In Frankfurt läuft zurzeit die IAA. Überall auf der Welt gehören zu Auto-Messen Studien und Konzeptfahrzeuge. Mit ihnen stellen die Autobauer ihre Idee von der Zukunft in die Auslage. Mit dem Holden Hurricane RD 001 präsentierte vor 50 Jahren die australische GM-Tochter Holden ihr erstes Konzeptfahrzeug.

Holden gehört seit 1931 zu General Motors. Doch außerhalb Ozeaniens ist Holden praktisch unbekannt. Obwohl Holden in Australien traditionell eine große Nummer ist, kam das Exportgeschäft nie über kleine Stückzahlen hinaus. In den Anfangsjahren lieferte GM Fahrgestelle und Motoren nach Down Under. Holden, ein ehemaliger Karosseriebauer, bestückte diese Fahrgestelle mit eigenen Karosserien.

Erst 1948 stieg die Marke mit dem Holden 48-215 zum „richtigen“ Autobauer auf. Die australische Regierung unterstützte das Projekt mit viel Geld. Dahinter stand die Hoffnung, mit dem Export von Autos Geld zu verdienen und Arbeitsplätze zu schaffen. Doch es ist ambitioniert, ein Auto aus dem Nichts zu entwickeln. Die Überlegungen den Opel Kapitän in Australien zu bauen, gab der amerikanische Autobauer schnell wieder auf. Der Kapitän war zu groß für den Markt in Australien.

Australia’s Own Car war ein Ami!

Stattdessen stellte Amerikas Auto-Riese seiner australischen Tochter die Pläne eines bisher nicht realisierten kleineren Fahrzeugs mit Sechszylinder-Reihenmotor zur Verfügung. Bereits während des Zweiten Weltkriegs plante GM unter der Baunummer 195-Y-15 den Bau eines „Billig-Chevy“. Doch das Projekt kam über den Bau eines Prototypen nicht hinaus. Nach dem Kriegsende wurde aus dem GM-Projekt 195-Y-15 „Australia’s Own Car“.

Holden Hurricane Concept von 1969
Holden Hurricane Concept von 1969 nach der Restauration 2011

Der Holden war sofort erfolgreich. Zudem verfügte Holden dank der Vorarbeit in den USA über einen eigenen Motor. Der „Holden Grey“ trieb in den kommenden Jahren zahlreiche Fahrzeuge an, die die Entwickler in Australien vom Erstlingswerk ableiteten. Erst 1963 ersetzte Holden den Grey durch eine Red getaufte Neukonstruktion. Denn die Kunden in Australien liebten große Motoren. Der Grey ließ sich nicht auf mehr als drei Liter Hubraum erweitern.

Mit dem Holden Hurricane präsentierte Holden einen eigenen V8!

Als Ford, der größte Wettbewerber von Holden in Australien, auch V8-Motoren anbot, zog Holden nach. Ab 1968 bot Holden zunächst einen V8 von Chevrolet an. Zudem begannen die Techniker bei Holden mit der Konstruktion eines eigenen V8-Motors. Dieser Motor feierte 1969 mit dem Holden Hurricane RD 001 auf der Melbourne Motor Show seine Premiere. Das Kürzel „RD 001“ sollte unterstreichen, dass der Hurricane die erste Studie der GM-Tochter Holden war.

Holden Hurricane RD 001 Concept auf der Melbourne Motor Show 1969
Holden Hurricane RD 001 Concept auf der Melbourne Motor Show 1969

Bei der Gestaltung der Studie waren die Designer trotzdem auf der Höhe der Zeit. Seit Premiere des Maserati Ghibli galt die „Keilform“ als der letzte Schrei der Automode. Ihre klaren Linien waren eine deutliche Abkehr von den ausladenden Wölbungen der zuvor verbreiteten eher schwülstigen Pontonkarosserien. Weltweit befeuerten die Autobauer diesen Trend mit Studien und Serienmodellen.

Pininfarina und Bertone trieben die Keilform mit den Studien Ferrari 512 S Modulo und Lancia Stratos 0 auf die Spitze. In Japan stellte Toyo Kogyo den Mazda RX-500 in die Auslage. Viele dieser Studien brannten sich fest ins Gedächtnis der Auto-Fans ein. Dem bereits 1969 in Australien präsentierten Holden Hurricane gelang das nicht. Dabei glänzte die Studie des australischen Autobauers durchaus mit einigen Finessen.

Der Holden Hurricane ist offensichtlich aus einer anderen Welt!

Denn der Hurricane besticht nicht nur mit einer aufregenden Glasfaser-Karosserie. Dem nur 99 Zentimeter hohen Sportwagen fehlen klassische Türen. Stattdessen lässt sich die einteilige Haube über dem Cockpit öffnen. Sie schwenkt zunächst nach oben, fährt dann etwas nach vorne und gibt dann den Zutritt zum Innenraum frei. Gleichzeitig heben sich die Sitze etwas an, um den Einstieg zu erleichtern.

Der geöffnete Holden Hurricane Concept von 1969
Der geöffnete Holden Hurricane Concept von 1969

Nach dem Einsteigen senken sich die Sitze wieder in eine halb geneigte Position ab. Erst anschließend schließt sich das Dach über dem Innenraum. Wegen dieser Sitzposition verpasste Holden den Sitzen den Namen „Astronaut“. Diese Namensgebung zeigt, wie sehr der Wettlauf zum Mond Menschen in aller Welt Ende der 1960er-Jahre beeinflusste. Um die Aufmerksamkeit zu maximieren, lackierte Holden die Karosserie in einem auffälligen Orange-Metallic.

Unter der Motorhaube des Hurricane sitzt ein 4,2-Liter großer V8-Motor (253 Kubikzoll). Der Motor verfügt dank eines großzügigen Vergasers über eine Leistung von rund 260 PS. Damit hielt der Antrieb mit dem sportlichen Aussehen der Studie mit. Der Motor war der Vorbote eines ab Ende 1969 auch in den Serienmodellen angebotenen eigenen V8-Motors von Holden. Damit endete das Angebot des GM-Small-Block-V8 aus den USA in Australien nach kurzer Zeit.

Die Studie glänzte auch mit inneren Werten!

Auch im Innenraum ließen die Designer und Techniker von Holden ihre Fantasie spielen. Ihrer Zeit voraus war die Rückfahrkamera. Sie saß im hinteren Stoßfänger und übertrug ihr Bild auf einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher in der Mittelkonsole. Für die Sicherheit der Studie sorgten ein mit Schaumstoff ausgekleideter Kraftstofftank sowie ein Feuerwarnsystem. Auch ein Überrollbügel gehörte zum Sicherheitskonzept der Studie.

Die Restauration des Holden Hurricane Concept von 1969
Von 2006 bis 2011 restaurierte Holden den Holden Hurricane Concept von 1969 vollständig

Am weitesten seiner Zeit voraus war jedoch das Navigationssystem „Pathfinder“. Da es vor 50 Jahren noch keine Navigationssatelliten gab, konzipierte der Autobauer gleich das passende Ortungssystem mit. Es sah das Einlassen von codierten Magnetstreifen in die Straße vor. Mit ihnen sollte das Auto Kreuzungen, um über auf dem Armaturenbrett montierte leuchtende Pfeile den Weg anzuzeigen.

Mit dem Hurricane RD 001 bewies Holden eine erstaunliche Weitsicht. Nach dem erfolgreichen Debüt etablierte sich die Designabteilung der Australier im GM-Konzern. In den kommenden Jahren entstanden einige interessante GM-Studien auf dem fünften Kontinent. Einige Zeit war Holden-Design einer von nur drei GM-Standorten überhaupt, die fahrfähige Studien entwickeln und bauen durften.

Im Alltag kam europäische Technik zum Einsatz!

Die Studien waren ein bemerkenswerter Gegensatz zur Produktrealität der Marke Holden. Denn tatsächlich basierten fast alle Holden auf Fahrzeugen aus dem weiten Reich von General Motors. Wobei immer wieder auch Technik aus Rüsselsheim zum Einsatz kam. Schon der Holden HD Standard von 1965 war eng mit dem Opel Rekord A aus Rüsselsheim verwandt. Der kleinere Holden Torana basierte zwei Jahre später auf dem britischen Vauxhall Viva.

Heckansicht des Holden Hurricane Concept von 1969
Heckansicht des Holden Hurricane Concept von 1969

Diese Arbeitsteilung behielt General Motors in den kommenden Jahrzehnten bei. Die US-Mutter stellte die Grundlage. Die Techniker in Australien passten die Basis für den Bedarf auf ihrem Heimatmarkt an. Wozu in der Regel die Nutzung der eigenen Motoren gehörte. Der Holden Gemini basierte ab 1975 auf der zwei Jahre zuvor mit dem Opel Kadett C eingeführten GM-T Plattform. Womit das erste Weltauto bei GM entstand.

1978 folgte der Holden Commodore VB, der als Ableger des deutschen Opel Commodore C startete. Zum Aussie-Touch des Holden Commodore gehörte auch der V8-Motor aus der Studie Holden Hurricane. Ab 1984 vertraute Holden auf die Basis des Senator A, dessen Karosserie Holden jedoch leicht überarbeitete. Wie schon der Vorgänger dominierte auch der zweite Commodore mit seinem V8-Motor den Markt in Australien.

2017 ließ General Motors den Bau von Autos in Australien auslaufen. Die Geschichte des Holden-Designstudios endete schon ein paar Jahre zuvor. Die heute als Holden verkauften Fahrzeuge entstehen in Südkorea, in Japan oder bei Opel in Rüsselsheim. An Studien wie den Holden Hurricane denkt heute auch in Australien wohl kaum noch jemand.

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