Vor 90 Jahren gibt es zwei Wege, um Rennfahrer zu werden. Entweder verfügt der Pilot über ein stattliches Familienvermögen und geht als Herrenfahrer an den Start. Oder der Pilot dient sich vom Mechaniker zum Rennfahrer hoch. Christian Werner, heute vor 121 Jahren in Stuttgart geboren, gehört in die zweite Kategorie.

Als ausgebildeter Mechaniker heuert der 19-jährige Stuttgarter 1911 bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft an. Nach bestandener Meisterprüfung wird Werner bei Daimler Versuchsfahrer. Zu seinem Aufgabenbereich gehört die Abstimmung der Rennwagen, anschließend andere Piloten bei den Rennen einsetzten. Nach dem Ersten Weltkrieg sind dies bei Daimler Vorkriegsgrößen wie Paul Scheef, Otto Salzer oder Graf Giulio Masetti.

Ende 1921 sieht die Daimler-Motoren-Gesellschaft gute Chancen, um in der Voiturette-Klasse der Rennwagen neue Erfolge zu feiern. Mit einer Hubraumbegrenzung auf 1,5 Liter gilt die Voiturette-Klasse als zweite Liga des Grand Prix Sports. Sie ist interessant, weil die Klasse gerade auf den wichtigen Absatzmärkten in Italien und England viel Beachtung findet.

Auf Grundlage des Motors des Kompressorwagens Typ 6/25 PS entsteht ein konsequenter Rennmotor, der mit 1499,87 Kubikzentimetern das Hubraumlimit bis zum letzten Zehntel ausnutzt. Ausgerüstet mit einem speziell konstruierten Vierventilzylinderkopf und einem stehenden Roots-Gebläse gibt Daimler die Leistung des Motors mit 65 PS (48 kW) an. Als Mercedes-Benz den Motor nach dem Zweiten Weltkrieg der Motor auf dem Prüfstand testet, verfügt der Motor tatsächlich über fast 80 Pferdestärken.

Vom Versuchsfahrer zum Rennfahrer

Doch die ersten Ergebnisse im April 1922 bei der Targa Florio in Sizilien befriedigen die Erbauer nicht. Paul Scheef belegt nur den 20. Platz im Gesamtklassement. Um den Motor und das Fahrzeug besser abzustimmen, starten nun auch Versuchsfahrer Christian Werner und Mechaniker Otto Merz bei den Rennen. Noch im gleichen Jahr gewinnt Christian Werner bei der Rumänischen Tourenrundfahrt sein erstes bedeutendes Rennen.

Diese Leistung hat die Verantwortlichen der Daimler-Motoren-Gesellschaft offensichtlich überzeugt. Bereits 1923 startet Christian Werner bei den ganz großen Rennen. Beim 500-Meilen-Rennen von Indianapolis belegt Werner Platz elf. Sein Mercedes-Zweiliter-Indianapolis-Rennwagen ist die letzte Konstruktion von Paul Daimler. Der älteste Sohn des Firmengründers Gottlieb Daimler ist als technischer Leiter im Unternehmen tätig, wechselt Mitte 1923 zur Argus Motoren Gesellschaft.

Mercedes 2,0-Liter-Targa-Florio-Rennwagen, 1924
Mit diesem Mercedes 2,0-Liter-Targa-Florio-Rennwagen gewann Christian Werner 1924 die Targa Florio. (Foto: Mercedes-Benz)

Mit dem überzeugenden Gewinn der Targa Florio 1924 gehört Christian Werner endgültig zur ersten Garde der Rennfahrer. Gemeinsam mit Alfred Neubauer, der zusammen mit Ferdinand Porsche von Austro-Daimler in Wien nach Stuttgart wechselt, entwickelt Werner zeitgleich einen schnellen Renntransporter. Zuvor fahren die Rennwagen überwiegend auf eigener Achse zu den Rennen. Mit dem Renntransporter auf Basis eines Mercedes 24/100/140 PS ist erstmals ein zügiger Transport der Wettbewerbsfahrzeuge möglich. Neubauer nimmt diese Idee 1955 wieder auf.

In den folgenden Jahren geht Werner überwiegend als Partner des Weltstars Rudolf Caracciola an den Start. Denn bei den Grand Prix Rennen dieser Jahre teilen sich die Piloten meist die Fahrzeuge. Anders sind die Strapazen auf den unbefestigten Wegen und mit den archaischen Fahrzeugen vermutlich kaum zu bewältigen. Gemeinsam mit dem überragenden Caracciola feiert Christian Werner 1928 mit einem Sieg auf dem Nürburgring den Großen Preis von Deutschland seinen größten Erfolg.

Christian Werner bleibt Mercedes treu

Als sich sein Arbeitgeber, der inzwischen mit Benz & Cie. fusioniert hat, in der Weltwirtschaftskrise vom Motorsport zurückzieht, bleibt Werner der Firma treu. Obwohl andere Hersteller versuchen, Christian Werner mit lukrativen Angeboten locken, bleibt der Stuttgarter Mercedes-Benz treu. Aber als Rudolf Caracciola 1930 in Le Mans mit seinem offiziell privaten Mercedes-Benz SS antritt, ist Christian Werner dabei.

Die Deutschen liefern sich ein hartes Duell mit den Bentleys. Zeitweilig führen Caracciola und Werner das Rennen an. Doch eine defekte Zündspule entlädt im Mercedes die Batterie. Nach einem Stopp springt der Rennwagen nicht mehr an. Da das Reglement einen Tausch der Batterie nicht gestattet, geben die Piloten das Rennen vorzeitig auf. Der Auftritt in Le Mans ist das letzte Rennen eines großen Rennfahrers. Denn das offizielle Mercedes-Comeback 1933 erlebt Christian Werner nicht mehr mit. Der Stuttgarter stirbt am 17. Juni 1932 an einer Herzlähmung.

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