überleben. Das war zu seiner Zeit keine Selbstverständlichkeit. Nach einem Jahr wagte Stirling Moss ein Comeback. Es blieb beim Versuch. Denn der Altmeister wusste, dass seine Zeit als Rennfahrer vorbei war.

Die Karriere nach der Karriere gelingt!

Stirling Moss wurde Immobilienmakler. Er sagte, weil man dazu nichts können muss. Die Entschädigung der BU-Versicherung ermöglichte einen sorgenfreien Start in diesen neuen Lebensabschnitt. Zudem galt der Sohn eines Zahnarztes schon zu seiner aktiven Zeit als außerordentlich geschäftstüchtig. Moss war bereits als Aktiver gern Repräsentant von Unternehmen, wenn die Kasse stimmte.

Daran änderte sich auch nach dem Abschied aus dem Cockpit nur wenig. Moss blieb über Jahre gut im Geschäft, arbeitete zeitweise zudem für Medien. So beleuchtete Moss in den 1980er-Jahren in einer Kolumne regelmäßig das aktuelle Renngeschehen für die Zeitschrift Autocar. In dieser Rolle „testete“ der Altmeister 1983 mit dem Brabham-BMW von Nelson Piquet sogar einmal das aktuelle Weltmeister-Auto.

1980 kommt es in der BTCC zum Comeback!

Bereits drei Jahre zuvor feierte Stirling Moss in der britischen Tourenwagen-Meisterschaft („British Saloon Car Championship“) ein Comeback. Im Team GTi Engineering von Richard Lloyd trat Stirling Moss 1980 mit einem Audi 80 GTE in der heutigen BTCC. Richard Lloyd arbeitete seit 1977 mit dem VW-Konzern zusammen, setzte als Erster in der BTCC den VW Golf GTI ein. Der japanische HiFi-Hersteller AKAI warb auf dem Rennwagen.

Im September 1979 trat Motorrad-Star Barry Sheane mit einem von Lloyd vorbereiteten GTI bei der „Pentax RAC Tourist Trophy“ in Silverstone an. Der Auftritt bei diesem unbedeutenden Rennen sorgte für viel Aufmerksamkeit. Die Zeitschrift „Autosport“ (Ausgabe vom 27. September 1979) berichtete auf drei Seiten und wies bereits auf dem Titel auf diesen Bericht hin. Das gefiel auch Volkswagen.

Fragen wir doch Stirling Moss!

Tony Hill, damals bei Volkswagen und Audi in Großbritannien für die Pressearbeit verantwortlich, schaltete sich ein. Hill und Lloyd überlegten, wie sie Aufmerksamkeit maximieren können. Eher aus einer Laune heraus fragten sie Stirling Moss, ob sich der Ex-Rennfahrer ein „Comeback“ im Tourenwagen vorstellen könne. Stirling Moss konnte und trat 1980 mit dem Auto 80 GTE als regulärer Starter in der britischen Meisterschaft an. Sponsor AKAI bleibt an Bord und finanziert den Einsatz von zwei Fahrzeugen.

Stirling Moss mit dem Audi 80 bei einem Rennen der BTCC in Brands Hatch (Foto: Audi GB Media)

Es gibt bei der Bildagentur Getty ein Bild des Teams von einem Sponsortermin in Silverstone. Es zeigt, welchen Aufwand das Team trieb. Bis zu drei Rennwagen setzt Richard Lloyd für Audi ein. In einem Auto dreht der Teamchef selbst am Lenkrad. Den zweiten Rennwagen übernimmt Stirling Moss. Denn der Brite ist ein Zuschauermagnet. Am 23. März 1980 feiert der viermalige Vize-Weltmeister in Mallory Park sein Comeback. Doch der Audi war in Großbritannien noch nicht konkurrenzfähig. Von Beginn an gab es Motorprobleme, die das Team nie vollständig lösen konnte.

PR können auch andere – Jack Brabham ist schneller!

Bei einem Rennen in Rahmenprogramm des Grand Prix in Brands Hatch ist Moss übrigens nicht die einzige ehemalige Größe des Motorsports im Feld. Jack Brabham tritt mit einem Renault R 5 Gordini an, während Moss wieder einmal ausfällt. Beim Sommerrennen in Mallory Park fährt Moss aus Zweiter endlich in die Punkte. Zudem dreht der Altmeister die schnellste Rennrunde. Auch bei einem weiteren Rennen in Brand Hatch wird Moss Zweiter.

Doch hier zeigt sich, dass die Zeit von Moss vorbei ist. Denn das Rennen in Brands Hatch gewinnt mit Tony Lanfranchi ein Teamkollege. Der fehlte im Training und nahm das Rennen mit einem Rückstand von Sekunden auf. Das Ergebnis unterstreicht, dass das Team die Probleme mit dem Auto lösen konnte. Denn auch beim Herbstrennen in Thruxton siegt ein Audi, während Moss als Zweiter ins Ziel fährt.

Fortsetzung 1981 — dann ist endgültig Schluss!

Den Werkseinsatz übernimmt 1981 Tom Walkinshaw Racing (Foto des Audi mit TWR-Kennzeichen). Keine Ahnung, wie das zum gleichzeitigen Engagement mit Mazda passt. Doch Major Tom war auch so einer, der einem guten Geschäft nie abgeneigt war. Als Hauptsponsor steigt BP ein. Richard Lloyd und GTi Engineering wechseln auf die Langstrecke, setzen dort die berühmten Porsche mit Canon-Lackierung ein. Stirling Moss bleibt bei Audi und in der BTCC. Als Teamkollegen verpflichten Audi und TWR den Nachwuchspiloten Martin Brundle. Der ist eine echte Herausforderung für den Altstar.

Das zeigt sich schon beim ersten Saisonrennen in Mallory Park. Im Ziel fehlen Moss nach 25 Runden fast ebenso viele Sekunden auf seinen Teamkollegen. Es ist der Auftakt für ein schwieriges Jahr. Zeitzeugen sagen, dass das nicht nur am Auto lag. Der Fahrstil des ehemaligen Grand-Prix-Stars passte auch nach einem Jahr nicht zum Rennwagen mit Frontantrieb. Moss hadert mit den Slicks, die in der Szene erst Ende der 1960er-Jahre aufkamen.

Der Audi 80 ist unzuverlässig, das mindert den Spaß!

Über das Jahr betrachtet halten sich Zielankünfte und Ausfälle die Waage. Nur auf feuchter Strecke blitzt in Silverstone das alte Können nochmals auf. Moss fährt innerhalb weniger Runden in seiner Klasse von Platz elf auf Platz zwei nach vor. Doch dann streikt wieder einmal die Technik und bremst den Vortrieb. Beim Rennen Ende August in Brands Hatch notierten Beobachter als Ausfallgrund auch „Motivation“.

Kein Wunder, dass sich Stirling Moss am Ende des Jahres als Rennfahrer endgültig in den Ruhestand verabschiedet. In den kommenden Jahren blieb Stirling Moss besonders als Repräsentant von Mercedes-Benz eine feste Größe bei Veranstaltungen des historischen Motorsports. Beim gescheiterten Versuch des Restarts warb Moss für Borgward. Seinen Geschäftssinn verlor der Brite bis zum Ende nicht.

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