Rennsport-Geschichten

Erster Akt – Frank Williams Racing Cars

Frank Williams, sechs Jahrzehnte Motorsport – vom Hungerleider im Feld zum Top-Team

Frank Williams und seine Familie ziehen sich nach dem Verkauf des eigenen Teams aus der Formel 1 zurück. Was viele nicht wissen, das heutige Team war nicht der erste Versuch des Briten, in der Königsklasse des Motorsports Fuß zu fassen. Im zweiten Teil unser Serie blicken wir zurück, wie Frank Williams mit 28 Jahren zum Formel-1-Teamchef von Frank Williams Racing Cars aufstieg.

Frank Williams lernt in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre im Motorsport Freunde fürs Leben kennen. Gemeinsam mit den Rennfahrern Jonathan Williams – trotz des gleichen Nachnamens kein Verwandter – und Piers Courage macht der Brite schon 1964 als Bestandteil von „Anglo-Swiss Racing“ europäische Rennstrecken unsicher. Seinen Freunden bietet sich anschließend die Möglichkeit des Wechsels in das professionell geführte Rennteam von Charles Lucas. Mit von Lucas und seinem Partner Roy Thomas modifizierten Ex-Werkswagen von Brabham gewinnen beide 1965 zahlreiche Formel-3-Rennen.

Das professionell Auftreten der Mannschaft rund um den Eton-Absolventen und Millionenerben Lucas fällt auch Colin Chapman auf. Der Lotus-Chef bietet Lucas an, 1966 als Semi-Werksteam von Lotus in der Nachwuchsklasse anzutreten. Piers Courage, der Lucas seit der gemeinsamen Schulzeit kennt, sieht im „Charles Lucas – Team Lotus“ die Chance, sich für ein Formel-1-Cockpit bei Lotus zu empfehlen. Der Plan geht auf, Chapman ermöglicht dem Rennfahrer noch im gleichen Jahr sein Grand-Prix-Debüt. Auf der Nordschleife darf Courage mit einem Formel-2-Boliden antreten.

Courage kann die Chance jedoch nicht nutzen, fällt nach vier Runden mit einem Fahrfehler aus. Für Jonathan Williams ist dagegen im Team von Charles Lucas bald kein Platz mehr. Denn der Rennfahrer benötigt lange, um sich von den Folgen eines Unfalls in Reimes zu erholen. Daher unterschreibt Jonathan Williams in Italien einen Vertrag bei Gino De Sanctis. Der Fiat-Händler aus Rom baute ab 1958 eigene Rennwagen. Eine Story, die wir uns bei Gelegenheit in einem weiteren Blog-Artikel vornehmen müssen.

Courage scheitert in der Formel 2 zunächst!

Auch die Wohngemeinschaft in der Pinner Road löst sich langsam auf. Denn Piers Courage heiratet das Modell Lady Sarah-Marguerite „Sally“ Curzon. Deren Vater Francis Curzon gewann 1931 die 24-Stunden von Le Mans. Wie das Licht die Motten anzieht, zieht das Paar die Berichterstatter der Regenbogenpresse an. An der engen Freundschaft zwischen Frank Williams und Piers Courage ändert das jedoch nichts. Daher bekommt Frank Williams aus nächster Nähe mit, dass sich die Hoffnung seines Freundes auf ein echtes Werkscockpit bei Lotus nicht erfüllen.

Denn Colin Chapman hält den Eton-Absolventen für zu weich für den professionellen Motorsport. Der Fahrfehler am Nürburgring, der Courage beim Grand-Prix-Debüt aus dem Rennen riß, war den Lotus-Chef die passende Bestätigung. Die Zusammenarbeit von Charles Lucas und Lotus endet nach nur einem Jahr. Denn zwischen Team und Hersteller es gibt Unstimmigkeiten über die Verteilung der Preisgelder. Zudem sieht sich Piers Courage endgültig reif für höhere Aufgaben. Dafür will Lotus jedoch kein Auto bereitstellen.

Aufwärts geht es für Piers Courage erst, als Frank Williams Racing Cars 1968 in der Formel 2 einen Brabham einsetzt. Hier ist Courage (#32) in Zandvoort in der Formel 2 unterwegs. (Foto: Nationaal Archief, Bestandsnummer 921-5605)
Aufwärts geht es für Piers Courage erst, als Frank Williams Racing Cars 1968 in der Formel 2 einen Brabham einsetzt. Hier ist Courage (#32) in Zandvoort in der Formel 2 unterwegs. (Foto: Nationaal Archief, Bestandsnummer 921-5605)

Dabei gewann der Brite 1966 nicht nur einige Rennen, sondern auch den französischen Formel-3-Titel. Reg Parnell Racing reicht diese Visitenkarte. Das Team vertraut Courage einen seiner BRM-Rennwagen an. Doch schon nach dem Großen Preis von Monaco ist vorerst Schluß, Courage verliert sein Cockpit an Chris Irwin und wechselt ins Formel-2-Team des Jaguar-Händlers John Coombs. Hier versucht Courage, das unterlegene Material mit einer besonderen Risikobereitschaft auszugleichen. Die Folge sind zahlreiche Unfälle. Deshalb gilt Courage bald als überforderter Bruchpilot.

Aus Frank Williams Racing Cars wird ein Rennstall!

Formel-2-Teamchef John Coombs empfiehlt dem Rennfahrer sogar, den Helm an den Nagel zu hängen. Frank Williams ist anderer Meinung. 1968 setzt Frank Williams Racing Cars in der Formel 2 einen Brabham BT23C für Piers Courage ein. Parallel dazu geht der Rennfahrer wieder für das Team Reg Parnell Racing in der Formel 1 an den Start. Während in der Königsklasse meist vorzeitig Schluss ist, zahlt Courage das Vertrauen seines Freunds in der Formel 2 mit Leistung zurück.

Schon beim F2-Debüt des neuen Teams in Barcelona gelingt bei einem Rennen für Formel-2-Boliden Platz vier. Beim Auftakt der Europameisterschaft in Hockenheim fährt Courage als Dritter sogar auf das Podium. Mit einem Sieg in Enna-Pergussa auf Sizilien sichert Courage dem Team Platz schließlich sechs in der Europameisterschaft. Neben Courage sitzt zeitweilig auch der spätere FIA-Chef Max Mosley in einem weiteren von Frank Williams Racing Cars eingesetzten Boliden.

Frank Williams Racing Cars auch in der Formel 3 an!

Zusätzlich betreibt Frank Williams Racing Cars mit zwei Brabham ein Formel 3-Programm. Mit Tetsu Ikuzawa, Richard Burton und Malcolm Guthrie fahren gleich drei Piloten für Williams in Großbritannien. Wobei Ikuzawa vier Läufe der „III MCD Lombank Championship“ gewinnt. In Frankreich sitzen die Franzosen Patrick Champin und Jean-Francois in den Rennwagen. Denn Teamchef Frank Williams weiß, dass nur fahrende Rennwagen Geld verdienen. Deshalb ist das Team in ganz Europa unterwegs.

Beim „Gran Premio della Lotteria di Monza“ in Juni übernimmt Jonathan Williams den Formel-2-Brabham des Teams. Prompt gewinnt der Brite für Williams das Rennen auf der Rennstrecke vor den Toren Mailands. Es ist der erste Sieg eines von Frank Williams eingesetzten Fahrzeugs. Mit dem Erfolg überzeugt Jonathan Williams nebenbei Alejandro de Tomaso von einem persönlichen Vertrag. Von dieser Verbindung profitiert nur wenig später auch sein Freund Frank Williams.

Frank Williams organisiert einen Brabham BT26 für die Königsklasse!

Schon 1969 steigt Frank Williams zusammen mit seinem Freund Piers Courage im Cockpit in die Formel 1 auf. Aus dem Vorjahr verfügt Williams über gute Beziehungen zur Jack Brabham und seiner Firma Motor Racing Developments (MRD). Eigentlich will MRD keine aktuellen Fahrzeuge mehr an Formel-1-Kundenteams liefern. Doch Frank Williams schafft es trotzdem, trickreich einen neuen Brabham BT26 mit Cosworth-Motor für Courage ins Grid zu stellen.

Brabham verstimmt das nachhaltig, denn Frank Williams erwarb den BT26 eigentlich für die Tasman Serie. Später sollte der Rennwagen in Australien in der Formel 5000 laufen, so erzählte es Williams Brabham. Das war wohl eine glatte Lüge! Denn Williams plante nie einen Verkauf des Rennwagens nach Australien. Schon beim zweiten gemeinsamen Formel-1-Einsatz fährt Courage in Monaco mit dem Brabham auf den zweiten Platz. Ein Ergebnis, das der Brite später beim Grand Prix von Kanada ebenfalls erreicht.

Frank Williams (2. von links) rettet die Formel-1-Kariere von Piers Courage. Mit 27 Jahren steigt Frank Williams 1969 mit einem Brabham in die Formel 1 ein. (Foto: Joost Evers / Anefo, Nationaal Archief , Bestandsnumemr 922-5542

Neben dem Programm in der Königsklasse tritt Frank Williams Racing Cars weiter in der Formel 2 an. Unter anderem Derek Bell fährt jetzt für Williams. Auch Malcolm Guthrie sitzt zeitweise in einem von Williams eingesetzten F2-Fahrzeug. John Kendall hält die Fahne des Teams in der Formel 3 hoch. Doch nach dem erfolgreichen Start in der Formel 1 ist die Zukunft des Engagements in der Königsklasse im Winter 1960/70 unsicher. Denn kein Top-Team will Williams einen aktuellen Wagen liefern.

1970 tritt Williams als de Tomaso Werksteam an!

Zum Glück hat Jonathan Williams die richtigen Kontakte. Denn der Brite fährt in seiner Wahlheimat Italien für Alejandro de Tomaso. Der Argentinier will gerade die Präsenz seiner Marke im Motorsport ausbauen. Allerdings lehnte es de Tomaso ab, in der Königsklasse ein eigenes Team zu führen. Frank Williams ist bereit, die Lücke zu füllen und die Einsätze zu übernehmen. Der Autobauer willigt ein und beauftragt seinen Mitarbeiter Gian Paolo Dallara mit der Konstruktion des passenden Fahrzeugs.

Der Ingenieur entwarf bereits für die Saison 1969 mit dem de Tomaso 103 einen durchaus gelungenen Formel-2-Boliden. Neben Jonathan Williams treten auch Jacky Ickx und Piers Courage im Laufe des Jahres mit dem Rennwagen an. Besonders ein dritter Platz von Courage in ersten Lauf des traditionell in zwei Teilen ausgetragenen F2-Rennens in Vallelunga überzeugt Frank Williams vom Potenzial der neuen Verbindung. Die Zusammenarbeit mit einem Autobauer bietet Williams zudem die Möglichkeit, sich zunächst auf die Königsklasse zu konzentrieren.

Das Drama von Zandvoort!

Gian Paolo Dallara stellt mit dem de Tomaso 505 für die Saison 1970 einen zeitgenössischen Rennwagen auf die Räder. Beim Antrieb vertraut die britisch-italienische Renngemeinschaft weiter auf den bewährten V8 von Cosworth. Dem technologischen Anspruch des Sportwagenherstellers de Tomaso folgend, setzt Dallara bei der Konstruktion des Monoposto auf relativ viel Magnesium. Davon versprechen sich alle Beteiligten Gewichtsvorteile. Trotzdem gilt der 505 beim Debüt als etwas zu schwer.

Zudem ist der Rennwagen unzuverlässig. Doch mit kontinuierlicher Entwicklungsarbeit macht sich das Team Frank Williams Racings Cars daran, dem Auto die Schwachstellen auszutreiben. Doch die Entwicklungsarbeit gerät ins Stocken, als Piers Courage beim Großen Preis der Niederlande in Zandvoort ums Leben kommt. Courage verbrennt im Wrack seines Rennwagens. Denn nach einem Unfall entzündet sich das Benzin. Der reichhaltige Einsatz von Magnesium beim Bau des Chassis gibt dem Feuer weitere Nahrung.

Zandvoort 1970 bleibt ein Skandal!

Da schon beim Aufprall ein Vorderrad den Piloten traf, verliert dieser das Bewusstsein. Anders als vor ein paar Wochen Romain Grosjean kann Piers Courage den Rennwagen nicht verlassen und stirbt den Rennfahrertod. Es gilt bis heute als Skandal, dass das Rennen während der Löscharbeiten einfach weiterlief. Für Frank Williams ist der Verlust seines Freundes Piers Courage der emotionale Tiefpunkt seiner Karriere. Viele Szene-Kenner sind sich sicher, dass Williams wegen des Verlusts nie wieder zu einem anderen Rennfahrer eine enge Bindung aufbaut.

Beim Großen Preis der Niederlande verunglückt Piers Courage. Die Rettungskräfte sind mit der Situation überfordert und unzureichend ausgerüstet. Courage kommt ums Leben. Zum Skandal gerät, dass das Rennen während der Löscharbeiten ungebremst weiterläuft. Ein Tiefpunkt der Formel-1-Geschichte. (Foto: Joost Evers / Anefo – Nationaal Archief , Bestandsnummer 923-6117)
Beim Großen Preis der Niederlande verunglückt Piers Courage. Die Rettungskräfte sind mit der Situation überfordert und unzureichend ausgerüstet. Courage kommt ums Leben. Zum Skandal gerät, dass das Rennen während der Löscharbeiten ungebremst weiterläuft. Ein Tiefpunkt der Formel-1-Geschichte. (Foto: Joost Evers / Anefo – Nationaal Archief , Bestandsnummer 923-6117)

Vom harten Umgang des Teamchefs mit seinen Piloten berichten praktisch alle, die einmal für Williams fuhren. Auch Jonathan Williams hängt kurz nach dem Tod des gemeinsamen Freundes seinen Helm bald an den Nagel. Der Ex-Rennfahrer verdient sein Geld in den kommenden Jahren zunächst als Privatpilot von Alejandro de Tomaso, um anschließend als Kunstflieger zu arbeiten.

Frank Williams Racing Cars wird March-Kundenteam

Nach dem Unfall von Zandvoort lässt Frank Williams Racing Cars die Rennen in Frankreich und Großbritannien aus. In Hockenheim übernimmt Brian Redman den Job im Cockpit, verpasst aber die Qualifikation. Anschließend sitzt Tim Schenken im de Tomaso. Doch auch der Australier kann mit dem von Frank Williams Racing Cars eingesetzten Rennwagen kein Rennen in Wertung beenden. Die Allianz mit de Tomaso endet nach nur einem Jahr.

1971 setzt Frank Williams einen March ein. Ins Cockpit steigt Henri Pescarolo. Der Franzose fährt in Großbritannien (4.) und Deutschland (6.) sogar zweimal in die Punkte. Nebenbei tritt Williams auch wieder in der Formel 2 an. Derek Bell fährt für Williams die Europameisterschaft. Carlos Pace tritt in seiner brasilianischen Heimat für Williams an. Trotzdem bleibt die finanzielle Lage angespannt. Das gilt im Fahrerlager als offenes Geheimnis. Deshalb sind dort viele überrascht, dass Frank Williams Racing Cars 1972 mit zwei Rennwagen antritt.

Frank Williams Racing Cars steht stets für Piloten, deren Sponsoren fürs Fahren bezahlen!

Neben Pescarolo sitzt 1972 der Carlos Pace in der Formel 1 in einem weiteren March des Teams. Immerhin fließt mit dem Geld der Sponsoren des Brasilianers etwas Geld in die schmale Kasse des Teams. Zudem zeigt sich, dass auf Dauer kein Weg am Einsatz eines eigenen Autos vorbeiführt. Denn der Einsatz käuflicher Rennwagen verschlingt einen großen Teil des Budgets. Deshalb will auch Frank Williams mit seinem Team Frank Williams Racing Cars in den Kreis der Formel-1-Konstrukteure aufsteigen. Doch dazu in Kürze mehr …

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Fabian P. Wiedl interessiert sich seit Kindestagen für Motorsport und Automobile. Als Mitverfasser mehrerer Bücher, wovon insbesondere „Audi Typenkunde: Renn- und Rallyewagen von 1968 bis 2013“ zu erwähnen ist, greift Wiedl gern auf sein umfassendes Motorsport-Archiv zurück. Tom Schwede wuchs in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Dies war ein optimaler Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Seit 2010 moderiert Tom bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland sowie dem angrenzenden Ausland.

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