Auf den ersten Blick wirkt der SMS S3D wie ein japanisches Kei-Car. Doch der Eindruck täuscht, tatsächlich handelt es sich bei diesem Kleinstwagen um einen sowjetischen Krankenfahrstuhl. Denn in der Sowjetunion (UdSSR) gab es nach dem Zweiten Weltkrieg viele Kriegsversehrte. Um sie zu mobilisieren, entstanden spezielle Fahrzeuge. Ab 1970 stellte der Hersteller Serpuchowski Motocikletny Sawod im Rahmen dieses Programms den SMS S3D her.

Das Kombinat Serpuchowski Motocikletny Sawod (russisch: Серпуховский Мотозавод, Serpukhovskiy Motozavod) startete 1939 als Motorradhersteller. Nach dem Zweiten Weltkrieg übertrug der Staat dem in Serpuchow, etwa 90 Kilometer südlich von Moskau angesiedelten Unternehmen den Bau von „Motorrollstühlen“. Ab 1952 stellte SMS hauptsächlich ein motorisiertes Dreirad her, das es von Anfang an nur über Zuteilungen aus dem Sozialsystem der Sowjetunion gab.

Sechs Jahre später entwickelte SMS das Dreirad zu einem Auto mit vier Rädern weiter. Der Kleinstwagen bot Platz für zwei Personen und etwas Gepäck. Die offene Standardausführung verfügte über ein Verdeck aus Segeltuch. Ein festes Dach gab es nur als Extra. Bei der Formgebung orientierte sich die SMS S3A getaufte Konstruktion an den Autos der 1930er-Jahre. Wie schon den Vorgänger verteilten Wohlfahrtsorganisationen die Fahrzeuge ausschließlich an körperlich eingeschränkte Menschen.

Wobei das Vertriebsmodell in der Sowjetunion an die heutige Leasing-Praxis erinnerte. Denn offiziell mieteten die „Käufer“ ihr Fahrzeug für fünf Jahre bei einer staatlich registrierten Hilfsorganisation. Nach zweieinhalb Jahren überholte der Staat die von den Nutzern gemieteten Fahrzeuge kostenfrei. Am Ende der Laufzeit gaben die Nutzer das Fahrzeug an den „Vermieter“ zurück. Im Optimalfall erhielten sie dann ein neues Fahrzeug. Einen klassischen Verkauf sah das System nicht vor.

1970 stellt SMS den SMS S-3D vor

1970 modernisierte Serpuchowski Motocikletny Sawod seine Konstruktion umfassend. Es entstand der SMS S-3D. Wie sein barocker Vorgänger verfügt auch das 2,60 Meter lange neue Gefährt nur über zwei Sitzplätze. Als Fortschritt galt, dass die Karosserie jetzt nur noch geschlossen vom Band lief. Den Antrieb der rund 500 Kilogramm schweren Konstruktion übernahm ein im Heck verbauter luftgekühlter Zweitaktmotor. Dessen Leistung von 18 PS floss wie bei den Vorgängern über die Hinterräder auf die Straße.

Am Vertriebsmodell änderte sich nichts. Auch der SMS S-3D war nur über Hilfsorganisationen verfügbar. Weshalb sich im Volksmund der Spitzname „Motorrollstuhl“ (russisch: инвалидка, invalidka) einbürgerte. Selbst nach der Auflösung der UdSSR übernahmen die Mieter ihren SMS S-3D nur im Ausnahmefall dauerhaft. Die Mehrzahl der Kleinstwagen landete nach der Rückgabe auf dem Schrottplatz, weshalb die Fahrzeuge heute gesuchte Sammlerstücke sind.

In den 27 Jahren, die der SMS S-3D vom Band lief, entstanden rund 230.000 Exemplare. Selbst 1989, als der Zerfall des Ostblocks das Ende der UdSSR einleitete, baute SMS noch mehr 10.000 Exemplare. Doch der Markt veränderte sich. Die Kriegsversehrten starben langsam aus. Zudem boten inzwischen auch Lada und Saporoshez offiziell Umbauten für körperlich eingeschränkte Autofahrer an.

Hersteller SMS versuchte sich ab 1990 als „richtiger“ Autobauer. Unter den neuen Namen Serpuchowski Awtomobilny Sawod (SeAS) fertigte das Unternehmen für AwtoWAS (Lada) den Kleinwagen Oka. Der S-3D lief immerhin sieben Jahre parallel vom Band.

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