Auto-Erinnerungen

Daihatsu Naked – wer ist schon gerne nackt?

Einen Namen für ein Auto zu finden gilt heute als Wissenschaft. Trotzdem misslingt das Finden von Namen regelmäßig. Der Daihatsu Naked trägt beispielsweise einen „Autonamen aus der Hölle“.

Unsere Autos nähern sich optisch immer mehr an. Umso wichtiger sind Namen, die ein Auto irgendwie aufladen. Die Zeiten, wo sich der Name eines Fahrzeugs schlicht und einfach von seinen technischen Daten ableitete, sind längst vorbei. In den Gründertagen der Autoindustrie nutzen viele Autobauer einfach die Steuerklasse des Fahrzeugs als Modellbezeichnung. Das war eine simple Geschichte, war einfach und verständlich. Französische Autobauer schworen diesem System erst weit nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Was dazu führte, dass es bei Renault einen 4CV und bei Citroën den 2CV gab.

Von Spitznamen und Modellbezeichnungen

Die Kreativität, die den Autobauern fehlte, steuerte das Publikum bei. Es nannte den Opel 4 PS lieber Laubfrosch. Aus dem Hanomag 2/10 PS wurde im Mund des Publikums bald das Hanomag Kommissbrot. Damit verstanden auch die Hersteller, dass ein attraktiver Name den Verkauf eines Modells befeuert. Deshalb traten bald immer häufiger offizielle Modellbezeichnungen an die Stelle der technischen Bezeichnungen.

Frontansicht Daihatsu Naked
Frontansicht eines Daihatsu Naget (Foto: Tokumeigakarinoaoshima / Wikimedia / Creative Commons 1.0)

Eine wichtige Triebfeder bei der Wahl der Namen war immer der Zeitgeist. Opel feierte deshalb 1935 mit dem Opel Olympia die Olympischen Spiele. Denn ein Jahr später fanden sowohl die Winterspiele (Garmisch-Partenkirchen) als auch die Sommerspiele (Berlin) in Deutschland statt. Anschließend gliederten die Rüsselsheimer ihre Namen und etablieren eine Namens-Pyramide, die vom Kadett über den Kapitän bis zum Admiral reichte. Das hatte sogar nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand. Daher ergänzten bald ein Commodore und ein Diplomat die Leiter.

Von Kunstworten und Internationalität

Bis in die 1970er-Jahre schützen viele Länder ihre Automärkte mit Zollschranken. Das war übrigens ein Grund, warum sich beispielsweise Ford ihren Töchtern in Deutschland und Großbritannien bei der Entwicklung freie Hand lies. Mit der europäischen Einigung verschwanden die Zollschranken. Damit wurde die Autowelt globaler. Das veränderte die Modellbezeichnungen. Aus dem deutschen Taunus und dem britischen Cortina wurde der europäische Ford Sierra.

Mit dem Zusammenrücken der Welt stieg Englisch endgültig zur globalen Weltsprache auf. Damit kamen Anglizismen in Mode. Besonders die japanischen Autobauer bedienten sich gerne englischen Namen und eroberten ab den 1970er-Jahren weltweit Kunden mit ihren Autos. Vom Aufstieg der Autoindustrie profitiere das ganze Land. Doch nach Jahrzehnten des ungezügelten Wachstums schlingerte das Kaiserreich ab 1990 in eine tiefe Wirtschaftskrise. Heute gelten die 1990er-Jahre in Japan als verlorenes Jahrzehnt.

Auftritt: Daihatsu Naked

Selbst Anfang des neuen Jahrtausends waren die Bremsspuren der volkswirtschaftlichen Vollbremsung noch unübersehbar. Während der Rezession setzte sich im Land der aufgehenden Sonne teilweise eine neue Bescheidenheit durch. Bereits 1997 zeigte Daihatsu auf der Tokyo-Motor-Show einen Kleinstwagen, dessen Gestaltung sich stark am ersten Fiat Panda orientierte. Wie das Vorbild glänzte die Studie mit einer klaren und einfachen Linienführung.

Heckansicht des Daihatsu Naked
Heckansicht des Daihatsu Naked (Foto: Tokumeigakarinoaoshima / Wikimedia / Creative Commons 1.0)

Eine persönliche Note des Kleinwagen-Spezialisten waren Karosserieteile mit sichtbaren Befestigungsschrauben. Das übertrug die Einfachheit der Linie auf Produktion und Wartung. Die Studie war offenbar das richtige Auto zur richtigen Zeit. Denn die Resonanz der Messebesucher auf das ausgestellte Fahrzeug war überwiegend positiv. Weshalb Daihatsu zwei Jahre nach dem Messeauftritt tatsächlich ein Serienmodell von der Studie ableitete. Im November 1999 startete der Verkauf des Daihatsu Naked. Mit diesem Namen wollte das Marketing die Einfachheit des Autos unterstreichen.

Wer will schon in der Öffentlichkeit nackt sein?

Daihatsu Naked war eine mutige Namenwahl. Denn Japaner gehen zwar seit Jahrhunderten zu Geishas. An Automaten in Japan gibt es getragene Unterwäsche von Schulmädchen zu kaufen. Doch in der Öffentlichkeit geben sich Japaner in der Regel ausgesprochen prüde, sind fast schon verklemmt. Die TV-Reportage „James May: Our Man in Japan“ bei Amazon Prime beschreibt das eindrucksvoll. Der Name Daihatsu Naked ist solchen Umständen ein klarer Taubbruch. Kein Wunder, dass derKleinwagen die Erwartungen nicht erfüllte.

Der Autobauer, der seit 1999 zu Toyota gehört, stellte das Modell nach nur vier Jahren ohne direkten Nachfolger ein. Dabei war der Daihatsu Naked eigentlich seiner Zeit voraus. Denn mit den Rillen in den Türen und den freiliegenden Scharnieren nahm der Kleinwagen Anleihen bei Geländewagen. Ein Trick den später Autos wie der Rover Streetwise oder der VW CrossPolo aufnahmen. Doch das half dem Daihatsu nicht. Gut möglich, dass ein anderer Name das Drama verhindert hätte!

Technische Daten des Daihatsu Naked

  • 658 ccm großer Reihendreizylinder – wahlweise mit Abgasturbolader
  • vier Ventile pro Zylinder
  • 58 PS Leistung bei 7.600 Umdrehungen pro Minute (Saugversion), 64 PS (Turboversion)
  • 64 Newtonmeter maximales Drehmoment bei 4.000 Umdrehungen pro Minute (Sauperversion)
  • Frontantrieb – wahlweise Allradantrieb
  • 5-Gang-Schaltgetriebe – wahlweise Automatik
  • Länge 3.395 Millimeter, Höhe 1.550 Millimeter, Breite 1.470 Millimeter
  • Radstand 3.395 Millimeter
  • Leergewicht 820 bis 890 Kilogramm (je nach Ausstattung)
  • Gebaut vom November 1999 bis zum April 2004, Vertrieb nur in Japan

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe dieser Serie, wie auch Mazda bei der Wahl eines Modellnamens kräftig daneben lag.

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Themen in diesem Artikel:

Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!