2. Mai 1986: Der Unfall von Henri Toivonen führt zum Ende der Gruppe B

Vor 30 Jahren erlebt der Rallye-Sport mit den Rennwagen der Gruppe B ein bis dahin nicht bekanntes Wettrüsten. Es endet in einer Katstrophe. Denn am 2. Mai 1986 verunglücken bei der Tour de Corse auf Korsika Henri Toivonen und sein Beifahrer Sergio Cresto tödlich.

Henri Toivonen gehört zu den besten Rallye-Fahrern aller Zeit. Der Finne war ein herausragendes Fahrtalent und mit 29 Jahren gerade auf dem Weg, zum Megastar der Schotterpisten aufzusteigen. Der Sohn der Rallye-Legende Pauli Toivonen galt 1986 als ein heißer Favorit auf den WM-Titel. Bis zur 18. Wertungsprüfung der Tour de Corse. In einer 90-Grad-Kurve verlor Henri Toivonen die Kontrolle über seinen Lancia Delta S4.

Bis heute ist unklar, was für diesen Unfall verantwortlich war. Der Rennwagen rutschte mangels Leitplanke einen Abhang herunter und überschlug sich mehrfach. Dabei beschädigten Bäume den aus Aluminium gefertigten und unter den Passagieren montierten Benzintank des Boliden. Das Fahrzeug explodierte und brannte völlig aus. Henri Toivonen und Beifahrer Sergio Cresto hatten keine Chance, sich aus dem Inferno zu befreien.

Lancia Delta S2 der Gruppe B, wie ihn Henri Toivonen und sein Beifahrer Sergio Cresto bewegten. (Foto: Lancia)
Lancia Delta S2 der Gruppe B, wie ihn Henri Toivonen und sein Beifahrer Sergio Cresto bewegten. (Foto: Lancia)

Als Zuschauer und Rettungskräfte das auf dem Dach liegende Fahrzeug erreichten, waren beide bereits verstorben. Damit blieb die Karriere von Henri Toivonen unvollendet. In den Statistiken bleiben „nur“ drei WM-Siege zurück. Doch Nachgeborene sollten sich von dieser Zahl nicht täuschen. Toivonen fuhr lange mit Fahrzeugen, die seinem Talent nicht angemessen waren, und brauchte auch etwas Zeit, um sich ganz für den Rallye-Sport zu entscheiden.

Rundstrecke oder Rallye?

Wenige Tage nach seinem 19. Geburtstag taucht der Finne das erste Mal in der Rallye-Weltmeisterschaft auf. Mit einem Simca Rallye 2 tritt Toivonen bei der heimischen 1.000 Seen-Rallye an. Es dürfte eine der ersten Rallyes gewesen sein, die Toivonen überhaupt fuhr. Denn in seiner finnischen Heimat durften Autofahrer damals erst mit 19 Jahren schneller als 80 Kilometer pro Stunde fahren – zumindest auf öffentlichen Straßen.

Mit Unterstützung seines Vaters, der 1966 die Rallye Monte Carlo gewann und 1968 zum Titel des Rallye-Europameisters driftete, fährt Henri Toivonen bis dahin auf der Rundstrecke. Ein konsequenter Weg, denn der Rallye-Fahrer und Auto-Händler Pauli Toivonen hatte seinem Erstgebornen bereits mit fünf Jahren ein Kart geschenkt. Auf das Kart folgten „richtige“ Rennwagen.

Heck des Lancia Delta S2 der Gruppe B (Foto: Lancia)
Heck des Lancia Delta S2 der Gruppe B (Foto: Lancia)

1977 sichert sich Henri Toivonen den finnischen Formel V Titel. Nebenbei gewinnt der Nachwuchsfahrer auch die finnische Tourenwagen-Meisterschaft. In der Formel Super V Europameisterschaft gelingt dem Finnen ein Laufsieg. Für Eddie Jordan tritt Toivonen in der Formel 3 an, sichert sich prompt den besten Startplatz und gewinnt das Rennen. Jordan ist deshalb bis heute überzeugt, Henri Toivonen verfügte über genauso viel Talent wie Ayrton Senna.

Es sollte nicht die einzige Parallele zwischen diesen Ausnahmepiloten bleiben. Auch wenn sich Henri Toivonen schließlich doch hauptsächlich für den Rallye-Sport entschied. 1980 nimmt Talbot den Finnen als Werksfahrer unter Vertrag. Prompt gewinnt der Nachwuchsfahrer als jüngster Fahrer mit 24 Jahren und 86 Tagen bei der RAC-Rallye einen WM-Lauf. Erst 2008 verdrängt Jari-Matti Latvala mit seinem Erfolg in Schweden Toivonen von der Spitze dieser Liste.

Nach zwei Jahren bei Talbot zieht Henri Toivonen weiter zu Opel. Doch deren Sportgeräte Opel Ascona 400 und Opel Manta 400 sind zu diesem Zeitpunkt bereits veraltet. Dem Allradantrieb des Audi Quattro und der Konsequenz des heckgetriebenen Lancia Rally 037 haben die von Brot-und-Butter-Modellen abgeleiteten Opel nichts entgegenzusetzen. Obwohl Teamkollege Walter Röhrl 1982 für Opel sogar zum WM-Titel fährt.

Gruppe B – Toivonen wird ihr ungekrönter König

Mit der Einführung Gruppe B haben die Regelhüter des Motorsports zur Saison 1982 die Einstiegshürde für die Hersteller halbiert, um neue Hersteller anzulocken. Zuvor musste ein Auto für den Einsatz im Rallye-Sport innerhalb von zwölf Monaten 400-mal gebaut werden. Mit der neuen Gruppe B reichten nur noch 200 Exemplare.

Lancia nutzt das und stellt mit dem 037 das erste reinrassige Rallye-Auto auf die Räder. Offiziell ein Ableger des eigentlich bereits ausgelaufenen Beta Montecarlo entsteht bei Abarth ein Mittelmotorsportwagen mit Heckantrieb und Kompressormotor. Ohne den Allradantrieb des Audi Quattro hätte der 037 wohl die Szene dominiert.

Nach dem Auslaufen des Opel-Vertrags sucht Henri Toivonen eine neue Herausforderung. Bereits Ende 1983 tritt der Finne im Gruppe-C-Sportwagen Porsche 956 auf der Rundstrecke an. Beim Sportwagen-EM-Lauf in Mugello fährt der Finne mit seinen Partnern Derek Bell und Jonathan Palmer auf den dritten Platz. Trotzdem liegt 1984 der Schwerpunkt seines Programms wieder auf losem Untergrund.

Toivonen wechselt zu Lancia

Für Prodrive von David Richards kämpft Henri Toivonen im Porsche 911 um die Rallye-Europameisterschaft. Daneben tritt Henri Toivonen im Lancia Rallye 037 bei fünf WM-Läufen an. Mit einem dritten Platz beim Heimspiel in Finnland demonstriert Henri Toivonen auch dabei wieder sein herausragendes Talent. Lancia-Rennleiter Cesare Fiorio nimmt den Finnen 1985 als Vollzeitpiloten unter Vertrag.

Doch bei einem Unfall während des EM-Laufs „Rally Costa Smeralda“ zieht sich Henri Toivonen mehrere Knochenbrüche zu. Erst Mitte der Saison ist der Finne wieder vollständig einsatzbereit. Bereits beim Comeback in Finnland reicht es zum vierten Platz. Bei der folgenden Rallye in Sanremo wird Henri Toivonen sogar Dritter. Obwohl der Finne den Rennwagen 037 nie besonders mag. Sein weicher und runder Fahrstil schreit nach einem Allrad-Rennwagen.


Im Lancia Delta S4 ist Henri Toivonen fast unschlagbar

Lancia bringt Ende 1985 endlich den Lancia Delta S4 mit Allradantrieb auf die Piste. Mit ihm reagiert Lancia auf die Allradfahrzeuge Audi Sport quattro S1, Peugeot 205 Turbo 16 E2, Ford RS200 oder MG Metro 6R4. Sie hatten sich zuvor in immer schnelleren Sprüngen die Maßstäbe verschoben. Dabei half, dass das Reglement der Gruppe B genau wie in der Gruppe A der Tourenwagen die sogenannte Zehn-Prozent-Evolution kannte.

Es entstanden Rennwagen, die kaum ein Limit kannten. Das Sportgerät Lancia Delta S4 verfügt – beim Debüt – über 480 PS (353 kW). Wie schon beim Vorgänger 037 hat Abrath zunächst ein reines Sportgerät konstruiert und dann davon eine Serienversion abgeleitet. Grundlage des Fahrzeugs ist ein Gitterrohrrahmen. Den Sprint von 0 auf 100 bewältigt die Rennversion S4 selbst auf losem Untergrund auf Formel-1-Niveau in deutlich unter drei Sekunden.

Henri Toivonen wird zum Maßstab dieser Fahrzeugklasse. Schon beim ersten Einsatz führt Toivonen den Lancia Delta S4 bei der RAC-Rallye zum Erfolg. Beim Saisonauftakt 1986 gelingt der nächste Sieg. Wie sein Vater zwanzig Jahre zuvor gewinnt Henri Toivonen die Rallye Monte Carlo. Beim Lauf in Schweden beendet ein Motorschaden die Fahrt und verhindert einen weiteren Erfolg.

In Portugal kommt es zur ersten Katastrophe

Auf die Winterrallye in Schweden folgt die Rallye Portugal. Neben Schotter stellen im Süden Europas die Fans ein großes Problem dar. Denn die stehen dicht gedrängt an den Pisten und geben den Weg oft erst im letzten Moment frei. Lokalmatador Joaquim Santos ist mit dem Ford RS200 überfordert, verliert die Kontrolle über den Gruppe-B-Boliden und rast in eine Gruppe von Zuschauern. Drei Menschen sterben. Mehr als 30 Personen werden verletzt.

Die Werksteams nehmen ihre Fahrzeuge sofort aus dem Rennen. Audi zieht sich sogar ganz aus der WM zurück. Die FIA reagiert mit Plänen für eine Gruppe S, die ab 1988 die Entwicklung bremsen soll. Nach einer Pause in Kenia, wo traditionell Buschtaxis wie die robuste Toyota Celica Twincam Turbo oder Nissan 240 RS die Szene dominieren, kehrt Henri Toivonen bei der Tour de Corse mit dem Delta S4 in den WM-Zirkus zurück.

Auf Korsika folgt die Nächste

Doch den Piloten plagt eine heftige Erkältung. Jede mögliche Pause verbringt Henri Toivonen mit Schüttelfrost und wohl auch Fieber im Lancia Wohnmobil. Trotzdem führt der Finne die Rallye bequem an, sah das Ganze selbst jedoch ziemlich kritisch. Am Abend des ersten Rallye-Tages sprach Henri Toivonen über den Wahnsinn des Wettbewerbs:

This rally is insane, even though everything is going well at the moment. If there is trouble, I’m as good as dead. (Auch wenn im Moment alles gut läuft, ist diese Rallye Wahnsinn. Wenn es ein Problem geben sollte, dann bin ich so gut wie tot.)

Diese düstere Todesahnung wird am nächsten Tag traurige Realität. Und ist damit eine bedrückende Parallele zu Ayrton Senna. Den auch der Brasilianer plagten Zweifel, ob er nach dem tödlichen Unfall von Roland Ratzenberger noch Rennfahrer sein wollte. Ähnlich wie der Tod von Senna acht Jahre später die Formel 1 veränderte, führte auch der Tod von Henri Toivonen zum Umdenken.

Bereits wenige Stunden nach dem Tod des Ausnahmekönners verkündete die FIA das Auslaufen der Gruppe B zum Saisonende. Gleichzeitig verwarf sie die Pläne der Gruppe S. Ab 1987 traten in der Gruppe Rallye-Weltmeisterschaft „nur“ noch Fahrzeuge der Gruppe A an. Denn allen war klar, wenn Henri Pauli Toivonen einen Rennwagen nicht beherrscht, dann kann es auf dieser Welt niemand.


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Ein Beitrag von:

Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!