1980 drehte Marc Surer mit einem ATS D4 einige Runden in der Kieler Innenstadt. Der Schweizer und sein Formel-1-Bolide waren Stargast bei einem Auto-Korso. Diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen. Denn endlich bot sich mir die Chance, einen Formel-1-Rennwagen live zu bestaunen.

Treue Leser wissen, ich bin Kieler. Die Stadt an der Ostsee gilt als Mekka des Segelns. Die Kieler Woche ist nicht nur Volksfest, sondern auch der wichtigste Segel-Wettbewerb der Welt. Mit dem THW Kiel ist im hohen Norden die erfolgreiche deutsche Handball-Mannschaft zu Hause. Und Holstein Kiel war schon in den Gründungstagen des Fußballs eine nationale Größe. Doch Kiel hat auch eine veritable Motorsport-Vergangenheit.

In Kiel gab es Auto- und Motorrad-Rennen

Einmal im Jahr drehten früher Stahlschuh-Artisten auf der Grasbahn im Herzen der Stadt ihre Runden. Besonders Lokalmatador Egon Müller, der bis heute einzige deutsche Speedway-Weltmeister, lockte das Publikum in Scharen an das „Nordmarksportfeld“. Von 1949 bis 1952 war mit dem „Kieler Hafenkurs“ ein Auto-Rennen Bestandteil der Kieler Woche. Neben Sportwagen drehten hier Formel-3-Boliden ihre Runden auf einer vier Kilometer langen Rundstrecke im Norden der Innenstadt. Wie in Monte Carlo fuhren die Rennwagen teilweise direkt am Meer.

Formel 3 Rennwagen 1958 auf der Grasbahn in Kiel. Bei diesem Rennen fuhr Kurt Ahrens sein erstes Auto-Rennen. Foto: Friedrich Magnussen (1914-1987), CC BY-SA 3.0 DE, Stadtarchiv Kiel

Bei der 1972 in Kiel gestarteten Olympia-Rallye fuhr sich der spätere Rallye-Weltmeister Walter Röhrl ins Bewusstsein der Rallye-Szene. Doch das war alles vor meiner Zeit. Ich weiß nur aus der Überlieferung, dass Sportwagen-Ass Kurt Ahrens – der vor ein paar Tagen 80 Jahre alt wurde – in Kiel sein erstes Auto-Rennen fuhr. An den Start der Olympia-Rallye kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Ich war damals noch ein Kleinkind. Als Schüler konnte ich immerhin noch ein paar Mal die Grasbahn-Rennen auf dem „Norder“ bestaunen, wo bei meinen ersten Besuchen sogar noch Autos ihre Runden drehten.

Hans-Joachim Stuck kommt – da musste ich hin!

Kurzum, Kiel war Anfang der 1980er-Jahre eher eine Diaspora des Motorsports. Ich kommentierte das, indem ich mich damals stundenlang in alle Auto- und Motorsport-Zeitschriften, die ich in die Finger bekam, vertiefte. So verfolgte ich die Rennen der Formel-1- und Sportwagen-WM, der DRM und der ETCC, kenne daher noch heute bei meinen Moderationen im historischen Motorsport viele Namen von Autos und Fahrern auswendig, die damals irgendwo rannten. Entsprechend begeistert reagierte ich, als 1980 plötzlich Plakate einen Auto-Korso in der Kieler Innenstadt bewarben.

ATS D4, 1980 in Kiel
Der ATS D4 war auf dem Rathausplatz dicht umlagert.

Denn als Star-Gäste kündigten sie Hans-Joachim Stuck und einen Formel-1-Rennwagen von ATS an. Mir war klar, da muss ich hin! Selbstverständlich war ich am Tag der Tage in der Innenstadt. Dort erlebte mein jugendliches Ich zunächst eine Enttäuschung. Denn von Hans-Joachim Stuck fehlte jede Spur. Dafür stand auf dem Rathausmarkt mit dem ATS D4 tatsächlich ein waschechter Formel-1-Bolide. Immerhin dieses Versprechen hatten die Veranstalter gehalten!

Der ATS glich meine Enttäuschung aus!

Denn vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, mit Hans-Joachim Stuck über mein Jugend-Erlebnis zu sprechen. Der Bayer konnte sich beim besten Willen nicht an eine Event-Buchung aus Kiel erinnern. Auch der angekündigte gemeinsame Auftritt mit ATS verwunderte uns beide. Denn die Zusammenarbeit des Bayern mit ATS endete nach der Saison 1979 nicht völlig geräuschlos. Insofern ist es eigentlich unwahrscheinlich, dass der Bayer seinem ehemaligen Team für ein paar Demo-Runden in der Provinz zusagte.

Der ATS galt damals als „Deutschlands“ schnellstes Auto. Wobei das mit dem deutschen Auto immer so eine Sache war. Felgenhersteller Günter Schmid betrieb bereits 1976 mit mäßigem Erfolg ein Formel-2-Team. Ein Jahr später übernahm Schmid die Reste des Formel-1-Teams von Roger Penske. Etwas später erwarb Schmid zusätzlich weiteres Material sowie die FOCA-Lizenz von March. Auch wenn offiziell immer Bad Dürkheim als Teamsitz galt, war das Team eher ein britisches Formel-1-Team.

Endlich warfen die Mechaniker den Motor an …

Ich lauschte ehrfürchtig dem Sound des Cosworth DFV – für mich waren das paradiesische Klänge. Die Mechaniker, die den Rennwagen in Kiel betreuten, sprachen übrigens ausschließlich Englisch. Damit war der ATS für mich endgültig der Bote aus einer fremden Welt. Zu dem Auto-Korso gehörten ansonsten übrigens überwiegend ein paar BMW M1 und Corvette C3 mit Hamburger Kennzeichen. Heute würde ich ja sagen, dass das typische Ludenschleudern waren. Doch für diese Autos hatte ich sowieso keine Augen. Mich fesselte der ATS D4!

Marc Surer unterwegs im ATS D4 in der Kieler Innenstadt
Marc Surer unterwegs im ATS D4 in der Kieler Innenstadt

Ich wusste, dass der D4 damals das ganz neue Geschoss des Teams war. Bei der Konstruktion stand der Williams FW07 Pate. Dieser Williams dachte 1979 die Idee Wing-car konsequent weiter, die Lotus ein Jahr zuvor in der Königsklasse des Motorsports etablierte. Damit gewann das zuvor chronisch erfolglose Williams Team 1979 plötzlich fünf Grand Prix. Kein Wunder, dass sich ein Jahr später das halbe Feld an diesem Rennwagen orientierte, wenn es seine eigenen Fahrzeuge auf die Räder stellte.

… Marc Surer prügelte den ATS durch Kiel!

Bald betrat Marc Surer die Szene, gab ein paar Autogramme und stieg ins Cockpit. Kurze Zeit später setzte sich der Bolide in Bewegung. Nach einem Wendemanöver, bei dem die Mechaniker halfen, bog der Rennwagen auf die Rathausstraße ein, um über den Martensdamm, den Lorentzendamm und die Fleethörn seine Runden zu drehen. Die anderen Teilnehmer, die davor unterwegs waren, verlängerten ihre Runden noch etwas. Sie fuhren auch über den Jesendamm und die damals noch vorhandene Straße im Ratsdienergarten.

Trotzdem war mir sofort klar, welche tolle Rennstrecke diese Straßen ergeben. Warum sah das außer mir nur niemand? Warum gab es hier kein echtes Rennen? Ich ignorierte geflissentlich, dass die Straßen so schlecht waren, dass der Formel-1-Bolide gar nicht die ganze Runde fahren konnte. Und selbst auf der restlichen Strecke musste Marc Surer vermutlich leiden. Denn die Strecke führte teilweise über Kopfsteinpflaster. Weshalb das Team den Boliden mit Regenreifen losschickte und der Pilot seinem Motor sicher nirgendwo die 480 PS Leistung abverlangte.

Doch mir war das egal, ich sah einen Formel-1-Rennwagen fahren!

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