Sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehören in großen Teilen Europas noch immer Trümmer zum Alltagsbild. Trotzdem ist der Vorstand der Daimler-Benz AG überzeugt, dass die Zeit reif für einen Sportwagen ist. Mit dem Mercedes-Benz 300 SL stellten die Stuttgarter prompt das absolute Traumauto seiner Epoche auf die Räder.

Ende 1951 gab es in Deutschland weniger als 700.000 Autos. Anfang 2019 waren mehr als 47 Millionen Autos auf unseren Straßen unterwegs. Der Vergleich der Zahlen zeigt, damals war das Auto ein echtes Luxusgut. Kein Wunder, denn der Marktführer Käfer kostete als Export-Modell stolze 5.500 DM. Ein Industriearbeiter verdiente damals durchschnittlich 325 DM im Monat. Ein Auto wies seinen Besitzer als Besserverdiener aus.

Trotzdem lag auf dem dritten Platz der Zulassungsstatistik mit Daimler-Benz bereits ein Hersteller Fahrzeugen der Oberklasse. Der Mercedes-Benz 170 S galt trotz seines Vierzylinders in den Gründungstagen der Bundesrepublik als Direktionslimousine. Im Frühjahr 1951 präsentierte Daimler-Benz auf der IAA in Frankfurt zwei neuentwickelte Sechszylinder-Modelle.

Die Zeit war reif für einen Sportwagen!

Schon der Mercedes-Benz 220 kostete mindestens 11.810 DM. Der größere Mercedes-Benz 300 war mit einem Grundpreis von 18.505 DM teurer als drei Volkswagen. Doch in Deutschland startete gerade des Wirtschaftswunder. Die ersten Unternehmer verdienten bereits wieder richtig gutes Geld. Deshalb fanden sich auch für die neuen Sechszylinder sofort zahlende Kunden. Das machte Lust auf mehr.

Der Mercedes-Benz 300SL und der Mercedes-Benz 300
Im Mercedes-Benz 300 SL (W 194) nutzte Daimler-Benz den Antrieb und die Achsen des Typ 300 S (W 188). Deshalb zeigt der Autobauer beide bei der Pressevorstellung des SL am 12.3.1952 auf der Autobahn Stuttgart-Heilbronn. (Foto: Daimler-Benz)

Daimler-Benz wollte in den Motorsport zurückkehren. Denn schon die Daimler-Motorengesellschaft von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach baute die Mercedes-Simplex-Sportwagen. Mit ihren Blitzen-Benz trieb Benz & Cie. mehrmals den Geschwindigkeitsweltrekord nach oben. Nach der Fusion gewann mit Rudolf Caracciola ein Mercedes-Fahrer das Eröffnungsrennen auf dem Nürburgring.

Das Duell von Mercedes und der Auto-Union bei den Grand-Prix-Rennen der 1930-Jahre ist bis heute legendär. Nach dem Krieg konzentrierte sich Daimler-Benz zunächst auf den Wiederaufbau der Serienproduktion. 1951 tritt das Unternehmen zum Test bei einigen Rennen in Südamerika mit Vorkriegsfahrzeugen an. Die Ergebnisse zeigen, für ein ernsthaftes Comeback wird ein neues Auto benötigt. Der Vorstand entscheidet, das passende Sportgerät soll auf Grundlage des Antriebs des neuen Mercedes-Benz 300 entstehen.

SL-Debüt auf der Autobahn

Für den Einsatz im neuen Sportwagen bekam der Sechszylinder-Motor einen überarbeiteten Zylinderkopf sowie eine Doppelvergaser-Anlage. Damit stieg die Leistung von 115 PS auf 175 PS an. Getriebe und Achsen veränderten die Techniker kaum. Um Gewicht zu sparen, entsteht als tragendes Gerüst der Werksnummer 194 ein leichter Gitterrohrrahmen. Er besteht aus dünnen, zu vielen kleinen Dreiecken zusammengesetzten, Rohren.

Gitterrohrrahmen des Mercedes-Benz 300 SL Rennsportwagen - gut zu sehen sind der 150-Liter Tank für Benzin im Heck sowie der Öl-Vorratstank für die Trockensumpfschmierung auf der linken Seite
Der Gitterrohrrahmen des Mercedes-Benz 300 SL (W 194). Zur besseren Gewichtsverteilung sitzen die Batterie und der 150-Liter-Treibstofftank an der Hinterachse. Links neben dem Motor befindet sich der Öl-Vorratstank für die Trockensumpfschmierung. (Foto: Daimler-Benz)

Das Ergebnis ist ein Rahmen, der knapp 50 Kilogramm auf die Waage bringt und trotzdem für ein steifes Fahrzeug sorgt. Maserati treibt dieses Prinzip später beim heute ebenfalls legendären „Birdcage“ auf die Spitze. Im Mercedes führt die radikale Bauweise zu einem Gesamtgewicht von rund einer Tonne. Die Limousine, die die Technik spendete, wog fast 1,8 Tonnen.

Der Sportwagen bekommt den Namen Mercedes-Benz Sportwagen Typ 300 SL. Lange streiten Auto-Fans darüber, ob der Namenszusatz „SL“ denn nun für „Super-Leicht“ oder doch für „Sport Leicht“ steht. Inzwischen sind sich die Archivare des Konzerns sicher, die Abkürzung „SL“ steht für „Super-Leicht“. Bei der Konstruktion des Sportwagens kennen die Techniker keine Kompromisse.

Markenzeichen: „Gull Wings“ (Möwenflügel)

Über den Rahmen legten die Techniker eine windschlüpfige Alu-Karosserie. Weil der Gitterrohrrahmen das Cockpit einfasst, bekommt diese Flügeltüren. Denn wegen des Rahmens beginnt der Türausschnitt erst oberhalb der Gürtellinie. Um halbwegs bequem einsteigen zu können, erweitern die Techniker die Einstiegsöffnung bis weit ins Dach.

Die Konstrukteure entschieden sich deshalb für nach oben öffnende Türen. Mit zwei offenen Türen erinnert die Silhouette des Sportwagens an die ausgebreiteten Flügel einer Möwe. Bis heute gelten diese Türen als das Markenzeichen des Mercedes-Benz 300 SL. Mercedes ist sich dessen bewusst. Denn auch das später vom Rennwagen abgeleitete Serienmodell bekommt diese Türen.

Zur Premiere lud Mercedes Benz an die Autobahn

„Sehr geehrte Schriftleitung! Der neue Mercedes-Benz Sportwagen Typ 300 SL (Super-Leicht) wird in dieser Woche erstmalig Versuchsfahrten in der Öffentlichkeit durchführen. Aus diesem Anlass übersenden wir Ihnen anliegend die technischen Daten dieses Fahrzeugs und ein Foto.“

Die Premiere des Sportwagens feiert Daimler-Benz auf der Autobahn Stuttgart-Heilbronn, der heutigen A 81. Dort zeigt der Sportwagen sofort sein Potenzial. Denn die Alu-Karosserie glänzt mit einer relativ kleinen Stirnfläche (1,8 m²) und einer windschnittigen Form. Der cW-Wert des Fahrzeugs liegt bei hervorragenden 0,25. Das sorgt für eine Höchstgeschwindigkeit von rund 260 Kilometern pro Stunde.

Mercedes entwickelte den Sportwagen kontinuierlich weiter ... links ein Prototyp von 1953, recht eines der Einsatzfahrzeuge von 1952
Der Gitterrohrrahmen kleidete das Cockpit vollständig ein. Deshalb verfügt der 300 SL nur über relativ kleine Türöffnungen. (Foto: Daimler-Benz). Zudem entwickelte Daimler-Banz den Wagen kontinuierlich weiter. Rechts steht eines der ersten Exemplare von 1952. Der linke SL entstand 1953 und wurde nie im Rennsport eingesetzt. Er zeigt jedoch schon den Weg zum späteren Serienmodell. (Foto: Daimler-Benz)

Im Mai 1952 treten drei SL bei der Mille Miglia an. Am Lenkrad drehen Caracciola, 1931 mit einem Mercedes-Benz SSKL Gewinner des Rennens, Hermann Lang und Karl Kling. Am Ende stehen die Plätze zwei (Kling) und vier (Caracciola). Das Rennen zeigt jedoch, dass dem SL etwas Leistung fehlt. Denn im Ferrari 250S der Sieger Giovanni Bracco und Alfonso Rolfo sorgen mehr als 230 PS für Vortrieb.

Gebaut für den Sport

Trotzdem verläuft die Rennsaison 1952 außerordentlich erfolgreich. Denn die Aerodynamik des Sportwagens gleicht das Manko der Motorisierung immer wieder aus. Nach dem Auftakt bei der Mille Miglia folgen Siege beim Preis von Bern für Sportwagen sowie ein Doppelsieg bei den 24 Stunden von Le Mans. Dabei gelingt den Gewinnern Hermann Lang und Fritz Riess gleich ein neuer Streckenrekord.

Im November 1952 steigt der Sportwagen endgültig zu Legende auf. Bei der Carrera Panamericana gelingt erneut ein Doppelsieg. Nach fünf Tagen und acht Etappen über 3.111 Kilometer gewinnen Karl Kling und Hans Klenk das Langstreckenrennen in Mexico. Dabei zerschlägt ein Geier die Windschutzscheibe und verletzt Klenk. Die Mechaniker montieren deshalb Schutzstäbe vor der Frontscheibe.

Von der Rennstrecke auf die Straße

Die Sporterfolge sind eine gute Werbung. Wobei den Mythos verstärkt, dass Daimler-Benz 1953 den Rennwagen nicht weiter einsetzt. In Stuttgart beschäftigen sich die Techniker längst mit der Vorbereitung des Einstiegs in die Königsklasse der Formel 1. Trotzdem entstehen Prototypen eines verbesserten W 194. Sie sind Vorbote eines Serienmodells.

Denn besonders der amerikanische Mercedes-Benz Importeur Max Hoffman fordert nachdrücklich eine Serienversion des erfolgreichen Sportwagens. Hoffmann wusste, dass Kunden viel Geld zahlen, um den „Mythos SL“ direkt erfahren zu können. Im Februar 1954 feiert der käufliche 300 SL auf der „International Motor Sports Show“ in New York Premiere.

Einsatz bei der Carrera Panamericana in Mexico
Als bei der III. Carrera Panamericana in Mexico ein Geier die Frontscheibe zerstört, bekommt die Frontscheibe Schutzstäbe. (Foto: Daimler-Benz)

Wobei das Serienfahrzeug den ursprünglichen Rennwagen in der Leistung übertraf. Denn dank einer Benzineinspritzung verfügt das Serienmodell der Baureihe W 198 inzwischen über eine Leistung von 215 PS. Wie schon der Rennwagen steigt auch das Serienmodell schnell zu einer Ikone des Automobilbaus auf. Bis heute gilt der 300 SL als der europäische Traumwagen der 1950er-Jahre.

Nummer 2 lebt

Von den Rennwagen hat das Fahrgestell mit der Nummer 194 010 00002/52 überlebt. Es war der Zweite überhaupt gebaute „SL“. Der erste gebaute SL, die Nummer 1 verschrottete die Rennabteilung noch in den 1950er-Jahren. Nummer 2 ist seit 1952 ununterbrochen im Werksbesitz. Anfang dieses Jahrzehnts restaurierte Mercedes-Benz Classic das Fahrzeug.

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