Die Studie „Vison Next 100“, die BMW zum 100. Firmengeburtstag der Firma vorstellt, ist zumindest optisch ein echter Hingucker. Und sonst? Sonst ist die Studie eher eine Horrorvorstellung.

Zugegeben, die Form der Studie ist atemberaubend. Der angedeutete Boxermotor, in dessen Hülle eine emissionsfreie Antriebseinheit sitzt, sowie die Farbe orientieren sich an der legendären Typ R 32, dem ersten Motorrad von BMW. Dabei ist die Studie alles andere als Retro. Der Konstruktion fehlen sichtbare Gelenke. Das Geheimnis ist der schwarze Dreiecksrahmen des Kraftrads. Mit seiner Beweglichkeit und Flexibilität sorgt er dafür, dass das Motorrad die Richtung ändern kann.

Vison Next 100 und BMW Typ R 32
Die Vison Next 100 nimmt optische Anleihen bei der legendären Typ R 32, dem ersten Motorrad von BMW.

Heute übliche Federelemente gibt es nicht. Stattdessen übernehmen Reifen, deren Profil sich auch noch an die Fahrbahnverhältnisse anpassen kann, die Dämpfung. Dazu kann sich das Motorrad der Zukunft selbst ausrichten. Das erinnert an einen Segway Personal Transporter mit hintereinander – statt nebeneinander – stehenden Reifen. Wie das alles funktionieren soll, das lassen die Designer offen.

Egal, darum geht es nicht!

Denn die Studie der Bayern, die übrigens länger Motorräder als Autos bauen, kann noch mehr. Schließlich denken die Bayern mit ihrer Vision gleich einige Jahrzehnte voraus. Damit bewegen sie sich die Designer und Zukunftsforscher gedanklich unweigerlich in einer Zeit, in der die Autos auf unseren Straßen wohl längst autonom unterwegs sein werden.

Freude am Fahren, wie BMW es heute in seinem Claim für sich in Anspruch nimmt, ist das autonome Fahren nicht mehr! Und so stellt sich die Frage, ob ein selbstgefahrenes Motorrad in dieser Zukunft eigentlich noch zeitgemäß sein wird. Hat ein Spaßfahrzeug noch eine Existenzberechtigung, wenn Fahren nur noch Transport ist?

BMW sagt ja! Und träumt das Nein!

Zumal das mit dem Spaß so eine Sache ist. Denn BMW geht in seinem Gedanken weiter und will das Gefährt so sicher machen, dass ein Helm und die heute übliche Schutzkleidung überflüssig werden. Klingt gut, oder? Naja! Wenn das man dann noch fahren ist, wie wir es heute kennen und schätzen.

Totale Vernetzung soll dafür sorgen, dass das Motorrad der Zukunft um Gefahren weiß, die auf dem Weg liegen. Dazu kann es sich mit anderen Verkehrsteilnehmern abstimmen und damit Kollisionen verhindern. Das ist, wie Mike Frison in seinem Blog richtig schreibt, ein interessanter Ansatz. Denn der Mix aus autonomen und individuellem Verkehr ist eine Herausforderung.

Vison Next 100
Bietet die Vison Next 100 noch Freunde am Fahren?

Allerdings nur, wenn es denn noch individuelles Fahren gibt. Bestandteil des Zukunftsbilds der „Vison Next 100“ sind auch ein spezieller Fahreranzug sowie eine Visor genannte Datenbrille. Der Fahreranzug kann die Körpertemperatur des Fahrers regulieren und soll den Fahrer sogar aktiv stützen und entlasten. Wie? unwichtig – Hauptsache der Anzug sieht gut aus.

Die Datenbrille ist interessant, ist sie doch die Haupt-Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Wie in einem Computerspiel kann der Motorradfahrer der Zukunft beim Anfahren einer Kurve in der Brille sehen, wo die ideale Linie ist. Oder bekommt angezeigt, welche Schräglage die nächste Kurve verträgt.

„Vison Next 100“ ist Placebo

Und genau da zeigt sich, dass das Motorrad der Zukunft ein Placebo ist. Denn hält sich der Fahrer nicht an die Vorgaben, dann greift das Motorrad ein und verhindert Schlimmeres. Schließlich ist das Gefährt selbst ausrichtend. Insofern ist das, was BMW „The Great Escape“ nennt, am Ende mehr Kinderkarussell als Motorrad.

In meinem Augen ist das so lächerlich, dass ich unweigerlich bei Helmut Schmidt lande. „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen“, antwortete Schmidt in seiner bekannt schnodderigen Art einmal auf die Frage eines Journalisten. Damit schuf der Politiker – im wahrsten Sinne im Vorübergehen – ein Zitat, das auch perfekt zur „Vison Next 100“ paßt.

1 Kommentar

  1. Stimmt schon, das ist dann kein Motorrad-Fahren mehr. Aber irgendwie ist es das ja heute auch schon nicht mehr, wenn ich die ganzen Zahnärzte, Versicherungsvertreter und andere Besserverdiener sehe, die am Wochendende oder nach Feierabend den harten Rocker spielen.

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