Wer hierzulande an Sportwagen denkt, der vergisst oft die Corvette. Meist schießen zunächst Namen wie Porsche 911, Audi R8, Ferrari 488 oder Lamborghini Huracan durch den Kopf. Kenner denken vielleicht auch noch an die Modelle RC und LC von Lexus. Doch das Sinnbild des amerikanischen Sportwagens fehlt meist in der Aufzählung. Zu unrecht, wie Tom nach dem Test der Corvette C7 Grand Sport meint.

Der Bildschirm vor mir zeigt ein leeres „Blatt“ an. Vor meinen Händen liegt die Tastatur auf dem Tisch. Der Redaktionsplan sagt, dass ich meine Eindrücke mit der Corvette Grand Sport zusammenfassen. Eigentlich bin ich schon ein paar Tage zu spät dran. Der Artikel soll bereits in wenigen Stunden erscheinen und ich habe noch nichts auf dem „Zettel“. Denn ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll!

Die Corvette hat so viele Eindrücke hinterlassen. Ich weiß noch nicht, wie ich die alle ordnen soll. Auch ein paar Tage nach dem Ende des Tests, bin ich immer noch etwas aufgewühlt. Dabei schreibe ich inzwischen seit mehr als elf Jahren regelmäßig über Autos. Das sorgt für professionelle Distanz. Doch bei der Corvette ist das anders. Der amerikanische Sportwagen hat mich offensichtlich emotional berührt.

In so einem Fall ist immer gut, mit den Fakten zu beginnen. Wie alle seine Vorgänger, den amerikanischen Sportwagen gibt es sei 1953, verfügt auch die siebte Generation der Corvette über ein klassisches Frontmotor-Design. Der mächtige V8 LT1-Motor mit 6,2 Litern Hubraum treibt die ganz konventionell Hinterräder an. Trotz des Hubraums, der für europäische Verhältnisse groß ist, gilt der Motor als Small-Block.

US-V8 klingt immer etwas archaisch!

Die Linie der Small-Block-Motoren bei General Motors lässt sich bis ins Jahr 1955 zurückführen. Der seit 2013 angebotene LT1 ist die fünfte Generation V dieser Motoren. Tief unten im Motorblock des V8 rotiert nach guter alter Väter Sitte eine zentrale Nockenwelle. Sie sorgt über Kipphebel für das Öffnen und Schließen der hängenden Ventile. Zugegeben, so eine OHV-Ventilsteuerung („overhead valves“ oder „pushrod engine“) wirkt heute aus der Zeit gefallen.

Doch der Voll-Alu-V8 des Typs LT1 hält mit jeder Menge High-Tech dagegen. Benzin-Direkteinspritzung und die variable Ventilsteuerung sind Stand der Technik. Um Kraftstoff zu sparen, legt der V8 bei Teilleist vier seiner acht Zylinder still. Im NEFZ kommt die Corvette Grand Sport daher auf einen kombinierten Verbrauch von 12,3 Litern. Das entspricht einer CO2-Emission von 282 Gramm pro Kilometer.

Aber wer beurteilt einen Sportwagen nach seinem Verbrauch?

Machen wir uns nicht vor, wer sich einen Sportwagen jedweder Colour kauft, der achtet vermutlich nicht zu erst auf Verbrauchswerte. Obwohl es natürlich solche Fälle geben soll. Die greifen dann statt der Corvette eher zu einem Porsche 911 Carrera GTS. Denn der Schwabe begnügt sich im NEFZ mit 9,5 Litern oder 223 Gramm CO2-Emission pro Kilometer. Das ist dann so gesellschaftskompatibel wie ein Boss-Anzug.

Doch dafür umweht den Porsche-Besitzer auch der Hauch des Austauschbaren, während die Corvette ihren Besitzer als Nonkonformisten kennzeichnet. Dabei geht es nicht um die Nähe zum Rotlicht-Milieu, die der Corvette in Deutschland lange nachhing. Inzwischen fahren Kiez-Größen längst lieber Luxuslimousinen von Audi, Bentley und Mercedes oder machen gar Werbung für Car-Sharing.

Trotzdem erfordert der Griff zu Corvette ein gesundes Selbstbewusstsein. Denn kaum einer der Testwagen, mit denen ich in den letzten Jahren unterwegs sein durfte, rief so viele Reaktionen hervor, wie der US-Sportwagen. Immer wieder streckten Leute plötzlich ihren Daumen hoch, um ihre Begeisterung über die rote Flunder auszudrücken. Oft forderten sie auch dazu auf, den V8 erklingen zu lassen. Wer auffallen will, der findet in der Corvette die richtige Bühne.

Das ist übrigens eine wunderbare Parallele zu den Motorrädern von Harley-Davidson. Auch die gelten oft als schwerfällig und wenig sportlich. Dabei übersehen viele, dass der Motorrad-Bauer aus den USA auch Motorräder mit ihrem „Revolution-Motor“ bauen. Dieses Aggregat entstand in Zusammenarbeit mit Porsche. Es bewies seine Fähigkeiten einst im legendären Düsseldorf-Test. Bei diesem Test pendelten Testfahrer 500 Stunden nonstop auf der Autobahn zwischen dem Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach und der NRW-Landeshauptstadt.

Die Corvette Grand Sport ist kein Poser!

Die Corvette Grand Sport war meine zweite Begegnung mit der siebten Corvette-Generation. Im vergangenen Jahr war bereits die Corvette C7 Z06 Convertible uns zu Gast. Mit 659 PS und 881 Newtonmetern Drehmoment rangiert sie, was die Leistungsdaten betrifft, deutlich oberhalb der Corvette Grand Sport. Denn in der Grand Sport stellt der V8 „nur“ eine Leistung von 466 PS und ein maximales Drehmoment von 630 Newtonmetern zur Verfügung.

Auf der Straße ist der Unterschied deutlich kleiner als die Zahlen erwarten lassen. Denn die Grand Sport ist das Homologationssmodell für die Einsätze der Corvette im Langstreckensport. Deshalb verfügt die Grand Sport über ein modifiziertes Leichtbau-Chassis. Daneben gibt es ein ausgefeiltes Aerodynamik-Paket, bestehend aus einem (mit Werkzeug verstellbaren) Heckspoiler, einem geänderten Frontsplitter und die breiteren durchströmten Radkästen.

Zusammen mit dem modifizierten Sportfahrwerk sorgt das alles dafür, dass die Grand Sport beim Grip und dem Handling der normalen Corvette weit enteilt. Woran auch die auf dem Testwagen aufgezogenen Semi-Slicks des Typs MICHELIN Pilot Sport Cup 2 eine große Rolle spielen. Sie harmonieren gut mit dem Fahrwerk und haben einen großen Anteil an der Performance, zu der die Corvette Grand Sport fähig ist. Wobei die Reifen Bestandteil des optionalen Z07 PERFORMANCE-PAKET sind. Das kostet 14.500,- Euro und bringt neben den Reifen auch die Carbon-Keramik-Bremsen von Brembo mit.

Die Corvette Grand Sport liegt wunderbar neutral auf der Straße!

Die Tendenz zum Ausbrechen des Hecks, die mir bei der C7 Z06 auffiel, haben die Entwickler der Corvette Grand Sport völlig aberzogen. Im normalen Straßenverkehr ist die Corvette Grand Sport nicht aus der Ruhe zu bringen. Selbst in sehr sportlich genommenen Autobahn-Abfahrten bleibt die Corvette völlig neutral. In der Grand Sport kommt die dank der Transaxle-Bauweise völlig ausgeglichene Gewichtsverteilung perfekt zum Tragen. Das gefällt dem Sportfahrer.

Immer vorausgesetzt, der Fahrbahnbelag ist eben. Denn Wellen oder schlecht geflickte Schlaglöcher versetzen die Hinterachse in Unruhe. Dank Daniel Przygoda vom Automobil-Blog ergab sich während des Tests die Gelegenheit, die Corvette Grand Sport mit der normalen Corvette C7 Stingray zu vergleichen. Dabei wird mit bloßem Auge deutlich, wie tief die Grand Sport liegt. Damit fehlt dem harten Sportfahrwerk der Weg, um Fahrbahnunebenheiten völlig auszugleichen.

Zur Fahrdynamik trägt auch die Bremsanlage bei. Mit mächtigen gelochten Bremsscheiben und massiven Mehrkolben-Bremssättel setzt sie dem Vorwärtsdrang auf Kommando jederzeit ein Ende. Dabei lässt sich das Pedal und damit die Bremskraft gut dosieren. Zudem bleibt die Bremse in unserem Test auch nach mehreren Versuchen standfest. Hier zeigt sich, dass zu einer modernen Aerodynamik auch die Kühlung der Bremsen gehört. 

Fazit zur Corvette C7 Grand Sport

Treue Leser dieses Blogs wissen, dass Testwagen hier oft Spitznamen bekommen. Den Cadillac CTS-V, den ebenfalls der LT1-V8 antreibt, nannte ich Muhammad Ali. Mit ihren Sprintfähigkeiten und der Kurvendynamik erinnert die Corvette Grand Sport an den Leichtathleten Carl Lewis. Denn als Grand Sport räumt die Corvette kräftig mit dem Vorurteil auf, dass in den USA keine Sportwagen entstehen.

Für Denny (links) und Tom ist die Entscheidung klar: Wenn Corvette, dann bitte Corvette C7 Grand Sport (2018) – American Idol und echter Sportler!
Für Denny (links) und Tom ist die Entscheidung klar: Wenn Corvette, dann bitte Corvette C7 Grand Sport (2018) – Foto: Daniel Przygoda

Der 6,2 Liter große Saugmotor hängt gut am Gas, die Lenkung setzt Befehle zur Änderung der Richtung herrlich direkt um. Das Fahrwerk der Grand Sport bleibt auch in schnell durchfahrenen Kurven lange neutral. Wobei der satte Grip der Reifen von MICHELIN den Grenzbereich weiter verschiebt. Kurz um, die Corvette Grand Sport ist ein sehr dynamischer Sportwagen und bietet seinem Besitzer im Alltag oder besser beim Trackday noch viel mehr Fahrspaß.

Daten zum Testwagen:

  • Typ: Corvette C7 Grand Sport (2018)
  • Grundpreis: ab 95.900,00 Euro.
  • Motor: 8-Zylinder-Ottomotor (V8)
  • Emissionsklasse: Euro 6
  • Getriebe: 7-Gang-Schaltgetriebe
  • Hubraum: 6.162 ccm
  • max. Leistung: 466 PS bei 6.000 1/min
  • max. Drehmoment: 630 Nm bei 4.000 1/min
  • Höchstgeschwindigkeit: 290 km/h


Danke an Phil für die Unterstützung mit Deiner Harley-Davidson V-Rod


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Corvette C7 Grand Sport (2018) – American Idol und echter Sportler! Hier im Parallelflug mit einer Harley-Davidson V-Rod

Foto: Karla Schwede

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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