Rennsport-Geschichten

Happy Birthday: 70 Jahre Formel 1-WM

Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Grand-Prix-Europameisterschaft die Königsklasse des Motorsports. 1950 schrieb die Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) erstmals eine Automobil-Weltmeisterschaft aus. Heute feiern wir 70 Jahre Formel 1-WM, denn vor genau 70 Jahren fand das erste Rennen der Formel 1-WM statt.

70 Jahre Formel 1-WM: Nino Farina im Alfa Romeo 158
13. Mai 1950, Silverstone: Nino Farina im Alfa Romeo 158 beim Großen Preis von Europa

Am Samstag, dem 13. Mai 1950 war es endlich soweit. Mit dem Großen Preis von Europa im britischen Silverstone stritten fortan auch Autofahrer um die Krone des Weltmeisters. Weshalb wir heute 70 Jahre Formel 1-WM feiern können. Nach dem Auftaktrennen sowie sechs weiteren Läufen sollte endlich der Beste der Besten feststehen und fortan den Titel eines Weltmeisters tragen. Der Automobilsport folgte damit den Motorrad-Fahrern, die bereits 1949 erstmals ihre Weltmeister kürten.

Schon 1946 rollen die Räder wieder

Doch trotz des „Weltmeisterschaft“ stand die neue Formel 1-WM im Prinzip in Nachfolge der von 1931 bis 1939 ausgefahrenen Grand-Prix-Europameisterschaft. Ihre Rennen faszinierten besonders in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre das Publikum. Sie lockte die Zuschauer in Scharen an die Strecke oder vor die Radiogeräte. Der Wettkampf der Auto Union mit Mercedes-Benz und Alfa Romeo führte auf der Strecke zu einer zuvor unvorstellbaren Leistungsexplosion. Der Zweite Weltkrieg stoppte 1939 das Renngeschehen.

Doch als die Waffen sechs Jahre später schwiegen, warteten die Rennfahrer nicht lange, um ihre Motoren wieder zu starten. Bereits am 9. September 1945 fand auf dem „Circuit Bois de Boulogne“ im Westen von Paris der erste Grand Prix der Nachkriegszeit statt. Das Rennen gewann Jean-Pierre Wimille mit einem 1939er Bugatti. Schon 1946 schmückten sich satte 21 Rennen mit dem Attribut „Großer Preis“. Zum Einsatz kamen sowohl Autos der seit 1938 gültigen Internationalen Grand-Prix-Rennformel (3 Liter mit Kompressor oder 4,5 Liter Hubraum mit Saugmotoren) als auch der kleineren Voiturette-Klasse.

Der Welt-Automobilverband Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus (AIACR) verlängerten deren Regeln zunächst bis zum Ende des Jahres. Mit dem Großen Preis von Belgien gehörte zu den Rennen auch eine Veranstaltung, die bis heute ihren festen Platz in Motorsport-Kalender hat. Wobei das Rennen damals auf dem „Circuit de Bois de la Cambre“ in einer Parkanlage am südlichen Stadtrand von Brüssel stattfand. An seine traditionellen Heimat Spa-Francorchamps kehrte das Rennen erst ein Jahr später zurück.

1947 definierte Automobilweltverband neue Regeln

Ab 1947 beschränkte der Automobilweltverband den Hubraum der Kompressorfahrzeuge auf maximal 1,5 Liter Hubraum. Die Sauger durfte ihre Kraft weiter aus einem Hubraum von bis zu 4,5 Litern schöpfen. Die Renndistanz eines Grand Prix musste fortan bei mindestens 300 Kilometern oder mindestens drei Stunden Renndauer liegen. Zudem hatte der jeweilige Veranstalter die Kraftstoffversorgung der Teilnehmer mit vier unterschiedlichen Treibstoffen sicherzustellen. Diese Regel erklärt sich wohl aus der besonderen Situation der Nachkriegszeit.

Gleichzeitig fasste der Automobilweltverband, der sich inzwischen Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) statt AIACR nannte, erstmals wieder vier Rennen zur „Grandes Épreuves“ zusammen. Mit dieser Auszeichnung hob die Sportkommission der FIA, die Commission Sportive Internationale (CSI) die Rennen in der Schweiz sowie in Belgien, Italien und Frankreich über die anderen Rennen. Doch anders als vor dem Krieg gab es noch keine Meisterschaft. Daran änderte sich auch 1948 noch nichts, als erstmals der Große Preis von Monaco (neben den Rennen in der Schweiz sowie in Frankreich und Italien) zu den „Grandes Épreuves“ zählte.

Motorsport war in diesen Jahren ein lockerer Zeitvertrieb für die, die ihre Autos über den Krieg retten konnten und nach dem Waffengang noch über das notwendige Kleingeld verfügten. Die Mehrzahl der Piloten setzte beim Neustart eine Vorkriegskarriere fort. Nachwuchsfahrer gab es praktisch nicht. Denn der Nachwuchs konnte in den Jahren des Kriegs einfach nicht die notwendigen Rennerfahrungen sammeln, um jetzt direkt in die Königsklasse einzusteigen. Zudem finanzierten die Piloten damals ihre Einsätze in der Regel alleine.

Das erforderte ein solides Geldanlagen, die die Kriegszeit ohne Schaden überstanden. Zum Fahren griffen die Piloten der unmittelbaren Nachkriegszeit meist auf Fahrzeuge zurück, die sie bereits vor dem Krieg steuerten. Zum Gewinnen war ein Maserati oder ein Alfa Romeo notwendig. Nur vereinzelt gewannen auch Piloten mit einem Bugatti, Talbot oder ERA in diesen Jahren ein Rennen. Um die Konstrukteure endlich zum Bau neuer Fahrzeuge zu animieren, überarbeitete die FIA schon zur Saison 1949 erneut ihr Regelwerk.

1949 entstehen „Formula A“ und „Formula B“ – der Grundstein ist gelegt

Wie vor dem Krieg definierten die Regelhüter in Paris zur Saison 1949 zwei Fahrzeugklassen. Für die „Formula A“ genannte Spitzenklasse sahen sie weiterhin aufgeladene Motoren mit maximal 1,5 Litern Hubraum und Saugmotoren mit bis zu 4,5 Litern Hubraum vor. Bei den kleineren und günstigeren Fahrzeugen der „Formula B“ schrieben sie Saugmotoren bis zwei Liter Hubraum und aufgeladene Motoren mit maximal 750 Kubikzentimetern Hubraum vor.

Fangio mit dem Alfa Romeo 158
13. Mai 1950, Silverstone: Fangio mit dem Alfa Romeo 158 den Grand Prix von Europa (Foto: Alfa Romeo)

In beiden Fahrzeugklasse gab es zudem neue Mindestgewichte sowie die Vorschriften für die Durchführung der Rennen an. Doch auch wenn 1949 die fünf Rennen in Belgien, in Frankreich, in Großbritannien, in Italien und in der Schweiz zu den „Grandes Épreuves“ zählten, eine Meisterschaft schrieb der Automobil-Weltverband weiterhin nicht aus. Die Motorradfahrer waren da weniger zaghaft. Sie fuhren bereits 1949 in der Motorrad-Weltmeisterschaft um Siege, Punkte und Titel.

Indianapolis macht aus europäischen Rennen eine Weltmeisterschaft

Der Automobilweltverband zog ein Jahr später nach und schrieb 1950 die erste Fahrer-Weltmeisterschaft aus. Weshalb wir zwischen auf 70 Jahre Formel-1-WM zurückblicken können. Zum Auftakt der neuen Meisterschaft änderte die FIA zudem den Namen der Fahrzeugklasse. Aus der „Formula A“ wurde die „Formula 1“. Zur ersten Meisterschaft zählten sechs europäische Rennen sowie das Indianapolis 500, für das jedoch weiter die Regeln der American Automobile Association galten.

Trotzdem war die Integration des größten amerikanischen Rennens wichtig. Denn damit wurde aus der Meisterschaft – zumindest auf dem Papier – eine Weltmeisterschaft. Auch wenn 1950 kein europäischer Pilot bei den 500 Meilen von Indianapolis startete und die Amerikaner die Rennen in Europa mieden. Das erste Rennen der Formel 1-WM stieg am 13. Mai 1950 unter den Augen des britischen Königs Georg VI im britischen Silverstone. Um die traditionelle Sonntagsruhe der Briten nicht zu stören, trug die Automobil-WM ihr erstes Rennen übrigens an einem Samstag aus.

Den Sieg sicherte sich Giuseppe „Nino“ Farina, der sich zuvor auch den besten Startplatz sicherte, mit einem Alfa Romeo. Nach dem Erfolg in Großbritannien siegte der Doktor der Politischen Wissenschaft auch beim folgenden Rennen in der Schweiz. Vor dem WM-Finale in Monza lag Farina damit trotzdem nur auf dem dritten Platz der WM-Wertung. Denn Juan Manuel Fangio gewann in Monaco, Belgien und Frankreich und übernahm die WM-Führung.

Zwischen Fangio (26 Punkte) und Farina (22 Punkte) schob sich mit Luigi Fagioli (24 Punkte) noch ein Pilot ohne Saisonerfolg. Damit ging Fangio vor dem Finale auf der schnellen Rennstrecke in der Nähe von Mailand als Titelaspirant Nummer 1 ins Rennen. Der Argentinier bestätigt den Eindruck mit der schnellsten Runde im Training. Doch zu den Weisheiten des Motorsports gehört „to finish first, you have to finish first“. Denn Juan Manuel Fangio fiel in der 23. von 70 Rennrunden aus. Das Getriebe in seinem Alfa Romeo streikte.

70 Jahre Formel 1-WM – der erste Weltmeister hieß Giuseppe „Nino“ Farina!

Doch das Reglement erlaubte damals Fahrzeugwechsel. Um die Chance auf den Titel zu wahren, übernahm Fangio den Wagen seines Teamkollegen Piero Taruffi. Doch in diesem Auto streikte wenige Runden nach dem Fahrerwechsel der Motor. Gleichzeitig fuhr Doktor Farina an der Spitze des Feldes zu einem am Ende ungefährdeten Sieg. Damit war Nino Farina erster Automobilsport-Weltmeister. Da es beim Debüt noch keinen Titel für Konstrukteure gab, der folgte erst 1958, ging sein Arbeitgeber Alfa Romeo leer aus.

Colin Chapman (links) und Jochen Rindt 1969 in Zandvoort.
Colin Chapman (links) war Mister Lotus. 1969 verpflichtete Chapman mit Jochen Rindt den absoluten Superstar der Szene für sein Team. Rindt starb 1970 in Monza und fasziniert bis heute de Fans..Lotus fiel nach dem Tod von Chapman ins Hinterfeld zurück und verschwand irgendwann ganz.(Foto: Evers, Joost / Anefo / neg. stroken, 1945-1989, 2.24.01.05, item number 923-6045 – Creative Commons Lizenz)

Der Neffe des legendären Karosseriedesigners Battista „Pinin“ Farina ist bis heute der einzige Pilot, der sich seinen Titel bei einem Rennen in seinem Heimatland sicherte. Bereits beim Debüt vor 70 Jahren zeigte die Formel 1-WM eindrucksvoll was sie bis heute oft ausmacht. Für einen Titel benötigt ein Rennfahrer möglichst viele Siege. Wenn ein Sieg nicht möglich ist, dann hilft ins Ziel zu fahren und Punkte zu sammeln. Dieser Grundsatz veränderte sich über 70 Jahre Formel-1-WM und viele Regeländerungen nie.

Mit ihrer Wandlungsfähigkeit überlebte die Formel-1-Weltmeisterschaft bisher alle Krisen. Findige Techniker revolutionierten mit dem Mittelmotor, profillosen Reifen, dem Turbolader und besonders den Fortschritten bei der Aerodynamik und der Entdeckung des Ground Effekt mehrfach den Sport. Doch unsterblich machten die Formel 1-WM die Fahrer. Denn große Duelle wie zwischen Sir Stirling Moss und Mike Hawthorn, zwischen James Hunt und Niki Lauda oder zwischen Ayrton Senna und Alain Prost sorgen noch nach Jahrzehnten für strahlende Augen bei den Fans.


In diesem Sinne: Happy Birthday Formel 1! Hoffen wir, dass sich die Räder bald wieder drehen ...

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Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!

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