Die Bessersituieren mit mehr oder minder aktiven Sponti-Erinnerungen greifen seit Jahrzehnten gerne zu einem Fahrzeug der Marke Saab. Doch offensichtlich ist dieser Kundenkreis begrenzt. Vor einigen Wochen meldete die „Saab Automobile AB“ Insolvenz an. Für AutoNatives.de ist das ein Anlass, um sich einmal mit der Geschichte und den Fahrzeugen der Firma aus dem westschwedischen Trollhättan zu beschäftigen.

In den 40er-Jahre kam der Auto-Import in Schweden fast vollständig zum Erliegen. Obwohl Schweden nicht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte, spürte das Land die Auswirkungen des Krieges. Volvo, der damals einzige schwedische Autohersteller, produzierte nur Fahrzeuge der gehobenen Mittelklasse. Daher entschloss sich die 1937 gegründete Flugzeugfabrik „Svenska Aeroplan Aktiebolaget“ – woraus „Saab“ als Akronym abgeleitet wurde – Autos zu produzieren.

Der „Ursaab“

Unter Leitung des Ingenieurs Gunnar Ljungström bildete man ein 20-köpfiges Entwicklungsteam. Nur zwei Mitglieder dieses Teams hatten einen Führerschein, niemand im Team hatte Erfahrungen mit der Entwicklung oder Herstellung von Autos. Also orientierte sich an den Wettbewerbern – hauptsächlich an DKW, da die Marke aus Zschopau vor dem Krieg einen der beliebtesten Importwagen Schwedens lieferte. Sowohl der für DKW typische Frontantrieb als auch die Zweitaktmotoren hatte sich im oft harten schwedischen Winter außerordentlich bewährt. Der erste Prototyp mit der Bezeichnung Saab 92001, der sogenannten „Ursaab“, wurde zum Testen zunächst sogar mit einem 18 PS DKW-Motor ausgerüstet. Insgesamt wurden mit dem Entwicklungsträger mehr als 530.000 Testkilometer zurückgelegt – aus Gründen der Geheimhaltung überwiegend Nachts oder Frühmorgens auf abgelegenen Waldwegen. Die Gestaltung des Wagens verantworte Designer Sixten Sason, der auch die legendäre Hasselbladkamera gestaltet hatte. Sason, der eigentlich Karl-Erik Sixten Andersson hieß, war bereits seit 1939 bei Saab als Chef der Zeichnerabteilung angestellt.

Zwei Jahre nach der Vorstellung des Prototypen nahm Saab die Serienproduktion auf. Der Saab 92 wurde nun mit einem selbstentwickelten wassergekühlten Zweizylinder-Zweitaktmotor (Thermosyphon-Kühlung ohne Umwälzpumpe) angeboten. Mit 764 cm³ mobilisierte der quer eingebaute Motor 18,4 kW (25 PS) bei 3800/min, die über ein teilsynchronisiertes Dreiganggetriebe die Vorderräder antrieben. Der Wagen hatte eine Zahnstangenlenkung und eine Lenkradschaltung. In der selbsttragenden zweitürigen Karosserie gab es vier Sitze und einen nur von innen zugänglichen Kofferraum im Heck – ein Konzept, das in diesen Tagen beim Tata Nano eine späte Wiederauferstehung feiert.

Die Erfindung des Crash-Tests

Da im Schweden der 40er-Jahre etwa jeder sechste Autounfall durch einen Elch verursacht wurde, legte man bei der Entwicklung des Saab 92 Wert auf eine besonders stabile Fahrgastzelle. Um die Stabilität der Konstruktion zu testen, entwickelte man einen besonderen Crashtest. Die Entwicklungsmuster wurden einfach kopfüber aufgehängt und aus mehreren Metern auf den Boden fallen gelassen. Die Erkenntnisse, die mit diesem rustikalen Verfahren gewonnen wurden, sollten den ersten Saab schließlich zum sichersten Auto seiner Zeit machen.

Nach einem Facelift, das 1952 einen von außen zugänglichen Kofferraum und ein größeres Heckfenster mit sich brachte, wurde der Saab 92 erstmals auch in geringen Stückzahlen ins Ausland verkauft. Außerdem engagierte sich Saab zunehmend im Motorsport. Greta Molander gewann im selben Jahr mit einem auf 35 PS getunten Saab 92 die Damenwertung der Rallye Monte Carlo. 1955 siegte Erik Carlsson, der später Schwager des Formel-1-Fahrers Stirling Moss werden sollte, mit einem Saab 92B bei der Schweden-Rallye. Im selben Jahr erschien das geringfügig modifizierte Nachfolgemodell Saab 93. Für dieses hatten die Schweden in Zusammenarbeit mit der deutschen Firma Heinkel einen 33 PS starken 3-Zylinder-Zweitaktmotor mit 748 cm³ Hubraum entwickelt. Zudem wurde das Fahrwerk umfangreich überarbeitet. Die Drehstäbe und Schwingenachsen des ursprünglichen Modells wurden durch Schraubenfedern und doppelte Dreieckslenker vorn sowie eine Starrachse hinten ersetzt.

Saab Sonett Super Sport (Foto: Martin Bergstrand)
Saab Sonett Super Sport von 1956 (Foto: Martin Bergstrand)

Ein Jahr später stellte Saab auf dem Stockholmer Automobilsalon den Saab Sonett vor. Die Karosserie dieses schließlich nur sechs mal hergestellten Sportwagens bestand aus genieteten Aluminiumplatten. Der bekannte 3-Zylinder-Zweitaktmotor wurde für den Einsatz im Sonett auf 57,5 PS gesteigert. So erreichte der knapp 500 kg leichte Schwede eine Höchstgeschwindigkeit von rund 160 km/h.

Rallye Monte Carlo und viele, viele Innovationen

1960 stellte Saab dann den Saab 96 vor, der schließlich 20 Jahre angeboten werden sollte, auch wenn der Saab 96 im Prinzip „nur“eine geringfügig modifizierte Weiterentwicklung des Saab 93 war. Ab 1962 konnte der Saab 96 als GT bestellt werden. Dessen 52 PS beschleunigten das Fahrzeug auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 150 km/h, Scheibenbremsen an den Vorderrädern sorgten zudem für eine bessere Verzögerung. Erik Carlsson trieb den Saab 96 GT 1962 und 1963 zum Gesamtsieg bei der Rallye Monte Carlo. Bis 1966 setzte Saab weiter auf den bekannten Zweitaktmotor, dessen Hubraum inzwischen auf 841 cm³ erweitert worden war. Dann ersetzte man den Zweitakter durch einen V4-Viertakt-Motor von Ford und sprengte mit 1498 cm³ erstmals unser Hubraumlimit.

 

Zündschloss im Saab 900 (MK II)
Zündschloss im Saab 900 (Foto: Björn Oste)

Bereits 1964 bot man serienmäßig eine diagonal geteilte Zweikreisbremsanlage an. Ab 1968 trugen alle Fahrzeuge von Saab aus Sicherheitsgründen ihr Zündschloss auf der Mittelkonsole. Dies ermöglichte zudem einen besonderen Diebstahlschutz. Das Getriebe wird nämlich beim Abziehen des Schlüssels mit einem Stahlbolzen gesperrt. 1970 bot Saab als erster Autohersteller eine Scheinwerfer-Wisch-Anlage an. Ein Jahr später folgten beheizbare Vordersitze. 1977 stellte Saab im Saab 99 den ersten wirklich serienreifen Turbolader in einem PKW vor. 1979 stellte Saab dann mit dem Saab 900 sein sein wohl bekanntestes Modell vor.

 

General Motors übernimmt die Regie

Doch für einen nachhaltigen wirtschaftlicher Erfolg sorgte keines dieser Fahrzeuge. Bereits Ende der 80er-Jahre ging die schwedische Firma daher eine enge Kooperation mit dem US-Konzern General Motors ein. Bis zum Jahr 2000 übernahm General Motors die Automobilsparte der „Svenska Aeroplan Aktiebolaget“dann zu 100 Prozent. Die angebotenen Modelle verloren zunehmend ihre technische Eigenständigkeit. Zur Konstruktion wurde verstärkt auf Teile von General Motors zurückgegriffen. Kritiker sprechen davon, dass die Marke Saab von General Motors zu Tode angepasst wurde. Kein Wunder, dass der Absatz kontinuierlich schrumpfte. 2008 verkauften die 4000 Beschäftigten nur noch rund 93.000 Fahrzeuge. Im Februar 2009 meldete Saab, nachdem der schwedische Staat eine Staatshilfe verweigert hatte, Insolvenz an. Auch wenn die Unternehmensleitung davon spricht, dass es sieben bis acht seriöse Kaufinteressenten für Saab gebe, erwarten viele Schweden in diesen Tagen das endgültige Aus für die (ehemalige) Kultmarke.

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