Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Grand-Prix-Europameisterschaft die Königsklasse des Motorsports. 1950 schrieb die Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) erstmals eine Automobil-Weltmeisterschaft aus. Heute vor 70 Jahren fand das erste Rennen der Formel-1-Weltmeisterschaft statt.

Am Samstag, dem 13. Mai war es endlich soweit. Mit dem Großen Preis von Europa im britischenSilverstone stritten fortan auch Autofahrer um die Krone des Weltmeisters. Weshalb wir heute 70 Jahre Formel-1-Weltmeisterschaft feiern können. Denn nach dem Auftaktrennen sowie sechs weiteren Läufen sollte endlich der Beste der Besten feststehen und fortan den Titel eines Weltmeisters tragen. Der Automobilsport folgte damit den Motorrad-Fahrern, die bereits 1949 erstmals ihre Weltmeister kürten. Doch trotz des „Weltmeisterschaft“ war die neue Rennserie im Prinzip die Nachfolgerin der von 1931 bis 1939 ausgefahrenen Grand-Prix-Europameisterschaft.

Schon 1946 rollen die Räder wieder

Ihre Rennen faszinierten besonders in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre das Publikum und lockte die Zuschauer in Scharen an die Strecke oder vor die Radiogeräte. Der Wettkampf der Auto Union mit Mercedes-Benz und Alfa Romeo führte auf der Strecke zu einer zuvor unvorstellbaren Leistungsexplosion. Der Zweite Weltkrieg stoppte das Renngeschehen. Doch als die Waffen schwiegen, warteten Rennfahrer nicht lange, um ihre Motoren wieder zu starten. Bereits am 9. September 1945 fand auf dem „Circuit Bois de Boulogne“ der erste Grand Prix der Nachkriegszeit statt. Das Rennen im Westen von Paris gewann Jean-Pierre Wimille mit einem Bugatti, aus den Vorkriegsjahren.

Schon 1946 schmückten sich satte 21 Rennen mit dem Attribut „Großer Preis“. An den Start gingen sowohl Fahrzeuge der seit 1938 gültigen Internationalen Grand-Prix-Rennformel (3 Liter Hubraum mit Kompressor oder 4,5 Liter Hubraum mit Saugmotoren) als auch der kleineren Voiturette-Klasse. Der Automobilverband Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus (AIACR) verlängerte deren Regeln zunächst bis zum Ende des Jahres. Mit dem Großen Preis von Belgien gehörte zu den Rennen auch eine Veranstaltung, die bis heute ihren festen Platz in Motorsport-Kalender hat. Wobei das Rennen damals auf dem „Circuit de Bois de la Cambre“ in einer Parkanlage am südlichen Stadtrand von Brüssel stattfand. Nach Spa-Francorchamps, seiner traditionellen Heimat, kehrte das Rennen erst ein Jahr später zurück.

Ein Jahr später ändert Automobilweltverband die Regeln

Ab 1947 beschränkte der Automobilweltverband den Hubraum der Kompressorfahrzeuge auf maximal 1,5 Liter Hubraum. Die Sauger durfte ihre Kraft weiter aus einem Hubraum von bis zu 4,5 Litern schöpfen. Die Renndistanz eines Grand Prix musste fortan bei mindestens 300 Kilometern oder wenigstens drei Stunden Renndauer liegen. Zudem hatte der jeweilige Veranstalter die Kraftstoffversorgung der Teilnehmer mit vier unterschiedlichen Treibstoffen sicherzustellen. Eine Regel, die sich wohl hauptsächlich aus der besonderen Situation der Nachkriegszeit erklärt.

Gleichzeitig fasste der Automobilweltverband, der sich inzwischen Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) statt AIACR nannte, erstmals wieder vier Rennen zur „Grandes Épreuves“ zusammen. Mit dieser Auszeichnung hob die Sportkommission der FIA, die Commission Sportive Internationale (CSI) die Rennen in der Schweiz sowie in Belgien, Italien und Frankreich über die anderen Rennen. Doch eine Meisterschaft gab es, anders als vor dem Krieg, noch nicht. Daran änderte sich auch 1948 noch nichts, als erstmals der Große Preis von Monaco (neben den Rennen in der Schweiz sowie in Frankreich und Italien) zu den „Grandes Épreuves“ zählte.

13. Mai 1950, Silverstone: Farina gewinnt den ersten Grand Prix von Europa mit dem Alfa Romeo 158
13. Mai 1950, Silverstone: Nino Farina im Alfa Romeo 158 beim Großen Preis von Europa

Motorsport war in diesen Jahren ein lockerer Zeitvertrieb für die, die ihre Autos über den Krieg retten konnten und über das notwendige Kleingeld verfügten. Die Mehrzahl der Piloten setzte beim Neustart eine Vorkriegskarriere fort. Nachwuchsfahrer gab es praktisch nicht. Denn der Nachwuchs hatte in den Kriegsjahren einfach nicht die notwendigen Rennerfahrungen sammeln können, um jetzt direkt in die Königsklasse einzusteigen. Zudem finanzierten die Piloten ihre Einsätze praktisch vollständig alleine, griffen meist auf Fahrzeuge zurück, die sie bereits vor dem Krieg steuerten. Zum Gewinnen war ein Maserati oder ein Alfa Romeo notwendig. Nur vereinzelt gewannen auch Piloten mit einem Bugatti, Talbot oder ERA in diesen Jahren Rennen.

1949 entstehen „Formula A“ und „Formula B“ – der Grundstein ist gelegt

Um die Hersteller und Teams endlich zum Bau neuer Fahrzeuge zu animieren, überarbeitete die FIA zur Saison 1949 erneut ihr Regelwerk. Wie vor dem Krieg definierten die Herren in Paris zwei Fahrzeugklassen. Für die „Formula A“ genannte Spitzenklasse sah sie weiterhin aufgeladene Motoren mit maximal 1,5 Litern Hubraum und Saugmotoren mit bis zu 4,5 Litern Hubraum vor. In den kleineren und günstigeren Fahrzeugen der „Formula B“ schrieb die FIA Saugmotoren bis zwei Liter Hubraum und aufgeladene Motoren mit maximal 750 Kubikzentimetern Hubraum vor.

Gleichzeitig passte die FIA in beiden Fahrzeugklassen die Mindestgewichte sowie die Vorschriften für die Durchführung der Rennen an. Doch auch wenn 1949 sogar fünf Rennen (Großbritannien, Belgien, Schweiz, Frankreich und Italien) zu den „Grandes Épreuves“ zählten , eine Meisterschaft schrieb der Automobil-Weltverband weiterhin nicht aus. Die Motorradfahrer waren da weniger zaghaft. Sie fuhren bereits 1949 in der Motorrad-Weltmeisterschaft um Siege, Punkte und Titel. Der Automobilverband zog ein Jahr später nach und schrieb 1950 die erste Fahrer-Weltmeisterschaft aus. Weshalb wir zwischen auf 70 Jahre Formel-1-Weltmeisterschaft zurückblicken können.

Indianapolis macht aus europäischen Rennen eine Weltmeisterschaft

Zum Auftakt der neuen Meisterschaft änderte die FIA zudem den Namen der Fahrzeugklasse. Aus der „Formula A“ wurde die „Formula 1“. Zur ersten Meisterschaft zählten sechs europäische Rennen sowie das Indianapolis 500, für das jedoch weiter die Regeln der American Automobile Association galten. Trotzdem war die Integration des größten amerikanischen Rennens wichtig. Denn damit wurde aus der Meisterschaft – zumindest auf dem Papier – eine Weltmeisterschaft. Auch wenn 1950 kein europäischer Pilot bei den 500 Meilen von Indianapolis starten sollte und die Amerikaner die Rennen in Europa meiden.

Das erste Rennen der neuen Weltmeisterschaft stieg am 13. Mai 1950 unter den Augen des britischen Königs Georg VI im britischen Silverstone. Um die traditionelle Sonntagsruhe der Briten nicht zu stören, trug die Automobil-Weltmeisterschaft ihr erstes Rennen übrigens an einem Samstag aus. Das Rennen gewann Giuseppe „Nino“ Farina, der sich zuvor auch den besten Startplatz sicherte, mit einem Alfa Romeo. Nach dem Erfolg in Großbritannien siegte der Doktor der Politischen Wissenschaft auch beim folgenden Rennen in der Schweiz.

70 Jahre Formel-1-Weltmeisterschaft: 13. Mai 1950, Silverstone: Fangio mit dem Alfa Romeo 158 beim Grand Prix von Europa
13. Mai 1950, Silverstone: Fangio mit dem Alfa Romeo 158 den Grand Prix von Europa

Vor dem Saisonfinale in Monza lag Farina damit trotzdem nur auf dem dritten Platz der WM-Wertung, die Juan Manuel Fangio anführte. Denn der Argentinier gewann in Monaco, Belgien und Frankreich. Zwischen Fangio (26 Punkte) und Farina (22 Punkte) schob sich mit Luigi Fagioli (24 Punkte) noch ein Pilot ohne Saisonerfolg. Damit ging Fangio vor dem Finale auf der schnellen Rennstrecke in der Nähe von Mailand als Titelaspirant Nummer 1 ins Rennen. Der Argentinier bestätigt den Eindruck mit der schnellsten Runde im Training. Doch zu den Weisheiten des Motorsports gehört „to finish first, you have to finish first“.

70 Jahre Formel-1-Weltmeisterschaft – der erste Gewinner hieß Giuseppe „Nino“ Farina!

Denn Juan Manuel Fangio fiel in der 23. von 70 Rennrunden aus. Das Getriebe in seinem Alfa Romeo streikte. Doch das Reglement erlaubte damals Fahrzeugwechsel. Um die Chance auf den Titel zu wahren, übernahm Fangio den Wagen seines Teamkollegen Piero Taruffi. Doch in dem platzte nach wenigen Runden der Motor. Gleichzeitig fuhr Doktor Farina an der Spitze des Feldes zu einem am Ende ungefährdeten Sieg. Damit sicherte sich Nino Farina den ersten Titel eines Fahrer-Weltmeisters. Da es beim Debüt noch keinen Titel für Konstrukteure gibt, der folgt erst 1958, geht sein Arbeitgeber Alfa Romeo leer aus.

Der Neffe des legendären Karosseriedesigners Battista „Pinin“ Farina ist übrigens bis heute der einzige Pilot, der sich seinen Titel bei einem Rennen in seinem Heimatland sicherte. Schon beim Debüt vor sieben Jahrzehnten zeigte die Formel 1 eindrucksvoll, was sie bis heute oft ausmacht. Für einen Titel benötigt ein Rennfahrer möglichst viele Siege. Wenn ein Sieg nicht möglich ist, dann hilft ins Ziel zu fahren und Punkte zu sammeln. Ein Grundsatz, der sich über 70 Jahre Formel-1-Weltmeisterschaft und zahlreiche Regeländerungen nicht veränderte.

Mit ihrer Wandlungsfähigkeit überlebte die Formel-1-Weltmeisterschaft bisher alle Krisen. Findige Techniker revolutionierten mit dem Mittelmotor, profillosen Reifen ,dem Turbolader und besonders mit der Aerodynamik und Ground Effekt immer wieder den Sport. Doch unsterblich machten die Formel 1 die Fahrer. Denn an große Duelle wie zwischen Sir Stirling Moss und Mike Hawthorn, zwischen James Hunt und Niki Lauda oder zwischen Ayrton Senna und Alain Prost sorgen auch nach Jahrzehnten noch strahlende Augen bei den Fans.

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