Auto-Fans kennen den Spruch: Hubraum lässt sich nicht ersetzen — außer noch mehr Hubraum! In diesem Sinne waren die 1970er-Jahre in Deutschland eine goldene Ära. Denn die Daimler-Benz AG stellte 1975 den Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 Mercedes-Benz vor. Er war der Hochpunkt des Strebens nach Hubraum. Denn noch mehr Hubraum gab es bis heute bei keinem deutschen Großserienhersteller.

1975 war eine andere Zeit. Die Leichtigkeit der späten 1960er, die sich Anfang des folgenden Jahrzehnts noch in knappen Röcken und dem Wunsch nach Fortsetzung der begonnenen gesellschaftlichen Veränderungen ausdrückte, die im Münchener Olympiapark für eine noch heute futuristisch anmutende Zelt-Kulisse aus Kunststoff sorgte, beflügelte die erste Hälfte dieses Jahrzehnts. Doch jetzt orientierte sich die Welt nach der Ölkrise, die zuvor die Dynamik des Wachstums empfindlich bremste, neu.

Mercedes-Benz S-Klasse Typ 450 SEL 6.9 in Monaco
Mercedes-Benz S-Klasse Typ 450 SEL 6.9 in Monaco – wo passte dieses Auto besser hin? (Foto: Daimler AG)

Trotzdem stieg die im Herbst 1972 vorgestellte S-Klasse der Baureihe W 116 schnell zum Symbol der Mächtigen, zum Symbol der Elite aus Wirtschaft und Politik auf. Stilistisch und technisch war die S-Klasse ein Meilenstein, definierte sie doch den Maßstab der Oberklasse völlig neu. Das Auto wirkte wie eine automobile Burg. In ihr konnte sein Besitzer, der meist auf der Polstergruppe im Fond sank, entspannt und sicher von Termin zu Termin reisen. Die Bedrohung der RAF war schließlich noch nicht absehbar.

Die Baureihe W 116 war ein Statement!

Das passende Kennzeichen für dieses Auto hätte mit der Zeichenfolge „W-WN“ beginnen müssen: „Wotan weicht nicht“! Losgelöst davon setzte die Mercedes-Benz S-Klasse auf der Straße fortan den Maßstab bei Fahrkomfort und Sicherheit. Nur beim Antrieb wirkte die neue S-Klasse im Vergleich zu ihrem Vorgänger fast schon bescheiden. Denn im Vorgänger, dem Mercedes-Benz 300 SEL gab es noch einen V8 dessen Hubraum 6,3 Liter betrug. Diesen Motor bohrten Tuner wie AMG sogar auf einen Hubraum von 6,8 Litern auf, um damit Rennen zu fahren.

Heckansicht des Mercedes-Benz 450 SEL 6.9
Heckansicht des Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 – so sahen die Meisten dieses Auto wohl … (Foto: Daimler AG)

Doch in der Ölkrise war das nicht mehr opportun. Daimler-Benz beschränkte sich bei der Premiere des Nachfolgers auf einen maximalen Hubraum von 4,5 Litern. Beim bereits drei Jahre vor der S-Klasse präsentierten neuen V8 (M116/M117) des Hauses war das — zunächst — das Maximum. Erst zum Ende des Jahrzehnts erweiterten die Ingenieure den Hubraum dieses Triebwerks auf fünf Liter. Später fanden sie sogar noch einen weiteren halben Liter. Doch soweit waren die Techniker Mitte der 1970er-Jahre noch nicht.

Das Spitzenmodell der Baureihe W 116 verfügte zunächst „nur“ über eine Leistung von 225 PS und ein maximales Drehmoment von 377 Newtonmetern. Damit war die S-Klasse bis zu 210 Kilometer pro Stunde schnell. Das war in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre ein beeindruckender Wert. Doch der BMW 3.0Si überragte diese Marke bereits um genau einen Kilometer pro Stunde. Zudem gab es Gerüchte, dass die Herausforderer aus München an einem V12-Motor arbeiten. Drohte mit dem auch in München irgendwann anstehenden Modellwechsel Ungemach?

The Empire strikes back!

Bei den Ingenieuren in Stuttgart reifte die Idee der Über-S-Klasse. Dazu verpflanzten sie den Motor M110 aus dem Vorgänger in das neue Modell. Zudem überarbeiteten sie das Aggregat, erhöhten den Hubraum auf satte 6.834 Kubikzentimeter. Damit spielte der großvolumige Schwabe auch weltweit in der Liga der Riesen mit. Denn nur die US-amerikanischen „Big Block“-Motoren von General Motors oder Ford sowie die Staatslimousine der UdSSR, der ZIL 114, verfügten zu dieser Zeit über mehr Hubraum.

Blick unter die Motorhaube des Mercedes-Benz S-Klasse Typ 450 SEL 6.9
Blick unter die Motorhaube des Mercedes-Benz S-Klasse Typ 450 SEL 6.9

Das Ergebnis waren 286 PS Leistung und ein maximales Drehmoment von 549 Newtonmetern. Damit war die neue S-Klasse 225 Kilometer pro Stunde schnell. Das Landstraßentempo von 100 Kilometer pro Stunde erreichte der 6.9 in glatten acht Sekunden. Zwar „bezahlte“ der Fahrer diese Fahrleistungen mit einem — schon bei gesitteter Fahrweise — hohen Verbrauch von 22 Litern pro 100 Kilometer. Aber die Krone der Autobahn-Geschwindigkeit war zurück in Stuttgart! Doch angesichts dieses Verbrauchs war es wohl kein Zufall, dass Daimler-Benz den 6.9 erst mit etwas Abstand zur Ölkrise präsentierte.

Gutes hat seinen Preis — der Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 war sündhaft teuer!

Mit einem Einführungspreis von 70.000 DM lag der 6.9 übrigens mehr als 25.000 DM über dem bisherigen Spitzenmodell. Dafür gab es zwei Jahre zuvor noch den 280 S! Entsprechend überschaubar blieben die Stückzahlen. Auch wenn die Presse bei Vorstellung des 450 SEL 6.9 jubelte. „auto motor und sport“ titelte schnörkellos „Das beste Auto der Welt“. Das britische Magazin „Motor“ fasste sein Testurteil mit dem Wort „fabelhaft“ (fabulous) zusammen.

Trotzdem blieb der 6.9 ein Auto für Kenner. Bis zum Ende der Produktion des Fahrzeugs baute Daimler-Benz gerade einmal 7.380 Exemplare des Mercedes-Benz 450 SEL 6.9, der im letzten Produktionsjahr übrigens schon 81.300 DM kostete. Wobei die Preisdifferenz zum kleineren 450 SEL inzwischen 30.200 DM betrug. Kein Wunder, dass die Kunden deutlich häufiger zu den anderen Modellen der Baureihe griffen, die es insgesamt immerhin auf 473.000 Fahrzeuge brachte.

Was kostet der Mercedes 450 SEL 6.9 heute?

Alles zusammen sorgt dafür, dass der Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 heute selten ist. Seit zehn Jahren moderiere ich regelmäßig Oldtimer-Treffen. Trotzdem kann ich mich nur an einen 6.9 erinnern. Vor ein paar Jahren begrüßte ich in Herten beim „Youngtimer Vestival“ – ja, das schreibt sich so 😉 – einen 6.9 auf dem roten Teppich. Schon damals gab sein Besitzer für das in meiner Gerinnung gut gepflegte Fahrzeug einen Wert von mindestens 40.000 Euro an. Auch heute bewegen sich Exemplare mit Zustandsnote zwei in dieser Region. 6.9er mit Zustandsnote eins sind deutlich teurer. Denn sie kosten inzwischen mindestens 60.000 Euro – wenn man sie denn findet!

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