Auto-Erinnerungen

Alles Keil, oder was? Als die Keilform bei Autos in Mode war!

In den 1960er-Jahren änderte sich der Autogeschmack. Die Designer stellten jetzt plötzlich regelmäßig Autos in Keilform auf die Räder. Was steckte hinter dieser Auto-Mode, deren Einflüsse das Automobil-Design bis in die frühen 1980er-Jahre prägte?

Die Automode ist immer Spiegel ihrer Zeit. Nach der schwierigen Nachkriegszeit kam das Wirtschaftswunder. Mit ihm legten auch die Autos zu. Die Pontonkarosserien dieser Zeit glänzten mit abgerundeten, stark gewölbten Formen – obwohl die Urform des Pontons für glatte Seitenteile stand. Die rundlichen Formen passten perfekt in die Zeit, wo die Tische reichlich gedeckte Tische langsam Standard wurden. Doch in den 1960er-Jahren wandelte sich der Geschmack. Alltagsautos tragen jetzt die moderne Trapezlinie zur Schau.

Die Keilform war zunächst die Automode der Serie!

Doch die Karosserie-Designer drehten das Rad des Zeitgeistes schnell weiter. Denn für sie gilt traditionell, nach der einen Mode kommt die nächste Mode. Und so ersannen pfiffige Designer für ihre Karosserien eine aggressive Keilformen. Auch das verkörpert den Zeitgeist, brach die Menschheit in diesen Jahren mit der Reise zum Mond doch zu neuen Ufern auf. Parallel zum Wettlauf im All gehörte das Keil in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre bei allen wichtigen Automobil-Designern bald zum guten Ton.

Bereits 1966 trägt der Maserati Ghibli ein keilförmiges Karosserie-Kleid. Der junge Designer Giorgio Giugiaro entwarf den Sportwagen als Angestellter der Carrozzeria Ghia – und setzt damit den ersten Meilenstein. Nur ein Jahr später folgt auch Aston Martin der neuen Mode. Der Aston Martin DBS legt als Nachfolger des eher pummeligen Aston Martin DB6 dessen rundlichen Formen ab. Designer William Towns bezeichnete den Chevrolet Camaro als seine Inspiration. 

Alfa Romeo Montreal - Expo-Studie, 1967
Die in Montreal präsentierte Studie basierte auf der Giulia Sprint GT. Auch sie folgt der Idee des Keils.

Gleichwohl ist unverkennbar, dass Towns mit dem britische Sportwagen, der im Spielfilm „James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ zum Einsatz kommt, die Idee der Keilform verfolgte. Auch Giuseppe „Nuccio“ Bertone nimmt die Idee des Keils auf. Im Atelier des Großmeisters des Automobildesigns gestaltet Marcello Gandini den Lamborghini Espada. Gandini wird in den kommenden Jahren zahlreiche scharfe Keile auf die Räder stellen. Schon 1967 gelingt dem Designer mit der Studie Alfa Romeo Montreal dabei ein famoser Entwurf.

Etwa zeitgleich entsteht bei Pininfarina der Ferrari 365 GTB/4. Eine Replik dessen offener Version, dem 365 GTS/4 („Daytona Spider“) wirkte eineinhalb Jahrzehnte später in der TV-Serie Miami Vice immer noch modern. Und lässt in der Rückschau die 1980er-Jahre zusammen mit den damals modernen Schulterpolstern als ein Jahrzehnt der Blender erscheinen. Doch so weit sind wir noch nicht, noch bewegen wir uns am Übergang der 1960er zu den 1970er-Jahren – das Keil steht noch am Anfang seiner Karriere.

Es sind die Studien, die die Keilform bei Autos in ungeahnte Höhen treiben!

Der FIAT X1/9 (1972), der VW Scirocco (1974), das Audi Coupé B2 (1978) und der Citroën BX bringen die Keilform in die Großserie. Wobei die französische Limousine 1982 heute als Abschluss der Modewelle gilt, obwohl 1989 auch der Citroën XM durchaus als Keil gelten kann. Auch an der Gestaltung des BX war übrigens Marcello Gandini beteiligt. Mit dem Lamborghini Countach (1974), dem Lancia Beta Montecarlo (1975), dem Lotus Esprit (1977) und dem BMW M1 (1978) folgen weitere Sportwagen der Keil-Idee. William Towns gestaltet zudem den einzigartigen Aston Martin Lagonda (1976).

Fiat X1/9 der ersten Baureihe von 1972-1978 (Foto: Fiat)
Fiat X1/9 der ersten Baureihe von 1972-1978 brachte die Keilform bei Autos in die Großserie (Foto: Fiat)

Parallel dazu treiben die Auto-Designer mit Studien und Prototypen die Idee der Keilform bei Autos auf die Spitze. Es fängt harmlos an. Giotto Bizzarrini entwarf bereits 1968 die Studie Bizzarrini Manta. Doch Bizzarrini geht das Geld aus, schließt sein Unternehmen nur ein Jahr später. Auch der VW Porsche Tapiro (1970) von Italdesign schafft es nicht in Serie, glänzt aber ebenfalls mit einer aufregenden Keilform. Und es gibt Stimmen, die halten die Entscheidung, den Tapiro nicht zu bauen, bis heute für eine Fehlentscheidung.

Mazda, Holden oder Mercedes-Benz – plötzlich folgen alle der Keilform!

Bereits 1969 präsentierte die GM-Tochter Holden in Australien den Holden Hurricane. Im März 1970 folgt der Mercedes-Benz C111-II, der in Genf ein viel umjubeltes Debüt feiert. Zeitgleich mit dem Wankel-Sportwagen aus Stuttgart feiert der Ferrari 512 S Modulo von Pininfarina seine Messepremiere. Der Modulo gewinnt mehr als 20 Designpreise und -Auszeichnungen. Im Herbst des gleichen Jahres zeigt Bertone auf dem Turiner Autosalon mit dem Lancia Stratos Zero eine Studie für die Ewigkeit.

Auch beim Zero ist übrigens Marcello Gandini der Projektleiter. Was den Designer, der auch den wunderbaren BMW Garmisch (1970) einkleidete, zum absoluten Star unter den Keil-Designen macht. Der Name Stratos lebt später im Sportwagen Lancia Stratos HF (1971) weiter, technisch haben beide nichts gemeinsam. Und auch stilistisch ist allenfalls die Keilform die Verbindung zwischen Studie und Serienmodell. Denn der Motorsport-Einsatz erfordert traditionell den Bau einer gewissen Stückzahl von Fahrzeugen. Aus dem gleichen Grund bekommt der Stratos mit dem Lancia 037 sogar 1982 noch einen späten keilförmigen Nachfolger.

Mazda RX-500 und Mazda 110 S Cosmo
Mazda RX-500 und Mazda 110 S Cosmo – auch hier zeigt sich der Wachwechseln der Formsprache. (Foto: Mazda)

Noch 1970 präsentiert Toyo Kogyo, heute Mazda mit dem Mazda RX-500 in Tokyo seine Interpretation des Keils. Und acht Jahre später verleugnet auch der Mazda RX-7 die Keilform nicht. Schon 1972 zeigt Skoda auf der Motor Show in Brüssel die Studie Skoda 110 Super Sport. Doch das im Skoda-Zweigwerk von Kvasiny entstandene Einzelstück passt nicht in die Welt des realexistierenden Sozialismus. An eine Serienfertigung ist nicht zu denken. Trotzdem (oder deswegen) wird die Studie ein paar Jahre später im Horror-Streifen „Der Vampir aus dem Ferat“ ein Filmstar.

Auch im Westen wenden sich die Auto-Designer langsam neuen Themen zu!

Trotzdem bleibt die Keilform bei Autos mehr als ein Jahrzehnt irgendwie immer präsent. In den USA entsteht mit dem Bricklin SV-1 (1974) ein weiteres Serienmodell, das als Keil gilt. Auch Ford nutzt immer wieder keilförmige Elemente bei der Weiterentwicklung seines Mustangs. In Europa scheitert bei British Leyland zwar der Triumph SD2, doch der Rover SD1 steigt zum Serienmodell auf. Reliant und Otosan Otomobil Sanayii wollen mit dem Reliant FW11 und dem baugleichen Otosan Anadol in die Mittelklasse vordringen. Doch ihr Projekt scheitert als Ford sich weigert, der britisch-türkischen Allianz Motoren zu liefern.

Audi 100 TDI 2,5 von 1989
Der Audi 100 der Generation C3, hier ein Audi 100 TDI 2,5 von 1989, läutete endgültig das Ende der Keilform bei Autos ein.

Immerhin reicht Designer Bertone die Gestaltung des Reliant/Otosan an Citroën weiter. Und bereits 1979 präsentieren Bertone und Volvo mit der Studie Volvo Tundra einen Ableger des Entwurfs. Zwei Jahre später denkt Bertone für Mazda die Idee im Mazda MX-81 Aria nochmals weiter. Doch inzwischen lockt die Keilform kaum noch jemanden hinter dem Ofen her. Der noch 1980 präsentierte Talbot-Matra Murena läuft nach drei Jahren aus. Die Kunden meiden den Nachfolger des Matra-Simca Bagheera (1973) wie der Teufel das Weihwasser.

Zudem strebt die Automobil-Industrie inzwischen danach, den cw-Wert ihrer Fahrzeuge zu minimieren. Das holt – nebenbei – wieder die Rundungen in das Design der Karosserien zurück. Als Trendsetter gilt ein 1981 von Audi präsentiertes Forschungsauto. Es kommt ein Jahr später als Audi 100 (C3) auf den Markt. Und es lässt praktisch sofort alle Keile ganz schön alt aussehen. Trotzdem fasziniert die Idee des Keils auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Debüt irgendwie immer noch!

Auswahl von Autos mit Keilform:

1966 – Aller Anfang ist schwer …

  • Maserati Ghibli

1967 – Thema mit Variation

  • Aston Martin DBS
  • Alfa Romeo Montreal
  • Ferrari 365 GTB/4

1968 – Italien ist Keilland

  • Bizzarrini Manta (Studie)
  • Lamborghini Espada

1969 – das Keil aus Down-Under

1970 – das Jahr der Studien in Keilform

1971 – wenn die Serie auf die Studie folgt

1972 – Keil geht auch im Ostblock

1973 – Keil à la francaise

  • Matra-Simca Bagheera

1974 – Weltweite Keile

1975 – Alles Serie, oder was?

  • Lancia Beta Montecarlo
  • Triumph TR7 – Spitzname »The Wedge« (Der Keil)

1976 – Luxuskeil

  • Aston Martin Lagonda

1977 – Ein Keil für James Bond

1978 – Deutschland erwacht

1979 – Schweden will auch … und bleibt beim Klotz

1980 – Ungeliebter Franzose

  • Talbot-Matra Murena

1981 – Japan folgt

1982 – Mit langem Anlauf zur Serie

  • Citroën BX
  • Lancia 037

1989 – Spätstartern und Nachzügler

  • Citroën XM

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