Ende 1984 fuhr ich noch mit einer Java 25 durch die norddeutsche Tiefebene. Denn das Alter sorgte dafür, dass ich statt eines Führerscheins nur über eine Mofa-Prüfbescheinigung verfügte. Trotzdem träumte ich von vier Rädern. Und so verschlang ich alles, was ich über Autos in die Finger bekam. Damit war ich nicht alleine. In der Schule gab es Gleichgesinnte. Daher diskutierten wir auf dem Schulhof die Testergebnisse und Fahrberichte der großen Auto-Zeitschriften.

Selbstverständlich kannten wir die technischen Daten auswendig. Teilweise weiß ich noch heute, dass der 230 E von Mercedes mit dem M 102 Motor über eine Leistung von 136 PS verfügte. Heute amüsiert mich da manchmal. Denn rückblickend betrachtet waren wir damals auf dem Schulhof Blinde, die von der Farbe schwärmten. Oder Eunuchen, die … aber lassen wir das!

Natürlich las ich irgendwann in der Vorweihnachtszeit auch etwas für die damals neue obere Mittelklasse von Mercedes-Benz. Schon beim Betrachten der ersten Bilder war ich elektrisiert. Denn der gute Stern auf allen Straßen spielte bei uns zu Hause eine besondere Rolle. Mein Opa, der meine Leidenschaft für Technik und Mobilität ganz wesentlich prägte, fuhr mehr als 60 Jahre Mercedes. Für ihn galt die Maxime „das Beste oder nichts!“.

Designentwicklung der Mercedes-Benz Baureihe 124, Arbeit an Modellen im Maßstab 1:5.
Designentwicklung der Mercedes-Benz Baureihe W 124. Die Skizzen im Hintergrund zeigen, welche Entwürfe Daimler-Benz nicht realisierte.

Vor 35 Jahren war das ein 1980er 300D (W 123), den wir zusammen in der Niederlassung in Kiel abholten. Der 300D war eine automobile Trutzburg. Dass die Stuttgarter auch anders können, das bewies seit 1979 die S-Klasse, die meine Tante zeitweise fuhr. Drei Jahre später folgt auch der 190er der von der S-Klasse vorgegeben Stilrichtung. Ausgerecht die obere Mittelklasse, traditionell das Fundament der Daimler-Benz-Bilanz, sah damit alt aus.

Doch Mercedes-Kunden sind traditionell konservativ. Vermutlich störte die Mehrzahl der Käufer des W 123 das in den 1980er-Jahren langsam veraltete Design ihres Autos gar nicht. Schließlich war ein Mercedes immer auch die klare Ansage, dass der Besitzer zum Establishment gehört. Vertreter der Avantgarde fuhren damals lieber Saab, weil es bei Citroen längst keine chicen Autos mehr gab.

Der Mercedes-Benz W 124 veränderte alles!

Denn die war optisch und technisch ein Technologiesprung. Äußerlich unterschied sich der Neue deutlich von seinem Vorgänger. Während die 1975 vorgestellte Baureihe W 123 stets etwas barock wirkte, war ihr Nachfolger geradezu stylish. Dem Betrachter war sofort klar, dass die neue Karosserie ein Kind des Windkanals war. Das entsprach damals den Zeitgeist. Denn praktisch alle Hersteller strebten nach der Krone des Aerodynamik-Weltmeisters.

Schon als 1977 das Lastenheft für die Baureihe W 124 entstand, gab der Vorstand von Daimler-Benz das Ziel vor. Der Neue sollte über einen Luftwiderstandsbeiwert von cW = 0,32 verfügen. Beim Vorgänger lag dieser Messwert noch bei cW = 0,44. Die Entwickler unterboten die Vorgabe. Bei der Premiere der Baureihe W 124 verfügen die Fahrzeuge Ende 1984 je nach Motorisierung und Ausstattung tatsächlich über cW-Werte von 0,29 bis 0,30. Vorgabe erfüllt!

Mercedes-Benz Limousine der Baureihe 124 im Windkanal. Foto aus dem Jahr 1984.
Mercedes-Benz Limousine der Baureihe 124 im Windkanal. Foto aus dem Jahr 1984.

Zudem verfügt die Baureihe W 124 damals über die stabilste Fahrgastzelle seiner Klasse. Beides zusammen beeindruckt die Fachpresse bei der Premiere vor 35 Jahren. Wobei der Ort der Fahrveranstaltung gut gewählt war. Denn in der Nähe von Sevilla regnet es auch im November nur selten. Deshalb merkte damals keiner der anwesenden Kollegen, dass bei feuchtem Wetter Wasser in den Kofferraum tröpfelt.

Ein Umstand, der meinen Großvater bei seinem Mercedes-Benz W 124 später ziemlich nerven sollte. Denn Anfang 1985 startet in Deutschland die Auslieferung an die Kunden. Neben drei Dieselvarianten (200 D, 250 D und 300 D), einem 2-Liter-Vergasermotor (200) gibt es vier Ottomotor-Typen mit Benzineinspritzung (200 E, 230 E, 260 E und 300 E). Daimler-Benz kennt ihre Kunden und entwickelt die Motorenpalette in den kommenden Jahren kontinuierlich weiter.

Mercedes-Benz 500 E (W 124). Foto aus dem Jahr 1990.
Mercedes-Benz 500 E (W 124). Foto aus dem Jahr 1990. Mit dem 500 E wurde der Mercedes-Benz W 124 zur Hochleistungslimousine.

Beim Debüt hätte vermutlich niemand erwartet, dass es ab 1990 unter der Motorhaube des Mercedes-Benz W 124 auch Achtzylinder-Motoren gibt. Die Modelle 400 E und 500 E gelten zu ihrer Zeit als absolute Hochleistungslimousinen. In elf Jahren entstehen mehr als 2,2 Millionen Limousinen der Baureihe. Der Anteil der Achtzylinder ist verschwindend gering. Trotzdem beflügelten sie das Image der Baureihe. Denn mit ihnen war Mercedes nicht nur stylish, sondern cool!

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