Welcher Rennwagen trat eigentlich als Erster in Europa als rollende Werbebande an? Die Standardantwort vieler Fans lautet meist, das waren 1968 die Gold Leaf Lotus von Colin Chapman. Doch das stimmt nicht! Denn schon 1958 trat ein Maserati 420/M/58 mit der Werbung des Eiscreme-Herstellers Eldorado auf der Karosserie an.

Mit dem legendären „Gordon Bennett Cup“ entstanden in den Anfangstagen des Motorsports die klassischen Rennfarben. Denn der Zeitungsverleger wollte dem Publikum ermöglichen, die Fahrzeuge den Teilnehmerländern zuzuordnen. Daher schrieb Reglement des „Gordon Bennett Cups“ die Lackierung der Rennwagen in Abhängigkeit vom Herkunftsland des Autos vor. Die Namen „British Racing Green“ oder „Rosso Corsa“ in den Preislisten der Autohersteller würdigen dieses System bis heute.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg traten Rennwagen bei internationalen Rennen meist in den klassischen Landesfarben an. Wobei nicht immer nur die Herkunft des Autos die Lackierung bestimmte. Auch die Heimat des Teams oder die Nationalität der Piloten bestimmten in diesen Jahren oft die Farbwahl. So trat der Amerikaner Masten Gregory 1957 mit seinem weiß-blauem Maserati 250F der italienischen Scuderia Centro Sud im traditionellen US-Racing-Dress-Code an.

Langläufer Maserati 250F wird zum Maserati 420/M/58

Der 1954 präsentierte Maserati 250F gilt heute als der beste Frontmotor-Formel-1-Rennwagen aller Zeiten. Neben dem Werksteam setzen auch zahlreiche private Teams den 250F ein. Zu den Kunden zählten unter anderem die Owen Racing Organisation sowie die Equipe Moss. Selbst als sich das Werksteam nach dem Gewinn der Automobil-Weltmeisterschaft 1957 durch Juan Manuel Fangio aus Kostengründen zurückzog, stoppte das den Bau des 250F nicht. Denn für Kunden entstehen selbst 1958 noch drei neue Rennwagen dieses Typs.

Nach dem Wegfall des eigenen WM-Programms hatte die Rennabteilung freie Kapazitäten. Das wusste auch Rennsportfan Gino Zanetti, der Maserati 1958 mit einer ungewöhnlichen Bitte kontaktierte. Denn bis 1960 gehörten auch die 500-Meilen von Indianapolis zur Automobil-Weltmeisterschaft. Wobei das Rennen in den USA – natürlich – nach den Regeln des USAC stattfand, obwohl es zur Automobil-Weltmeisterschaft zählte. Weshalb die Mehrzahl der arrivierten Formel-1-Piloten das 500-Meilen-Rennen als Streichresultat ansahen und nicht in den USA antraten.

Wer ist schneller? Formel 1 oder Indy-Car?

Das war in den 1950er-Jahren eine viel diskutierte Frage. Der Automobile Club d’Italia rief daher 1957 zum Vergleich und schrieb die „Trofeo dei due Mondi“ aus. Im „Rennen der zwei Welten“ sollten sich  Formel-1-Rennwagen und Indy-Boliden im altehrwürdigen Autodrome di’ Monza messen. Um die Europäer zur Teilnahme zu bewegen, teilte der Automobile Club d’Italia die Distanz von 500 Meilen in drei Läufe auf.

Gino Zanetti wollte 1958 an diesem Rennen teilnehmen und bestellte bei Maserati den passenden Rennwagen. Ingenieur Giulio Alfieri verpflanzte dafür den V8-Motor aus dem Sport-Prototypen 450S in ein verstärktes 250F-Chassis. Wobei die Maserati-Motorenbauer den Hubraum des V8 für den Einsatz im Monoposto auf 4.190 Kubikzentimeter reduzierten. Deshalb bekam der Rennwagen den Namen 420/M/58 – passend zum klassischen Namenschema bei Maserati.

Maserati 420/M/58 = 4,20 Liter Hubraum im Monoposto des 1958er-Jahrgangs

Zu den Besonderheiten der „Trofeo dei due Mondi“ gehörte, die Steilkurven von Monza gegen den Uhrzeigersinn zu durchfahren. Das sollte die Indy-Boliden nach Europa locken, schließlich gibt es in Indianapolis nur Linkskurven. Konstrukteur Alfieri versetzte Motor und Getriebe im Vergleich zum Formel-1-Rennwagen 250F neun Zentimeter nach links, um die Gewichtsverteilung in der Schräge der Steilkurven zu optimieren. Zudem entschied Alfieri, dass das Getriebe nur zwei Gänge benötige. Gleichzeitig verzichtete der Ingenieur an der De Dion-Hinterachse auf ein Differential, um die Traktion zu optimieren. Ähnlich sollte gut 15 Jahre später Porsche beim legendären Porsche 917/30 vorgehen.

Im Kampf gegen die Pfunde entstand bei den Karosseriebauer-Brüdern Fantuzzi eine handgefertigte Aluminiumkarosserie für den Rennwagen. Besonderes Kennzeichen dieser Karosserie ist die aerodynamische Seitenflosse hinter dem Cockpit. Gewicht sparte auch, dass Maserati die Firestone 18-Zoll-Profilreifen auf Magnesium-Felgen von Halibrand aufzog. Alles zusammen sorgte dafür, dass der rennfertige Maserati 420/M/58 nur 758 Kilogramm auf die Waage bringt.

Fotos des Maserati 420/M/58

Maserati lieferte den Rennwagen in einer cremefarbenen Lackierung aus. Gino Zanetti lies an den Seiten den Schriftzug „Eldorado“ anbringen. Dazu lächelt auf der Nase und an der Heckflosse ein Cowboy, das Logo des Eisherstellers. Als Hinweis auf die Herkunft trägt das Auto zudem den Schriftzug „Italia“. In Erinnerung an die klassischen Farben des Motorsports lackierte Zanetti diesen Schriftzug in einem leuchtenden Rennrot auf den Rennwagen.

Für die „Monzanapolis“ verpflichtete Fahrzeug-Eigner Gino Zanetti als Fahrer Stirling Moss. Im ersten Lauf brachte der Brite den „Eldorado“ als Vierter ins Ziel. Den zweiten Lauf beenden Moss und der Maserati als Fünfte. Doch im Finallauf sorgt einen Defekt an der Lenkung für einen Unfall. Moss knallte mit dem Maserati 420/M/58 bei hohem Tempo in die Leitplanken, blieb aber unverletzt. Das Konzept, den Rennwagen zu verstärken, hatte sich bewährt.

Maserati 420/M/58 – Comeback in Indianapolis

Gino Zanetti lies den Rennwagen bei Gentilini – ohne Heckflosse – wiederherstellen. Doch da der Automobile Club d’Italia auf die weitere Ausschreibung der „Trofeo dei due Mondi“ verzichtete, wandte sich der Unternehmer Indianapolis zu. Dort trat der Maserati 420/M/58 beim Rennen 1959 in Rot an. Der Namen des Sponsors fand sich jetzt in weißer Schrift auf dem Auto wieder. Das Cowboy-Logo strahlte im Nudeltop von Indianapolis in einem weißen Kreis, wie alte Fotos zeigen.

Doch in der Qualifikation verpasste Pilot Ralph Liguori den Sprung ins Teilnehmerfeld. Die Kombination aus Fahrer und Auto war nicht schnell genug, um im Rennen ums große Geld zu streiten. Damit endete die Rennkarriere des einzigartigen Rennwagens. Heute ist der 420/M/58 Bestandteil der in Modena beheimateten „Panini Collection“. Wobei der Maserati inzwischen wieder das weiße Kleid der Rennen in Monza trägt.

1958 war Sponsorship die Ausnahme. Heute ist Motorsport ohne Werbung wohl nicht mehr möglich. Nur dank zahlenden Sponsoren können viele Teams ihre teuren Rennwagen überhaupt einsetzen. Insofern war der Maserati 420/M/58 auch ohne große Erfolge im Motorsport seiner Zeit um Jahre voraus. Denn der Rennwagen war der erste vollständig in den Farben eines Sponsors lackierte Monoposto in Europa. Damit steht dieser Maserati für eine Zeitenwende und wurde so auch ohne große Erfolge zur Legende.

Schreib einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars übermittelten Sie uns Ihren Namen, Ihre E-Mail-Adresse, Ihre IP-Adresse, Ihre URL (sofern angegeben) und Ihren Kommentartext. Gleichzeitig stimmen Sie ausdrücklich der Speicherung und der Veröffentlichung des Kommentars zu. Die Veröffentlichung erfolgt ohne E-Mail- und IP-Adresse. Diese Daten dienen dem Schutz vor Missbrauch der Kommentarfunktion (SPAM) und werden anschließend automatisch gelöscht. Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen nicht zu veröffentlichen oder die Links zu entfernen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung des Kommentars besteht nicht.